Keine Staatsverfassung der antiken Welt hat eine derartige Wirkung auf ihre Nachwelt hinterlassen wie die Spartanische. Sie diente schon den Römern zur Begründung ihrer Politik, den französischen Aufklärern war sie Muse zur Gewaltenteilung, die marxistische Bewegung entdeckte in ihr ein Idealbild einer kontra-kapitalistischen Wirtschaftsordnung, und den Nationalsozialisten diente sie zu Propagandazwecken für die Ausrufung des totalitären Staates und ihrer Rassenideologien. All diese Auslegungen entspringen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, aus willkürlich, dem Zusammenhang gerissenen, Teilen der spartanischen Ordnung und ihrer bereits in der Antike stark ausgeprägten Mythologisierung. Wäre der spartanische Kosmos nicht schon in der griechischen Antike zum Mythos geworden, so hätte er nicht eine solche Auswirkung auf die folgenden Menschenalter hinterlassen. Nicht zuletzt die Wirren um den sagenumwobenen Verkünder der Verfassung haben dazu beigetragen.
Dies soll Grund genug sein, sich einmal eingehender mit der Legende der spartanischen Verfassung und ihrem Begründer zu befassen um einen Einblick in die Überlieferungswelt der Spartanischen Geschichte zu erhalten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Quellendiskussion
2.1 Homer
2.2 Herodot
2.3 Xenophon
2.4 Plutarch
2.5 Aristoteles
2.6 Pausanias
2.7 Fragmente
3 Historische Hintergründe
3.1 Was die Quellen zu berichten wissen
3.2 Was die Forschung erklärt
4 Lykurg
4.1 Herkunft
4.2 Biographie
4.3 Der Göttliche
5 Die große Rhetra
6 Der Mythos des spartanischen Kosmos
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die Legende der spartanischen Verfassung und ihres legendären Begründers Lykurg kritisch zu hinterfragen, um ein eigenes Bild basierend auf der antiken Quellenlage zu gewinnen, ohne sich einer einzelnen Forschungsmeinung unterzuordnen.
- Kritische Analyse antiker Quellen zu Sparta (u.a. Homer, Herodot, Xenophon, Plutarch)
- Untersuchung der historischen Hintergründe und des Synoikismos von Sparta
- Diskussion der Identität und Existenz des Gesetzgebers Lykurg
- Eingehende Betrachtung der „Großen Rhetra“ als Verfassungstext
- Reflektion über die Rolle von Mythen und politischer Ideologie in der Geschichtsschreibung
Auszug aus dem Buch
4.1 Herkunft
Doch bleiben wir bei den uns erhaltenen Quellen. Als erster weiß Herodot etwas über Lykurg zu berichten. Er schreibt das Sparta früher die „schlimmsten Gesetze“ aller Hellenen gehabt habe, dann aber durch Lykurg zu „guten Gesetzen“ kam. Herodot berichtet weiter, Lykurg sei Vormund des königlichen Thronfolgers Leobates, dem Sohn seines Bruders, gewesen. Er ordnet ihn damit dem Königshaus der Agiaden zu. Aristoteles überliefert allerdings eine Vormundschaft über den König Charrilos aus dem Haus der Euripontiden. Bei Strabo erfahren wir dann noch den Namen des königlichen Bruders aus diesem Haus. Es soll Polydektes gewesen sein. Die Gemeinsamkeiten dieser drei Quellen sind offensichtlich. Sie datieren Lykurg „far back in her[die spartanische] history“ zwischen dem 10. und dem 8. Jh. v. Chr. zurück, in der die Grenzen zwischen dem historischen und dem mythologischen antiken Gedächtnis verschwimmen. Des weiteren wird ihm eine heroische Abstammung zugeschrieben, die, will man es auf die Spitze treiben, bis zu Zeus zurück geht. Damit wird nicht nur der Führungsanspruch der Königshäuser untermauert, sondern auch der Person Lykurgs innerhalb des spartanischen Kosmos ein fester Platz in der Rangordnung zugewiesen und das prädestiniert ihn für seine weiteren Aufgaben. Überraschenderweise soll er aber selbst kein König gewesen sein. Aristokrates gibt darin seiner These recht, die beste Staatsverfassung könne nur von den „Mittleren“ kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die enorme geschichtliche Wirkungskraft der spartanischen Verfassung und begründet das Vorhaben, die Quellenlage zur spartanischen Verfassungsgeschichte kritisch zu prüfen.
2 Quellendiskussion: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die relevanten antiken Autoren von Homer bis zu den Fragmenten und diskutiert deren Glaubwürdigkeit sowie deren Beitrag zur Mythisierung Spartas.
3 Historische Hintergründe: Hier werden die Ursprünge Spartas durch den Synoikismos der vier Dörfer sowie die Mythen um die Rückkehr der Herakliden und die Forschungssicht auf diese Entwicklung dargestellt.
4 Lykurg: Das Kapitel befasst sich mit der Person des Gesetzgebers Lykurg, seiner Herkunft, seiner Biographie und seiner Mythisierung als „göttliche“ Gestalt, wobei seine reale Existenz in der Forschung umstritten bleibt.
5 Die große Rhetra: Diese zentrale Untersuchung analysiert den Verfassungstext der „Großen Rhetra“, ihre inhaltlichen Regelungen für Phylen, Oben und den Ältestenrat sowie ihre Datierung und Bedeutung.
6 Der Mythos des spartanischen Kosmos: Im Fazit wird reflektiert, dass Lykurg trotz seiner mythischen Überhöhung kein reines Fiktionsprodukt sein muss und dass Mythen konstitutive Bestandteile politischer Ideologien sind.
Schlüsselwörter
Sparta, Lykurg, Große Rhetra, antike Quellen, Verfassungsgeschichte, Herodot, Plutarch, Xenophon, Mythos, Eunomia, Synoikismos, Gerousie, Apella, spartanischer Kosmos, politische Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Identität des spartanischen Gesetzgebers Lykurg und die Entstehung der „Großen Rhetra“ vor dem Hintergrund der antiken Überlieferungsproblematik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Analyse antiker Quellen, die Rekonstruktion der spartanischen Verfassungsentwicklung sowie das Spannungsfeld zwischen Mythos und historischer Realität in Sparta.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die überlieferten Mythen über Lykurg und die Verfassung Spartas kritisch zu dekonstruieren und die spartanische Verfassungsentwicklung auf Basis der erhaltenen Quellen neu zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer kritischen Literatur- und Quellenrecherche, bei der antike Texte (wie von Herodot, Plutarch und Xenophon) im Kontext aktueller Forschungsdiskussionen ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Quellendiskussion, die Untersuchung der historischen Siedlungsgeschichte Spartas, eine biographische Analyse des Lykurg sowie eine tiefgehende Untersuchung der „Großen Rhetra“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Sparta, Lykurg, Große Rhetra, antike Quellen, Verfassungsgeschichte und Mythenbildung charakterisiert.
Wie bewertet der Autor die Existenz von Lykurg?
Der Autor argumentiert, dass man zwar keine hundertprozentige Beweise für seine Existenz erbringen kann, es jedoch keinen Grund gibt, ihn lediglich als reine „mythical figure“ abzutun.
Warum wird die „Große Rhetra“ als „meistdiskutiertester Verfassungstext“ bezeichnet?
Da sie eine der frühesten Quellen zur Verfassung darstellt, ist ihre Datierung, ihre tatsächliche historische Reichweite und ihr Verhältnis zu späteren Institutionen wie den Ephoren innerhalb der Forschung höchst umstritten.
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- Claudia Reggentin (Autor), 2007, Lykurg und die Große Rhetra, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86206