„In der Schule musst du auch still sitzen!“
Diesen Satz hören viele SchülerInnen zu Hause, wenn sie bei den Hausaufgaben nicht still
sitzen. Ein Ereignis mit einer Nachhilfeschülerin machte mich auf diese Problematik
aufmerksam.
Miriam1 ist in der vierten Klasse und steht kurz vor dem Schulwechsel auf ein Gymnasium.
Sie arbeitet stets konzentriert und hat kaum Probleme die Hausaufgaben zu bewältigen.
Während der Bearbeitung der Hausaufgaben steht Miriam hin und wieder auf und arbeitet im
Stehen weiter. Sie ist für ihren Schreibtisch und ihren Stuhl noch etwas zu klein und die
Stehhaltung ist ihr angenehmer als durchgehend zu sitzen. Nach der zweiten Nachhilfestunde
werde ich von der Mutter auf diese „Problematik“ angesprochen. Sie zeigt kein Verständnis
für meine Einwände und fordert mich auf, Miriam das Stehen zu verbieten und sie zu
ermahnen, im Sitzen zu arbeiten. Ihre Vorstellung von der Schule entspricht dem Bild einer
„Sitzschule“ und ihr Argument steht fest: „In der Schule muss Miriam auch still sitzen! Das
muss sie lernen.“
Dieses Ereignis brachte mich dazu, mich mit der „Sitzproblematik“ der Schule näher zu
befassen. Denn ich bin der Meinung, dass Miriam auch im Stehen sehr konzentriert arbeitet.
Warum sollte das Lernen nur im Sitzen möglich sein? Was für andere Möglichkeiten gibt es?
Welche Argumente sprechen für alternative Körperhaltungen beim Lernen?
Um Antworten auf meine Fragen zu finden, habe ich mich mit den Ergebnissen der
Forschungsgruppe „Bewegte Grundschule“ befasst. Die Forschungsgruppe hat ein
gleichnamiges Forschungsprojekt konzipiert, das in den Jahren 1996 bis 2000 in vier
Versuchsschulen in Sachsen und einer Schule in Rheinland-Pfalz erprobt wurde. Die
Ergebnisse wurden von Christina Müller in ihrer Monografie „Bewegte Grundschule“
zusammengefasst. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklung der Fachliteratur zur Bewegten Schule
3. C. Müllers Konzept der „Bewegten Grundschule“
4. Dynamisches Sitzen
5. Dynamisches Sitzen in weiterführenden Schulen
6. Bewegte Schule und dynamisches Sitzen in den Rahmenplänen der Schulbehörde Hamburg
7. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des dynamischen Sitzens als zentralen Bestandteil einer bewegten Schule, ausgehend von der Beobachtung, dass Lernprozesse durch einseitige Sitzhaltungen beeinträchtigt werden können. Ziel der Analyse ist es, das Konzept der „Bewegten Grundschule“ nach C. Müller kritisch zu beleuchten und aufzuzeigen, wie durch alternative Körperhaltungen und angepasste Rahmenbedingungen eine förderliche Lernumgebung geschaffen werden kann.
- Grundlagen der Bewegungserziehung im schulischen Kontext
- Methoden und Ansätze des dynamischen Sitzens
- Bedeutung ergonomischer Veränderungen der Lernumgebung
- Herausforderungen beim Übergang in weiterführende Schulen
- Relevanz aktueller bildungspolitischer Rahmenpläne
Auszug aus dem Buch
4. Dynamisches Sitzen
Eine ständige, einseitige Sitzhaltung kann sich langfristig negativ auf den Körper auswirken. Negative Auswirkungen sind nach C. Müller unter anderem die einseitige Beanspruchung des Muskel- und Bandapparates und die Verformung der noch wachsenden Wirbelsäule. Des weiteren verursacht die Einengung des Brust- und Bauchraums eine Funktions beeinträchtigung der Atmungs- und Vertauungsorgane. Die Behinderung der Durchblutung verursacht eine schlechte Sauerstoffversorgung des Gehirns.
Das unruhige Sitzen, z.B. während der Hausaufgaben, ist ein unbewusster Versuch des Körpers diese Missstände auszugleichen. Dies zu tolerieren ist ein erster Schritt zur Bewegungserziehung. Besonders hier ist das Umdenken der pädagogischen Bezugspersonen Eltern und Lehrer von Nöten. Den Kindern muss von beiden Seiten Sicherheit gegeben werden, dass beim Sitzen Bewegung nicht nur erlaubt, sondern erwünscht ist. Gegensätzliche Anforderungen der Eltern und der Lehrer würden die Kinder in einen Konflikt bringen.
Als Maßnahme gegen die negativen Auswirkungen des Sitzens sieht C. Müller das dynamische Sitzen. Dynamisches Sitzen bedeutet einen häufigen Wechsel der Sitzhaltung. Andere Konzepte der bewegten Schule bezeichnen diesen Bereich auch als bewegtes Sitzen. Zur Umsetzung des dynamischen Sitzens müssen die SchülerInnen ein bewegtes Sitzverhalten lernen und die Sitzbedingungen der SchülerInnen müssen verändert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Problematik des starren Sitzens im Schulalltag anhand eines konkreten Fallbeispiels einer Schülerin.
2. Entwicklung der Fachliteratur zur Bewegten Schule: Es wird ein Überblick über die Entstehung und Kategorisierung fachdidaktischer Ansätze zur Bewegten Schule gegeben.
3. C. Müllers Konzept der „Bewegten Grundschule“: Das Kapitel stellt die theoretischen Grundlagen der Bewegungserziehung und deren ganzheitlichen Anspruch an die Grundschule vor.
4. Dynamisches Sitzen: Dieser Abschnitt widmet sich den negativen gesundheitlichen Folgen des Sitzens und erläutert Strategien sowie Hilfsmittel zur Förderung eines bewegten Sitzverhaltens.
5. Dynamisches Sitzen in weiterführenden Schulen: Es wird die Problematik des Übergangs von bewegten Grundschulen in starre weiterführende Schulen thematisiert.
6. Bewegte Schule und dynamisches Sitzen in den Rahmenplänen der Schulbehörde Hamburg: Der aktuelle Entwicklungsstand der Hamburger Rahmenpläne im Hinblick auf Bewegungskonzepte wird analysiert.
7. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule und ordnet den Status quo der praktischen Umsetzung ein.
Schlüsselwörter
Bewegte Schule, dynamisches Sitzen, Bewegungserziehung, Grundschule, Körperhaltung, Lernumgebung, Ergonomie, Sitzverhalten, Entlastungsbewegungen, Schulalltag, Pädagogik, Sportdidaktik, Bewegungsförderung, Sitzbälle, Rahmenpläne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Bewegungsangebote, insbesondere das dynamische Sitzen, in den Schulalltag integriert werden können, um einseitige Belastungen zu vermeiden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der „Bewegten Schule“ und der „Bewegten Grundschule“ sowie deren praktische Umsetzung hinsichtlich Sitzmöbeln und Bewegungsfreiheit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Nutzen alternativer Körperhaltungen beim Lernen aufzuzeigen und die Notwendigkeit eines Umdenkens bei Eltern und Lehrkräften zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse, die theoretische Konzepte der Bewegungserziehung mit aktuellen praktischen Entwicklungen und Rahmenplänen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ursachen von Sitzproblemen, stellt Konzepte wie das dynamische Sitzen vor und untersucht die Situation an weiterführenden Schulen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Bewegte Schule, dynamisches Sitzen, Bewegungserziehung, Ergonomie und Schulentwicklung.
Welche Rolle spielt die „Sitzproblematik“ bei Kindern?
Starres Sitzen führt zu einseitiger Belastung von Muskeln, Wirbelsäule und Organen; das dynamische Sitzen soll hier präventiv entgegenwirken.
Wie werden die Rahmenpläne der Schulbehörde Hamburg bewertet?
Die Arbeit stellt fest, dass zukünftige Rahmenpläne zwar Bewegung fordern, die konkrete Umsetzung jedoch weitgehend der Autonomie der einzelnen Schulen überlassen bleibt.
- Quote paper
- Katja Sen (Author), 2001, Dynamisches Sitzen: ein Element der bewegten Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8976