Die US-amerikanische Gesellschaft befindet sich am Ende des 19. Jahrhunderts im Umbruch. Durch eine hohe Zuwanderungsrate und zahlreiche technische Neuerungen, wie elektrische Straßenbeleuchtung oder öffentliche Verkehrsmittel, haben sich Kleinstädte zu Metropolen mit Millionenbevölkerungen entwickelt.
Diese drastischen Veränderungen haben auch einen Einfluss auf die amerikanische Unterhaltungsindustrie, deren Wandel im Zeitraum von 1895 – 1915 analysiert werden soll. Besonders die Wirkung und Bedeutung der ab 1894/95 schnell Popularität erlangenden Filmvorführungen wird im Wechselspiel mit zeitgenössischen Performance- und Theaterformen untersucht. Zunächst werden deshalb die zur Jahrhundertwende populären Unterhaltungsarten vorgestellt und in ihrer medienhistorischen Entwicklung verglichen. Ein vornehmliches Augenmerk erhalten die dramaturgischen und ästhetischen Besonderheiten von Film- und Vaudeville-Vorführungen. Technologische Entwicklungen und Änderungen der Publikumsstruktur scheinen auf diese einen besonderen Einfluss zu haben. Schließlich ist es von außerordentlicher Bedeutung, das Publikum dieser Unterhaltungsformen näher zu untersuchen. Es fällt auf, dass die amerikanische Kulturlandschaft oftmals kommerziell und popularitätsorientiert ist, weshalb der Zuschauereinfluss von maßgeblicher Bedeutung für die Entwicklung der Unterhaltungsindustrie ist. Gleichermaßen soll zudem das Rezeptionsverhalten, bzw. die Kommunikation zwischen Darstellern, Dargestelltem und dem Publikum untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Die Entwicklung zeitgenössischer Unterhaltungsformen
2.1 Technische und örtliche Voraussetzungen um 1895
2.2 Der Einzug von Filmprojektionen
2.3 Film als eigenständiges Medium
3. Auffälligkeiten von Dramaturgie und Ästhetik
3.1 Darstellungskonventionen in Vaudeville und Film
3.2 Erfindungen des Films
4. Untersuchung der Publikumsstruktur
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den medienhistorischen Wandel populärer nordamerikanischer Unterhaltungsformen im Zeitraum von 1895 bis 1915, wobei der Schwerpunkt auf der Wechselbeziehung zwischen Vaudeville und den aufkommenden Filmvorführungen liegt. Ziel ist es, die dramaturgischen und ästhetischen Anpassungsprozesse sowie die Rolle des Publikums bei der Etablierung neuer Medienformate zu analysieren.
- Medienhistorische Entwicklung von Vaudeville und Film
- Wechselspiel zwischen Theaterkonventionen und filmischer Ästhetik
- Einfluss technischer Innovationen auf das Unterhaltungsprogramm
- Soziologische Analyse der sich wandelnden Publikumsstruktur
- Bedeutung von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Unterhaltungsindustrie
Auszug aus dem Buch
3.2 Erfindungen des Films
Es wurde bereits erläutert, dass das anfängliche Interesse an „bewegten Bildern“ schnell nachlässt und sich die Filmindustrie neue Konzepte überlegen muss. Dennoch scheint sich ein kurzer filmwissenschaftlicher Diskurs zu den frühen, nicht narrativen Stummfilmen zu lohnen:
Cinema historiography of the 1980s and 1990s has, to some degree, rehabilitated the films of the period before the rise of the narrative form (c. 1905-10). Where prior generations of film historians looked at „primitive“ films and saw only the crude exploitation of the medium’s capacity to give the illusion of motion, contemporary film historians – thanks in part to the discovery and preservation of early films in archives and museums since the 1970s – have acknowledged the variety of filmic forms and corresponding audience appeals represented by the films that vaudeville audiences saw during the first decade when motion pictures where projected. One such historian, Tom Gunning, has characterized these early films as a „cinema of attraction“, in part to emphasize their heterogeneous subject matter, styles and functions within the various entertainment bills of fare that included movies at the turn of the century.40
Interesse an Schauwerten zu wecken, macht einen wesentlichen Teil des Erfolgs dieser Filme aus. Ebenso ist zu bemerken, dass das „Kino der Attraktionen“ weniger im Vergleich mit narrativem Theater, sondern im Kontext der Shows zu sehen ist, in denen es gezeigt wird. „The ‚cinema of attractions’ implies a fundamentally different type of address than is found in later films. This address is predicated on diversity, on distracting the viewer with a variety of competing spectacles.“41
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einführung in die soziokulturellen Umbrüche der USA um die Jahrhundertwende und deren Auswirkungen auf die wachsende Unterhaltungsindustrie.
2. Die Entwicklung zeitgenössischer Unterhaltungsformen: Analyse der Ursprünge des amerikanischen Vaudevilles und der schrittweisen Integration sowie Emanzipation des Films als neues Medium.
3. Auffälligkeiten von Dramaturgie und Ästhetik: Untersuchung der Übertragung theatraler Konventionen auf den Film und der Entwicklung einer eigenständigen filmischen Montageästhetik durch Pioniere wie Porter und Griffith.
4. Untersuchung der Publikumsstruktur: Analyse der sozioökonomischen Faktoren, die zur Entstehung eines Massenpublikums beitrugen, und der aktiven Rolle der Zuschauer bei der Gestaltung der Unterhaltungspraxis.
5. Schlusswort: Fazit zur Notwendigkeit einer intermedialen Betrachtung der Mediengeschichte und Ausblick auf die bleibende gegenseitige Beeinflussung von Unterhaltungsformen.
Schlüsselwörter
Vaudeville, Filmgeschichte, Nickelodeon, Kinematographie, Theater, Publizistik, Massenunterhaltung, Dramaturgie, Filmästhetik, Medienwandel, Stummfilm, Publikumsstruktur, Parallelmontage, Kulturgeschichte, USA
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert den medienhistorischen Wandel amerikanischer Unterhaltungsformen zwischen 1895 und 1915, speziell die Entwicklung vom Vaudeville zum Film.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die dramaturgische Entwicklung, die ästhetischen Einflüsse des Theaters auf den Film und die Rolle der sozioökonomischen Veränderungen für die Publikumsstruktur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die wechselseitige Beeinflussung von Vaudeville und Film aufzuzeigen und zu verstehen, wie neue Technologien und Publikumsbedürfnisse die Unterhaltungsindustrie prägten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine medienhistorische und intermediale Analyse, die sowohl zeitgenössische Quellen als auch filmtheoretische Diskurse integriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die technischen Voraussetzungen, die Entwicklung der Filmästhetik durch Pioniere wie Porter und Griffith sowie die soziologische Rolle des Nickelodeons.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Vaudeville, Nickelodeon, Massenunterhaltung, Filmästhetik und Medienwandel.
Warum war das Nickelodeon für Arbeiter so attraktiv?
Durch günstige Eintrittspreise, eine informelle Atmosphäre und die Lage in Arbeitervierteln boten Nickelodeons kostengünstige, wohnortnahe Unterhaltung, die keine gehobene Kleidung erforderte.
Welche Rolle spielte der "Kinoerklärer" in frühen Filmen?
Er fungierte als interaktives Element, das dem Publikum half, die Handlung zu verstehen und eine Gemeinschaft zwischen Vorführer und Zuschauer zu schaffen.
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- Julius Pöhnert (Autor), 2007, Vaudeville und Film, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87212