“Individualisierung” ist eines jener Worte, die auch außerhalb ihrer ursprünglichen akademischen Heimat häufig Verwendung finden. Ob als verkaufsförderndes Argument in der Produktwerbung, Fragebogenthema einer Jugendlichenzeitschrift oder Stammtischprognose für kommende Generationen, in Gesprächen oder Texten aus diversen Bereichen ist dieses Wort nicht mehr wegzudenken. Wie so häufig im alltäglichen Sprachgebrauch, wird unter diesem Wort jedoch verschiedenes verstanden; von der positiv konnotierten Individualisierung im Sinne eines “Herausbildens von Persönlichkeit”, die gerne in der Werbung Verwendung findet, bis hin zu Verwendungen des Wortes im kritischen Zusammenhang schwankt der Gebrauch des Wortes “Individualisierung” beträchtlich. Der Soziologe Markus Schroer merkt dazu an (Schroer 2000: 13): „In der Öffentlichkeit ist Individualisierung dabei schnell zur Generalformel avanciert, mit der man verschiedenartigste soziale Probleme erklären kann. Erklärt ist damit zwar nicht eines der angesprochenen Probleme, aber man verfügt zumindest über eine Formel, einen Hinweis, wo das Problem zu suchen ist. Individualisierung bedeutet in diesem Zusammenhang unübersehbar Egoismus, Vereinzelung, Yuppisierung, moralische Verwahrlosung.”
Aber auch in den auf klare Begrifflichkeiten angewiesenen Sozialwissenschaften ist das Wort selten klar definiert, häufig unterschiedlich konnotiert und als Konzept umstritten. Eine soziologische Arbeit kommt alleine in den Werken sechs klassischer Soziologen wie Simmel oder Durkheim auf nicht weniger als 24 verschiedene Dimensionen des Begriffes (Kippele 1998 in Kron 2000: 8), und selbst die „Gallionsfiguren der Individualisierungsdiskussion” (Kron 2000: 7), Ulrich Beck und seine Ehefrau Elisabeth Beck-Gernsheim sehen Individualisierung als als vielgestaltiges und unscharfes Phänomen (Kron 2000: 7). Unklarheit der Begriffe, Verschiedenartigkeit der Ansätze und wenig eindeutige empirische Studien verleiten Thomas Kron, den Herausgeber eines Sammelbandes zu dem Thema (Kron 2000), zu der höhnischen Schlussfolgerung, dass das Positive im “Individualisierungs-Tohuwabohu” (Kron 2000: 8) systemtheoretisch betrachtet zumindest zur Autopoiesis, zur Selbstgenerierung des Systems Wissenschaft beiträgt und dem einen oder anderen Autoren ermöglichen würde, seine Individualität durch karrierefördernde Beiträge zum Thema “Individualisierung” unter Beweis zu stellen.
Inhaltsverzeichnis
- ,,The Time of the Tribes“ - Darstellung.
- Michel Maffesoli: Hintergrund und Methodik.
- Der grundliegende Dualismus von „The Time of the Tribes“.
- Schlüsselkonzepte in „Time of the tribes\".
- Individuen und Personen.
- Stämme und Funktionen
- Puissance und Power.
- Kultur und Zivilisation.
- Diskussion: Individualismus oder Massenstämme........
- Der Individualisierungsprozeß nach Beck und Beck-Gernsheim............
- Diskussion und Ausblick: Stämme oder Individualisierung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Konzept der "Neostämme" von Michel Maffesoli im Kontext der Individualisierungsdebatte. Sie beleuchtet Maffesolis Kritik an der These einer zunehmenden Individualisierung und stellt sein Konzept der "Neostämme" als Gegenentwurf vor.
- Michel Maffesolis "Neostämme" als Gegenentwurf zur Individualisierung
- Kritik an der Individualisierungsdebatte und deren wissenschaftliche Fundierung
- Analyse der "Neostämme" als Ausdruck postmoderner Lebensformen
- Diskussion der Rolle von Kultur und Zivilisation in der Gesellschaft
- Bedeutung von emotionalen Gemeinschaften und Identitätsfindung
Zusammenfassung der Kapitel
Der erste Teil der Arbeit stellt das Konzept der "Neostämme" von Michel Maffesoli vor. Es wird zunächst auf Maffesolis theoretischen Hintergrund und seine Methodik eingegangen. Im Anschluss wird der grundliegende Dualismus von "The Time of the Tribes" beschrieben, der die Individualisierungstendenzen im modernen Leben mit der Entstehung neuer "Neostämme" kontrastiert. Schließlich werden die wichtigsten Schlüsselkonzepte des Buches wie Individuum, Stamm, Puissance, Power, Kultur und Zivilisation erläutert.
Schlüsselwörter
Individualisierung, Neostämme, Michel Maffesoli, "The Time of the Tribes", Postmoderne, Gesellschaftstheorie, Kultur, Zivilisation, Soziologie, Emotionale Gemeinschaften.
Häufig gestellte Fragen
Was versteht Michel Maffesoli unter „Neostämmen“?
Maffesoli beschreibt damit postmoderne, oft temporäre Gemeinschaften, die auf geteilten Emotionen, Lebensstilen und Ästhetik basieren, statt auf klassischen sozialen Klassen.
Wie steht Maffesolis Theorie zur Individualisierungsdebatte?
Während Soziologen wie Ulrich Beck eine radikale Individualisierung betonen, sieht Maffesoli eher eine Rückkehr zu neuen Formen der Vergemeinschaftung („The Time of the Tribes“).
Was ist der Unterschied zwischen „Individuen“ und „Personen“ bei Maffesoli?
Das Individuum ist das isolierte Subjekt der Moderne, während die „Person“ in der Postmoderne ihre Identität erst durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen (Stämmen) findet.
Was bedeutet der Begriff „Puissance“ in diesem Kontext?
„Puissance“ bezeichnet die inhärente, oft ungesteuerte Lebenskraft und Energie der Massen, im Gegensatz zur institutionalisierten Macht („Power“) des Staates.
Warum ist das Konzept der Individualisierung so umstritten?
Es mangelt an einer klaren Definition; der Begriff schwankt zwischen positiver Persönlichkeitsentfaltung und negativen Aspekten wie Egoismus oder moralischer Verwahrlosung.
- Citation du texte
- M.A. Christopher Knapp (Auteur), 2002, Individualisierung und Neue Stämme, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89795