Was bedeutet es, jung und rebellisch in einem Staat zu sein, der Konformität erwartet? Tauchen Sie ein in die Welt von Edgar Wibeau, einem 17-jährigen Lehrling in der DDR der 1970er Jahre, dessen Leben eine faszinierende Kollision aus jugendlicher Auflehnung und literarischer Inspiration ist. Dieser Roman, der bei seiner Veröffentlichung eine literarische Sensation war, porträtiert Edgars Suche nach Selbstverwirklichung, eingebettet in den gesellschaftspolitischen Kontext der Deutschen Demokratischen Republik. Von seiner Ablehnung des väterlichen Erbes und der Enge der Kleinstadt Mittenberg bis zu seiner künstlerischen Findungsreise im rauen Berlin, verkörpert Edgar den Kampf einer ganzen Generation. Seine Obsession mit Jeans, Popmusik und dem Roman "Robinson Crusoe" stehen symbolisch für seine Sehnsucht nach Freiheit und Individualität. Doch es ist seine unerwartete Auseinandersetzung mit Goethes "Die Leiden des jungen Werther", die seinem Leben eine tragische Wendung gibt. Durch ironische Tonbandbotschaften an seinen Freund Willi verarbeitet Edgar seine eigenen "Leiden", insbesondere seine unglückliche Liebe zu Charlie. Der Roman verwebt auf meisterhafte Weise die Themen Jugend, Rebellion, Liebe und den Einfluss der Literatur, um ein kraftvolles Bild des Lebens in der DDR zu zeichnen. Erleben Sie, wie Edgar zwischen den Erwartungen des sozialistischen Staates und seinem Drang nach persönlicher Freiheit navigiert. Seine Geschichte ist nicht nur eine Erzählung über das Erwachsenwerden, sondern auch eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Normen und politischen Realitäten der DDR. Entdecken Sie die Hintergründe der kulturpolitischen Situation, die diesen Roman ermöglichte, und die Gründe, warum er Leser in Ost und West gleichermaßen fesselte. Eine Geschichte über den schmerzhaften Preis der Individualität und die Suche nach dem eigenen Ich in einer Welt, die versucht, uns zu formen. Begleiten Sie Edgar auf seiner Reise, einem tragischen Helden der DDR-Literatur, dessen Schicksal noch lange nach dem Zuklappen des Buches nachhallt. Ein Muss für alle, die sich für deutsche Geschichte, Jugendliteratur und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konventionen interessieren.
Gliederung:
1. Biographie Plenzdorf
2. Inhaltsangabe
3. gesellschaftspol. Hintergrund
4. kulturpol. Situation und Entwicklung der Entstehungszeit des Romans
1. Biographie:
- dt. Schriftsteller
- geb. 26.10.1934 in Berlin - Kreuzberg
- stammt aus Arbeiterfam.; Eltern waren während NS als Kommunisten inhaftiert
- nach Abitur Studium für 1 Jahr am Franz-Mehring-Institut in Leipzig - MarxismusLeninismus
- anschließend, 1955-58, Bühnenarbeiter bei DEFA
- 1959 Studium an Filmhochschule in Babelsberg
- seit 1963 festangestellter DEFA-Szenarist u. Filmdramaturg
- 1971 Heinrich-Greif-Preis
- 1971 Kunstpreis des FDGB für Film
- 1973 Heinrich-Mann-Preis der DDR
- 1978 Ingeborg-Bachmann-Preis für Prosastück ,,kein runter kein fern"
- sein erstes Skript 1965 verboten (erst 1978 verfilmt)
- sein Drehbuch ,,Die neuen Leiden des jungen W." (1968/69) blieb - bedingt durch weitere Repressalien des Staates - unrealisiert u. erschien stattdessen 1972 in Prosafassung
- Drehbuch ,,Paul und Paula" (1974 verfilmt) schloss unmittelbar an Erfolg an u. zählt zu den erfolgreichsten Kinofilmen der 40-jährigen DDR-Geschichte (Romanfassung 1979 unter Titel ,,Die Legende vom Glück ohne Ende")
- zuletzt schrieb P. das Buch für neue Folgen der Erfolgsserie ,,Liebling Kreuzberg"
2. Inhaltsangabe:
- P.`s Roman beschreibt den letzten Abschnitt aus dem kurzen Leben des 17-jährigen Lehrlings Edgar Wibeau. Edgar wächst in Mittenberg auf, einer kleinen Stadt im Bezirk Frankfurt/Oder in der DDR. Sein Vater verlässt die Familie, als Edgar 5 Jahre alt ist. Edgar schließt die Polytechnische Oberschule als Klassenbester ab und ist auch bester Mechanikerlehrling beim VEB (K) Hydraulik, wo seine Mutter eine leitende Stellung einnimmt. Im 3. Lehrjahr gibt er nach einem Zwischenfall im Betrieb - er lässt seinem Lehrlingsausbilder während einer Auseinandersetzung eine Eisenplatte auf den Fuß fallen - überraschend seine Lehre auf u. bricht aus der Kleinstadt Mittenberg nach Berlin auf. Ausdruck seines Rebellentums und seiner Selbstverwirklichungs - wünsche sind lange Haare, Popmusik u. vor allem Jeans. Edgars Idole sind D. Defoes "Robinson Crusoe" u. Holden Caufield, der gegen die Erwachsenenwelt aufbegehrende Held aus J. D. Salingers Erzählung ,,The Catcher in the Rye".
Nach dem Scheitern seines Plans, Kunstmaler zu werden, zieht Edgar in die zum Abbruch bestimmte Laube der Eltern seines Freundes Willi in Ost-Berlin, wo er ohne geregelte Beschäftigung in den Tag hineinlebt.
Auf dem Plumpsklo findet er ein Reclam - Heftchen von J. W. Goethes Roman ,,Die Leiden des jungen Werther". Edgar beginnt zu lesen, ohne zunächst mit dem alten Buch viel anfangen zu können. Sein Verhältnis zu _Old Werther" beginnt sich zu ändern, als er sich in die Kindergärtnerin Charlie verliebt. Er fängt damit an, seinem in Mittenberg zurückgebliebenen Freund Willi Tonbandaufnahmen mit jeweils zu seiner Stimmungslage passenden Werther - Zitaten zu schicken u. somit Goethes Roman in ironisch - kritischer Brechung als Ausdruck seiner eigenen Leiden zu benutzen. Je unglücklicher ihn seine Leidenschaft zu Charlie macht, desto mehr versteht Edgar Werthers Leiden als Spiegelung seiner eigenen Situation u. identifiziert sich mit der Goetheschen Titelfigur. Nach der Rückkehr von Charlies Verlobten aus der Volksarmee kommt es zur vorübergehenden Trennung zw. Edgar u. Charlie. Edgar beginnt nach einer kurzen Zeit des Gammelns in einer Malerbrigade zu arbeiten, um etwas Geld zu verdienen. Aber er wird entlassen, als er beim misslungenen Test eines neuentwickelten Farbspritzgerätes den Brigadeleiter Addi mit einem Werther- Zitat provoziert. In dieser Zeit sucht er seinen Vater auf, gibt sich ihm aber nicht zu erkennen. Dann holt Addi ihn in die Gruppe zurück, und Edgar versucht selbst, das nebellose Farbspritzgerät zu konstruieren, hält sein Vorhaben aber geheim. Inzwischen haben Charlie u. Dieter geheiratet. Edgar besucht beide einige Male u. macht an einem Sonntag einen Ausflug mit Charlie, in dessen Verlauf es zur intimen Begegnung kommt. Er sieht Charlie nicht wieder u. beschließt, seine Erfindung zu Ende zu führen, um dann Berlin und seine vom Abbruch bedrohte Laube zu verlassen. Als er befürchten muss, dass seine Mutter ihn besucht, beeilt er sich mit der Konstruktion, läßt alle Vorsicht außer acht und kommt beim Ausprobieren seiner Farbspritze durch zu hohe Stromspannung ums Leben.
3. gesellschaftspol. Hintergrund:
- bei Veröffentlichung im Jahre 1972 war der Roman in der DDR eine literarische Sensation u. auch in der BRD sowohl ein Buch- als auch ein Theatererfolg
- viele jugendliche Leser aus DDR u. BRD von P.`s Text begeistert, aus folgenden Gründen:
- Probleme eines 17-jährigen Lehrlings mit der DDR-Erwachsenenwelt ungeschönt u. realistisch dargestellt
- jugendliche Leser finden sich in Edgar wieder u. können sich mit ihm identifizieren
- Identifikationsmöglichkeit verstärkt durch saloppe Sprache, die vielen Jugendlichen vertraut ist
- vertieft u. verallgemeinert Problematik, indem er formale u. inhaltliche Beziehungen zu G. ,,Die Leiden des jungen Werther" von1774 herstellt u. Zitate in jugendlichen - Jargon einbaut
- P. zeigt, welche Schwierigkeiten ein Jugendlicher in DDR hat, sich in Gesellschaft einzuordnen
- Deshalb muss eine Beschäftigung mit dem Roman die gesellschaftl. Situation der DDR zu seiner Entstehungszeit berücksichtigen:
- Edgars Konflikte mit Gesellschaft sind zwar übertragbar, aber manche Probleme stellen sich den Jugendlichen aus DDR anders als in BRD
- BRD: pluralistischer Staat mit versch. Weltanschauungen, mit untersch. Wert- u. Zielvorstellungen, mit Parteienwettbewerb u. abwählbaren Regierungen, mit einer Wirtschafts- u. Gesellschaftsordnung, die auf privatem Besitz beruht, die der Entwicklung von Gesellschaft u. Wirtschaft in erster Linie dem freien Spiel der Kräfte überlässt und die dem einzelnen relativ große Freiräume lässt, um die sich der Staat nicht kümmert
- DDR: dagegen ein Staat, der auf dem Gemeinbesitz aller Produktionsmittel beruht, der nur eine allg. verpflichtende Weltanschauung kennt, die kommunistische Ideologie, der von einer einzigen Partei regiert wird, der Sozialistischen Einheitspartei Dt. (SED), zu der es keine Alternative gibt
- SED hat führende Rolle u. Vorstellung von Interessengleichheit von Volk - Arbeiterklasse _ Partei - Parteiführung; beansprucht den Staat u. das gesamte gesellsch. Leben zu bestimmen u. alle Bereiche des menschlichen Lebens zu lenken; in diesem geschlossenen politischen System kommt der Erziehung der Jugend eine große Bedeutung zu (=Jugenpolitik)
- Jugendpolitik: Voraussetzung ist Annahme, dass die Interessen der Jugend mit denen von Staat u. Gesellschaft _ so wie sie von Partei bestimmt werden_ identisch sind; nach Jugendgesetz der DDR von 1974 hat die Jugend ,,die Aufgabe, aktiv an der Gestaltung der sozia listischen Demokratie mitzuwirken und ihre Fähigkeit zur Teilnahme am politischen und gesellschaftl. Leben zu erhöhen"
- FDJ: (Freie Deutsche Jugend) staatlicher Jugendverband der DDR; das wichtigste Instrument der SED zur ideologischen Beeinflussung u. zur pol. Mobilisierung der Jugend; Aufgabe (Programm der SED von 1976):
,,klassenbewußte Kämpfer für den gesellschaftl. Fortschritt heranzubilden, und dafür zu wirken, dass alle Jugendlichen die Möglichkeit nutzen, Arbeit, Studium u. Freizeit, ihr gesamtes Leben sinnvoll zu nutzen, dass sie zu aktiven Erbauern u. standhaften Verteidigern des Sozialismus u. Kommunismus werden" ; Zugehörigkeit zwar formal freiwillig, aber meist Voraussetzung für Besuch der zum Abitur führenden Erweiterten Oberschule u. zum Studium _ Erziehungsziel: ,,sozialistische Persönlichkeit"_ gekennzeichnet durch höhere Bildung, Liebe zur Arbeit u. zum arbeitenden Menschen, durch Fleiß, Disziplin u. Treue zu den sozialistischen Idealen
- Autoritäre Erziehung: angewendet bei Kindern u. Jugendlichen der DDR in Schule u. Ausbildung; frühzeitig Anpassung abverlangt; wünschenswerte Eigenschaften: Gründlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Ausdauer, Disziplin, Leistungsbereitschaft, Ordnungsliebe, Hilfsbereitschaft, Sparsamkeit, Einordnung, Unterordnung
- Freizeitgestaltung: in Jugendgesetz der DDR vorgeschrieben, wie Jugendliche in Schule, Beruf u. durch Kultur, Sport u. andere Freizeitgestaltungen zu ,,sozialistischen Persönlichkeiten" herangebildet werden sollen; Sport, Kultur u. Freizeitbeschäftigungen jeder Art sind keine Privatangelegenheiten, sondern haben gesellschaftspolitische Funktion; Freizeit muss ,,sinnvoll und effektiv" gestalten werden; Inhalt u. Umfang durch gesellschaftl. Erfordernisse (= wirtschaftl. Lage u. politische Zielsetzungen) beeinflusst u. begrenzt; nach Meinung der Partei führt eine freie u. unkontrolliert verbrachte Freizeit, die dem Konsum der internationalen Popkultur u. dem Kontakt mit Freunden dient, nicht unbedingt zur Anhebung der ökonomischen Leistungsbereitschaft
- Rückzug in den Privatbereich: Ursache dafür ist, dass das Bedürfnis nach Tanz, Musik u. modischer Kleidung staatlicher Fürsorge unterliegt; dadurch wird eine Spannung deutlich, zw. dem Anspruch des Systems nach sozialistischer Gestaltung aller Lebensbereiche seiner Bürger und der sozialen Wirklichkeit, in der besonders Jugendliche auf jede Art von Bevormundung empfindlich reagieren; Jugendlichen neigen dazu ein gespaltenes Leben zu führen _ ein öffentliches u. ein privates
- Keine Kreativität: das Spontane, Kreative, das selbständige Probieren, bei dem man nicht schulmeisterlich geregelt wird, sondern eigene Wege gehen u. auch Fehler machen kann, wird ausgegrenzt; Bereitschaft u. Fähigkeit zu Selbst- und Mitverantwortung werden in der Gesellschaft oft vernichtet, bevor sie sich entwickeln können
4. kulturpol. Situation u. Entwicklung der Entstehungszeit des Romans:
- Text hatte in beiden Staaten so eine außerordentliche Wirkung wegen seines kulturpol. Stellenwertes
- P.`s Werk ist Ausdruck für die endgültige Abwendung der DDR - Literaturtheorie u.
- Kulturpolitik von bisherigen Positionen u. es wurde der Versuch unternommen, sich mittels neuer Formen u. Inhalte mit der gesellschaftl. Wirklichkeit der DDR auseinanderzusetzen
- um Besonderheit u. Wirkung des Textes zu verstehen, muss man sich die kulturpol. Situation u. Entwicklung vor Augen halten, in die der Roman hineingeschrieben wurde
- wichtige Eckdaten für die Entwicklung der DDR - Literaturtheorie u.
- Literatur sind die beiden Bitterfelder Konferenzen, 1959 + 1964, sowie der VIII. Parteitag der SED von 1971
_ 1. Bitterfelder Konferenz:
- April 1959
- Thema: literarische Neuorientierung der DDR
- Kluft zw. Kunst und Leben, Schriftstellern und Arbeiterwelt sollte geschlossen werden
- Arbeiter sollten mehr lesen u. selbst schreiben _ Schriftsteller sollten in Betrieben zeitweise arbeiten um Arbeitswelt realistisch beschreiben zu können
- Politik hatte immer noch Vorrang der Literatur gegenüber
- Aufgabe der Literatur: den Lesern als Ansporn bei Gestaltung der Wirklichkeit dienen, dadurch, dass sie Erfahrungen mit Gesellschaft der Gegenwart vermitteln
- Aufgabe der Künstler: dem Leben voreilen u. viele Menschen für die großen Aufgaben des Sozialismus begeistern
- in dieser Zeit der 60er entstand ,,Ankunftsliteratur", deren Hauptthema die problemreiche, krisenhafte Eingliederung vor allem junger Menschen in die sozialist. Gesellschaft war _ davon setzt sich P.`s Text bewusst ab
- Darstellungsform, die den pol. Forderungen gerecht wird ist ,,sozialistische Realismus"
- in literarischen Entwicklung wurde das Programm der 1. BK bald überholt u. Grundsätze wurden zurückgenommen
- endgültig auf der 2. Bitterfelder Konferenz:
- festgestellt, dass die hohen Erwartungen in eine neuartige Form von Literatur, die Gesellschaft u. Leben miteinander verbindet, nicht erfüllt wurden
- neue Schwerpunkte = Perspektive von unten, aus Sicht der Arbeiter, ersetzt durch die von oben
- weiterhin Forderung nach Parteilichkeit der Literatur
_ 8. Parteitag der SED im Jahre 1971:
- leitete eine neue, liberale Phase der DDR - Kulturpolitik ein
- nach Phase des Aufbaus befand sich DDR nun im Stadium der ,,entwickelten sozialistischen Gesellschaft", durch Verbesserung der wirtschaftl. Lage der DDR, durch Erhöhung des individuellen Lebensstandards u. der zunehmenden Identifizierung der Bürger mit dem Staat
- den Künstlern konnte nun offener u. verständnisvoller begegnet werden
- kulturpolitische Liberalisierung
- DDR Schriftsteller erhalten neue Freiräume: sie könne n DDR - Gesellschaft u. das Verhältnis des einzelnen zu ihr kritisch darstellen
Häufig gestellte Fragen zu Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W."
Was ist der Inhalt der Biographie von Ulrich Plenzdorf?
Ulrich Plenzdorf war ein deutscher Schriftsteller, geboren am 26.10.1934 in Berlin-Kreuzberg. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie, deren Eltern während der NS-Zeit als Kommunisten inhaftiert waren. Nach dem Abitur studierte er ein Jahr am Franz-Mehring-Institut in Leipzig (Marxismus-Leninismus) und arbeitete anschließend als Bühnenarbeiter bei der DEFA. Er studierte an der Filmhochschule in Babelsberg und war seit 1963 festangestellter DEFA-Szenarist und Filmdramaturg. Er erhielt mehrere Preise, darunter den Heinrich-Greif-Preis, den Kunstpreis des FDGB und den Heinrich-Mann-Preis der DDR. Sein Drehbuch "Die neuen Leiden des jungen W." (1968/69) wurde aufgrund von Repressalien des Staates nicht verfilmt und erschien stattdessen 1972 in Prosafassung. Sein Drehbuch "Paul und Paula" (1974 verfilmt) war ein großer Erfolg.
Worum geht es in der Inhaltsangabe von "Die neuen Leiden des jungen W."?
Der Roman beschreibt den letzten Abschnitt im Leben des 17-jährigen Lehrlings Edgar Wibeau. Edgar wächst in Mittenberg auf. Sein Vater verlässt die Familie, als Edgar fünf Jahre alt ist. Edgar ist Klassenbester und bester Mechanikerlehrling. Nach einem Zwischenfall im Betrieb kündigt er überraschend seine Lehre und geht nach Berlin. Er rebelliert mit langen Haaren, Popmusik und Jeans. Edgars Idole sind Robinson Crusoe und Holden Caufield. In Berlin lebt er ohne geregelte Beschäftigung in einer Laube. Er findet ein Reclam-Heftchen von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und beginnt, Werther-Zitate an seinen Freund Willi zu schicken. Er verliebt sich in Charlie, die Kindergärtnerin. Als Charlies Verlobter zurückkehrt, trennen sich Edgar und Charlie vorübergehend. Edgar arbeitet kurzzeitig in einer Malerbrigade, wird aber entlassen. Er sucht seinen Vater auf, gibt sich aber nicht zu erkennen. Schließlich kommt er beim Ausprobieren einer selbstgebauten Farbspritze durch zu hohe Stromspannung ums Leben.
Welchen gesellschaftspolitischen Hintergrund hat der Roman?
Der Roman war 1972 in der DDR eine literarische Sensation. Viele Jugendliche in der DDR und BRD waren begeistert, weil die Probleme eines 17-jährigen mit der DDR-Erwachsenenwelt ungeschönt dargestellt wurden. Die Leser konnten sich mit Edgar identifizieren, auch durch die saloppe Sprache. Der Roman verallgemeinerte die Problematik durch formale und inhaltliche Beziehungen zu Goethes "Die Leiden des jungen Werther". Es zeigt die Schwierigkeiten eines Jugendlichen in der DDR, sich in die Gesellschaft einzuordnen. Im Gegensatz zur BRD, einem pluralistischen Staat, war die DDR ein Staat mit Gemeinbesitz, einer verpflichtenden Weltanschauung (kommunistische Ideologie) und einer führenden Partei (SED). Die SED beanspruchte, den Staat und das gesamte gesellschaftliche Leben zu bestimmen. Die Jugendpolitik hatte eine große Bedeutung. Die FDJ war das wichtigste Instrument der SED zur ideologischen Beeinflussung der Jugend. Die Erziehung war autoritär und forderte frühzeitige Anpassung. Die Freizeitgestaltung war staatlich geregelt, um "sozialistische Persönlichkeiten" heranzubilden. Dies führte zu einem Rückzug in den Privatbereich und einem gespaltenen Leben vieler Jugendlicher.
Wie war die kulturpolitische Situation zur Entstehungszeit des Romans?
Der Roman war Ausdruck für die Abwendung der DDR-Literaturtheorie und Kulturpolitik von bisherigen Positionen. Es wurde versucht, sich mittels neuer Formen und Inhalte mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit der DDR auseinanderzusetzen. Wichtige Eckdaten sind die beiden Bitterfelder Konferenzen (1959 und 1964) und der VIII. Parteitag der SED von 1971. Die erste Bitterfelder Konferenz (1959) forderte eine literarische Neuorientierung und die Schließung der Kluft zwischen Kunst und Leben. Die zweite Bitterfelder Konferenz (1964) stellte fest, dass die Erwartungen an eine neuartige Literatur nicht erfüllt wurden. Der VIII. Parteitag der SED (1971) leitete eine liberalere Phase der DDR-Kulturpolitik ein. Den Künstlern wurden neue Freiräume gegeben, um die DDR-Gesellschaft kritisch darzustellen. Erst in dieser Situation konnte Plenzdorf seinen Roman veröffentlichen.
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- Viola Barthel (Autor), 2001, Plenzdorf, Ulrich - Die neuen Leiden des jungen W., Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99871