Im Spannungsfeld von Rezeptionsästhetik, Literaturanalyse und Bildungsauftrag wird anhand der ausgewählten Romanreihe zur Figur Anastasia Krupnik von Lois Lowry aus der Gattung Kinder- und Jugendliteratur der Leitfrage nachgegangen, ob literarische Lernprozesse mit berufsorientierendem Lernen einhergehen können. Kann durch entsprechende Lektüreauswahl berufsorientierender Literaturunterricht einen Beitrag zur späteren Berufswahlentscheidung von Schülerinnen und Schülern leisten? Dafür werden sechs Kategorien von berufsorientierenden Elementen im Text vorausbestimmt, um sie textimmanent hinsichtlich einer möglichen Wirkung auf die Leser und ihrer Funktion im Text zu analysieren. Das Ergebnis ist der Ansatz einer Definition zu berufsorientierenden Elementen in literarischen Lernkontexten.
Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden höheren Schulen [...] stehen zwei Mal in der Situation, eine Entscheidung für ihren (beruflichen) Lebensverlauf treffen zu können. Einmal in der Unterstufe mit ungefähr 14 Jahren, beim Übergang von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II und ein zweites Mal kurz vor und nach der Matura, mit ungefähr 18 Jahren. [...] Mit dem Schuljahr 1998/99 reagiert die Bildungspolitik mit der Erweiterung des Auftrages auch auf das Feld der Berufswahlvorbereitung für die AHS-Unterstufe (AHS/U) , wobei die gesetzliche Verpflichtung zur Berufsorientierung in ihrer organisatorischen Umsetzung der Schule freigestellt wird. Die per Erlass stattgefundene Auftragserteilung ist als eigenes Unterrichtsfach oder integrativ auf alle Unterrichtsfächer verteilt umzusetzen. Eine im Schuljahr 2005/06 durchgeführte bundesweite Erhebung zeigt, dass ca. 97 % der allgemeinbildenden höheren Schulen BO integrativ, also in einzelnen Unterrichtsfächern sowie in Projekten und berufspraktischen Tagen umsetzen . Somit sind Teilaspekte von Berufsorientierungsmaßnahmen größtenteils im Verantwortungsbereich der einzelnen Fächer und Fachlehrenden angesiedelt. In einem für diese Arbeit voraus geführtem Experteninterview an einer Wiener AHS schätzt eine befragte Deutschlehrerin persönlich dazu ein: „Wir haben uns zwar darauf geeinigt, dass möglichst alle Fächer etwas machen sollen, es stellt sich jedoch heraus, dass doch in erster Linie der Deutschunterricht hier aktiv ist.“
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Themenfindung und Vorgangsweise
1.2 Intention und Zielvorstellung
1.3 Forschungsstand und Literatur
2 Begriffsklärung
2.1 Berufsorientierung
2.1.1 Wortkomposition und Bedeutungsebenen
2.1.2 BO und ibobb – Schulische BO in der AHS
2.1.3 Geschlechtsspezifische Zuwendung
2.2 Rezeptions- und Wirkungsästhetik
2.2.1 Psychologische Prozesse beim Lesen
2.2.2 Literarästhetische Rezeptionskompetenz
2.3 Berufsorientierende Elemente – Perspektivenwechsel
2.4 Der literarische Lernkontext
2.4.1 Literaturunterricht und literarische Bildung
2.4.2 Literarisches Lernen
2.4.3 Berufsorientierendes Lernen
3 Textimmanente Literaturanalyse - „Anastasia“ von Lois Lowry
3.1 Berufsbilder und berufliche Handlungsfelder in der Geschichte
3.1.1 Die Verwendung von Berufsbildern in der inszenierten Fiktion
3.1.1.1 Ein quantitativer Querschnitt
3.1.1.2 Ein qualitativer Überblick
3.1.2 Anastasia, eine Heldin mit beruflicher Haltung
3.1.3 Hausarbeit, unbezahlte Erwerbsarbeit und Frauenarbeit
3.1.4 Leistungsanspruch und gesellschaftlicher Druck
3.2 Die schreibende Protagonistin als Reflexionsfläche des Lesers
3.2.1 Gedichte schreiben, ein dichterisches Handwerk.
3.2.1 Was-ich-liebe- und Was-ich-hasse-Liste und das kleine grüne Buch
3.2.2 Anastasia schreibt einen Roman
3.2.3 Wissenschaftlicher Forschungsbericht. Ein Schulprojekt
3.2.4 Haushaltsplan der Familie. Anastasia übernimmt den Haushalt
3.2.5 WER-WAS-WANN-WO-WARUM-Notizen.
3.2.6 „Mein Berufswunsch.“ Anastasia denkt an die Zukunft
3.3 Nebenfiguren der Geschichte - Figurenanalyse
3.3.1 Eltern und Verwandte als Bezugspersonen
3.3.1.1 Dr. Myron Krupnik – Vater und Literaturprofessor
3.3.1.2 Katherine Krupnik – Mutter, Hausfrau und Künstlerin
3.3.2 Außerfamiliäre Erwachsene
3.3.2.1 Wilhelmina Willoughby - Eine Turnlehrerin als Projektionsfläche
3.3.2.2 Barbara Page – Buchhändlerin mit reichem Ehemann
3.3.3 Anastasias Freunde
3.3.3.1 Daphne Bellingham
3.3.3.2 Robert Giannini
3.3.3.3 Henry Peabody
4 Zusammenhänge und Resümee
4.1 Mögliche berufsorientierende Elemente zusammengefasst
4.1.1 Berufsrollen, die von der Hauptfigur eingenommen werden
4.1.2 Tätigkeiten, die die Hauptfigur ausübt
4.1.3 Berufliche Vorbilder und Idole
4.1.4 Verfehlte Vorstellungen, Deutungen und Sichtweisen
4.1.5 Geäußerte Berufswünsche und Identitätskonstrukte
4.1.6 Berufsbezeichnungen und Fachtermini der fiktionalen Welt
4.2 Eine Definition als Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel zu untersuchen, inwiefern literarische Lernprozesse durch die Lektüre spezifischer Kinder- und Jugendliteratur – am Beispiel der „Anastasia“-Reihe von Lois Lowry – einen Beitrag zur berufsorientierenden Persönlichkeitsbildung und Berufswahlentscheidung von Schülerinnen und Schülern leisten können.
- Analyse berufsorientierender Elemente in literarischen Texten
- Verbindung von literarischem Lernen und schulischer Berufsorientierung (BO)
- Untersuchung der Bedeutung von Rollenbildern und Identitätskonstrukten für Jugendliche
- Diskussion der integrativen Umsetzung von BO im Deutschunterricht
- Reflexion über die Rolle von Literatur als Reflexionsfläche für berufliche Orientierungsprozesse
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Anastasia, eine Heldin mit beruflicher Haltung
Auf der Figurenebene konstruiert die Protagonistin nicht nur ihre normative Lebenswelt anhand von Berufsbildern, die sie in ihrem Umfeld wahrnimmt, sondern lässt an vielen Stellen eine bereits gediegene professionelle innere Haltung zur Arbeit erkennen. In Jörg Schudys Definition von subjektiver Berufsorientierung, heißt es, dass in der heutigen Pluralisierung von Lebensstilen es nicht mehr selbstverständlich sei, Arbeit und Beruf als ein maßgebliches Element im individuellen Lebenslauf zu berücksichtigen. Deshalb ist die eigene Haltung maßgeblich für den gesamten Berufswahlprozess. So manifestiert sich beispielsweise auf der Textoberfläche in den Anastasia-Romanen die produktive, schriftstellerische Tätigkeit durch die Figurenhandlung als auch durch die Summe aller begrifflichen Explikation vorkommender Berufsbilder, die die Heldin selbst aufgreift.
Ab dem ersten Roman führt Anastasia bereits mit zehn Jahren ein eigenes grünes Notizbuch mit sich, welches sie bis zum siebten Roman nicht mehr ablegt. In diesem erstellt sie in „Anastasia mit der rosa Warze. (1).“ eine Liste mit Dingen, die sie mag und nicht mag. Sie korrigiert und verändert sie laufend. Anastasia beweist auch Ausdauer und eine zielführende Arbeitshaltung, wenn es ums Gedichteschreiben geht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung der Berufsorientierung (BO) an AHS und führt in die Fragestellung ein, ob und wie der Literaturunterricht einen Beitrag zum Berufsfindungsprozess von Schülern leisten kann.
2 Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Berufsorientierung, Rezeptionsästhetik und literarisches Lernen, um einen theoretischen Rahmen für die Analyse zu spannen.
3 Textimmanente Literaturanalyse - „Anastasia“ von Lois Lowry: Hier erfolgt die detaillierte Untersuchung der „Anastasia“-Romane hinsichtlich dargestellter Berufsrollen, Tätigkeiten und der schreibenden Protagonistin als Reflexionsfläche für den Leser.
4 Zusammenhänge und Resümee: Dieses Kapitel fasst die berufsorientierenden Elemente zusammen, kategorisiert die Ergebnisse und formuliert eine Definition als abschließendes Resümee.
Schlüsselwörter
Berufsorientierung, Literaturunterricht, Anastasia Krupnik, Lois Lowry, literarisches Lernen, Rezeptionsästhetik, Identitätsbildung, Berufsrollen, Geschlechterrollen, Schulpraxis, Jugendliteratur, Berufswahlkompetenz, Deutschunterricht, Textanalyse, Persönlichkeitsbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Schnittstelle zwischen schulischer Berufsorientierung und Literaturunterricht, um zu klären, ob durch die Auswahl passender Literatur berufsorientierende Lernprozesse bei Jugendlichen angestoßen werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die Theorie der Berufsorientierung, rezeptionsästhetische Ansätze im Literaturunterricht sowie die textimmanente Analyse der „Anastasia“-Reihe von Lois Lowry.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob literarische Lernprozesse, unterstützt durch entsprechende Lektüreauswahl, einen signifikanten Beitrag zur Berufswahlentscheidung und Identitätsfindung von Schülern leisten können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine Literaturrecherche, eine Lesebuchanalyse der Jahrgänge 2005/2006, qualitative Experteninterviews mit fünf Deutschlehrkräften und eine textimmanente Analyse der „Anastasia“-Romanreihe.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Definition des Begriffs „berufsorientierende Elemente“, der theoretischen Fundierung durch Rezeptions- und Wirkungsästhetik sowie der konkreten Analyse der Anastasia-Romane als Reflexionsraum für berufliche Identitätskonstrukte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Berufsorientierung, literarisches Lernen, Identitätsbildung, Rezeptionsästhetik und die Analyse von Berufsbildern in der Jugendliteratur.
Warum wird gerade die „Anastasia“-Reihe als Fallbeispiel gewählt?
Die Reihe eignet sich besonders gut, da die Protagonistin eine wachsende berufliche Haltung zeigt und ihr Schreiben von Listen, Gedichten und Texten als Medium für ihre Identitätsentwicklung dient, was ideal als berufsorientierendes Element fungiert.
Welche Rolle spielt das Geschlecht bei der Berufsorientierung in der Arbeit?
Die Arbeit diskutiert die geschlechtsspezifische Segmentierung des Arbeitsmarktes und betont, dass der Deutschunterricht durch die Dekonstruktion von Rollenklischees in Literatur dazu beitragen kann, Mädchen und Buben für eine freiere Berufswahl zu sensibilisieren.
Wie bewerten die befragten Lehrkräfte die Integration von BO in den Deutschunterricht?
Die Lehrkräfte sehen die Integration grundsätzlich als machbar an, betonen jedoch häufig, dass es sich primär um eine zeitliche Herausforderung handelt und die Relevanz für jüngere Schüler teilweise schwer vermittelbar ist.
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- Mag. Elma Orucevic (Autor), 2021, Berufsorientierende Elemente im literarischen Lernkontext, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1035007