Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Thematik des trägen Wissens. Konkret wird die Frage beantwortet, welche empirisch fundierten Aspekte situierter Lernumgebungen dem Transfer und der Anwendbarkeit von erworbenem Wissen zuträglich sein und damit den Aufbau trägen Wissens mindern können. Für die Klärung dieser Fragestellung werden zunächst die theoretischen Grundlagen zum trägen Wissen und der aktuelle Forschungsstand zur Förderung des Wissenstransfers dargelegt.
Dazu werden Aspekte situierter Lernumgebungen auf ihre empirische Evidenz überprüft. Die fünf herausgestellten Kategorien, Authentizität und Praxisnähe, Komplexität, multiple Perspektiven, Artikulation und Reflexion und sozialer Kontext bieten eine solide Grundlage für die anschließende Analyse und Bewertung des beigefügten Unterrichtsentwurfs und können, darüber hinaus, für zukünftige Unterrichtsplanung verwendet werden.
Das Hamburger Schulgesetz verdeutlicht mit einer gewissen Verbindlichkeit, dass nicht nur Wissensvermittlung zu den Aufgaben von Schulen gehört, sondern dass auch weitere Aufgabenfelder einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Schülern soll ermöglicht werden, sich als mündige Bürger in der Gesellschaft zu etablieren, um aktiv am gesellschaftlichen, beruflichen und politischen Leben teilhaben zu können. Die starke Kritik am Bildungssystem vonseiten der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zeigt jedoch, dass diese Ziele noch nicht erreicht sind.
Obwohl das berufliche Schulwesen in Deutschland, im internationalen Vergleich, gut aufgestellt und wettbewerbsfähig ist, lassen sich die Defizite, die in den Medien oft überspitzt dargestellt werden, nicht leugnen. Geringe Motivation, fehlendes Interesse, der Mangel von Problemlösefähigkeit und Handlungskompetenz oder träges Wissen sind die zentralen Herausforderungen des heutigen Bildungswesens. Neben dem medialen Diskurs bescheinigen auch empirische Bildungsstudien deutschen SuS den Mangel an der Kompetenz ihr Wissen auf konkrete Problemsituationen zu übertragen.
In Anbetracht dieser Problemlage gilt es folglich, zunächst die Frage nach den möglichen Einflussfaktoren zu ergründen und im nächsten Schritt Alternativen zu herkömmlichen Herangehensweisen im Unterricht zu konzipieren und durchzuführen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Forschungsstand und theoretische Basis
2.1 Trages Wissen
2.2 Lerntheoretische Einordnung des situierten Lernens
2.3 Empirische Befunde und Faktoren zum situierten Lernen
2.3.1 Authentizitat und Praxisnahe
2.3.2 Komplexitat
2.3.3 Multiple Perspektiven
2.3.4 Artikulation und Reflexion
2.3.5 Lernen im sozialen Kontext
3 Begrundung des Unterrichtentwurfs
3.1 Intention, Didaktische Reduktion und Ziele
3.2 Begrundung der Phasierung und des Durchfuhrungskonzepts
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik des sogenannten "tragen Wissens" und analysiert, wie durch den Einsatz situierter Lernumgebungen ein besserer Wissenstransfer und eine gesteigerte Anwendungskompetenz bei Lernenden erreicht werden kann, um die Diskrepanz zwischen theoretischem Wissen und praktischem Handeln zu überwinden.
- Phänomen des tragen Wissens im Bildungskontext
- Vergleich konstruktivistischer und kognitivistischer Lerntheorien
- Kriterien für situiertes Lernen (Authentizität, Komplexität, Reflexion)
- Didaktische Konzeption und Begründung eines konkreten Unterrichtsentwurfs
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Authentizität und Praxisnähe
Das Konzept situierter Lernumgebungen beruht auf der Idee, SuS mit komplexen und authentischen Problemen zu konfrontieren, die in einem selbst gesteuerten Prozess bearbeitet werden (vgl. Wild, 2015, 74). Eine Situation wird als authentisch eingestuft, wenn zwischen Lern- und Anwendungssituation ein hohes Maß an Kongruenz besteht (vgl. Fredebeul, 2007, 40).
Eine umfassende Studie, im Rahmen einer Promotion, konnte die positiven Effekte authentischer Aufgaben auf den Lernerfolg und die Motivation von SuS im Physikunterricht nachweisen (vgl. Kuhn, 2010) . Dabei wurden die Effekte verschiedener Instruktionstexte auf die Motivation und Leistungsfähigkeit der Lernenden untersucht. Es wurde die Wirkung von traditionellen Aufgabentexten und Texten, die in Form von Zeitungsartikeln präsentiert wurden, verglichen.
In einer weiteren Studie, mit berufstätigen Lehrerinnen und Lehrern (LehrerInnen), konnte gezeigt werden, dass Lernsituationen einen gewissen Grand an Abstraktheit aufweisen sollten, um Generalisierungen zu ermöglichen. Den Ergebnissen zufolge wurde in konstruierten Lernsituationen mehr Anwendungswissen aufgebaut, als in Lernsituationen, in denen konkrete Fallbeispiele aus der eigenen Praxis der LehrerInnen behandelt wurden (vgl. Rank, Hartinger & Fölling-Albers, 2010).
Auch Wissenschaftler der Queen’s Universität in Ontario (Kanada) konnten in einer Studie zeigen, dass die Lernerfolge und Lernmotivation von Studierenden der Medizin keine signifikanten Unterschiede vorweisen, wenn Studierende an realen oder simulierten Patienten praktizieren (vgl. Zumbach, 2003, 78-79).
Authentisch und praxisnah bedeutet folglich, dass Lernsituationen nicht gänzlich mit der Realität übereinstimmen müssen, da Lerner die Abstraktheit einer Aufgabe bis zu einem gewissen Grad akzeptieren oder diese für den Wissenstransfer sogar förderlich sein kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die bildungspolitische Relevanz der Problematik des tragen Wissens und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich empirisch fundierter Ansätze für situierte Lernumgebungen.
2 Forschungsstand und theoretische Basis: Dieses Kapitel ordnet den Begriff des tragen Wissens historisch und lerntheoretisch ein und diskutiert Faktoren des situierten Lernens sowie deren empirische Evidenz.
3 Begrundung des Unterrichtentwurfs: Hier wird die Anwendung der theoretischen Erkenntnisse auf einen konkreten Unterrichtsentwurf zum Thema Usability dargelegt, inklusive der didaktischen Reduktion und der Phasierung des Unterrichts.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und resümiert, dass sich konstruktivistische und kognitivistische Ansätze ergänzen können, um das Problem des tragen Wissens in der Praxis erfolgreich zu mindern.
Schlüsselwörter
Träges Wissen, situiertes Lernen, Konstruktivismus, Wissenstransfer, Unterrichtsentwurf, Usability, Authentizität, Lernmotivation, Handlungskompetenz, Artikulation, Reflexion, problemorientiertes Lernen, Mediengestaltung, kognitive Flexibilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Herausforderung, dass Schüler zwar theoretisches Wissen erwerben, dieses jedoch häufig nicht auf komplexe praktische Problemsituationen anwenden können, was als "träges Wissen" bezeichnet wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die lerntheoretische Einordnung des situierten Lernens, empirische Erfolgsfaktoren für Lernumgebungen sowie die praktische Planung einer Unterrichtseinheit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, empirisch fundierte Aspekte zu identifizieren, die den Transfer von erworbenem Wissen fördern und den Aufbau von trägem Wissen in der Schule mindern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung und Literaturanalyse, die den aktuellen Forschungsstand aufarbeitet und auf einen spezifischen Unterrichtsentwurf anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung sowie eine detaillierte Begründung eines Unterrichtsentwurfs zum Thema Web-Usability, basierend auf den zuvor analysierten Faktoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Träges Wissen, situierte Lernumgebungen, Wissenstransfer, Konstruktivismus und Handlungskompetenz sind die zentralen Begriffe der Publikation.
Wie definiert der Autor ein authentisches Lernumfeld?
Authentizität liegt dann vor, wenn eine hohe Kongruenz zwischen der Lernsituation und der realen Anwendungssituation besteht, wobei ein gewisser Grad an Abstraktheit zur Generalisierung sogar förderlich sein kann.
Welche Rolle spielt die Reflexion im Lernprozess?
Reflexions- und Artikulationsphasen sind laut Arbeit essenziell, um individuelle Lernprozesse zu strukturieren, Überforderungen durch komplexe Aufgaben zu mildern und nicht tragfähige Konzepte zu hinterfragen.
- Citation du texte
- Waldemar Schmidt (Auteur), 2015, Träges Wissen im Spannungsfeld von Instruktion und Konstruktion. Entwicklung von Problemlösungsfähigkeiten im Unterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958639