Martha C. Nussbaum, Professorin an der Universität von Chicago, hat in den vergangenen Jahren mit ihrem Fähigkeiten-Ansatz ('capabilities-approach') maßgebliche Beiträge zur Kommunitarismus-Liberalismus-Debatte geleistet , welche durch John Rawls' Gerechtigkeitstheorie ('A Theory of Justice', 1971) ausgelöst wurde.
Ausgehend von der Fragestellung, welches Leben ein im aristotelischen Sinne gutes Leben ist, und welcher Voraussetzungen es dafür bedarf entwickelt sie, sich fortlaufend argumentativ auf Aristoteles stützend, eine "universalistische fähigkeitenbasierte Konzeption des Guten. Von Anfang an verfolgt sie damit zwei Anliegen: Zum einen will sie eine Alternative zu den in der Entwicklungsökonomik weit verbreiteten, aber unbefriedigenden Bewertungsansätzen der Lebensqualität - Pro-Kopf-Einkommen und Präferenzbefriedigung - schaffen, zum anderen will sie die Konzeptionen des Guten, die in der politischen Philosophie diskutiert werden - nämlich Gleichheit von Grundgütern und Ressourcen - präzisieren" und somit "Rawls' Theorie der Gerechtigkeit um eine eudämonistische Komponente [..] erweitern" .
In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst die von Martha Nussbaum vorgeschlagenen Fähigkeiten-Kategorien näher unter der Fragestellung diskutieren, inwieweit sie vollständig und auch angemessen sind, die Lebensqualität eines Menschen (über kulturelle Differenzen hinweg) zu bewerten. Räumt die Konzeption der 'functionings' und 'capabilities' jeden Vorwurfs hinsichtlich des Paternalismus aus dem Weg?
Und: Inwieweit ist es tatsächlich zulässig, daraus moralische und politische Forderungen abzuleiten? Welche Argumente benutzt Nussbaum dafür im Einzelnen?
Abschließend möchte ich Nussbaums Ansatz in den Kontext von ressourcen- und präferenzbasierten Ansätzen im Rahmen der Wohlfahrtsforschung stellen und damit, wenn möglich, die Leistungsfähigkeit des 'capabilities-approach' beurteilen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DER FÄHIGKEITEN-ANSATZ
2.1. Überblick
2.2. Vorgehensweise und Argumentation
3. EINWÄNDE UND GEGENARGUMENTATION
3.1. Argument aufgrund von Kultur
3.2. Argument über das Gut der Vielfalt
3.3. Argument über den Paternalismus
4. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Martha Nussbaums Fähigkeiten-Ansatz (capabilities-approach) und dessen Beitrag zur Kommunitarismus-Liberalismus-Debatte, um eine alternative, universalistische Konzeption des Guten zu bewerten und ihre Leistungsfähigkeit im Kontext ressourcen- und präferenzbasierter Ansätze zu prüfen.
- Die aristotelische Grundlage des Fähigkeiten-Ansatzes.
- Die Abgrenzung gegenüber Utilitarismus und Rawls’ Gerechtigkeitstheorie.
- Die Auseinandersetzung mit Einwänden wie kulturellem Relativismus und Paternalismus.
- Die Rolle des Staates bei der Förderung fundamentaler Fähigkeiten.
- Die empirische und normative Tragfähigkeit der "Liste des Guten".
Auszug aus dem Buch
2. DER FÄHIGKEITEN-ANSATZ
Der capabilities-approach besteht aus einem Zwei-Stufen-Modell. In der ersten Ebene skizziert Nussbaum mittels "transhistorisch-transkultureller Auswertungsprozesse menschlicher Selbstverständnisse" Grundstrukturen der menschlichen Lebensform und erschließt daraus eine basale Konzeption des Guten, "auf der zweiten, evaluativen Ebene werden menschliche Fähigkeiten als ausgezeichnete Weisen, sich zu den essentiellen Eigenschaften zu verhalten, herausgestellt", die Liste der grundlegenden menschlichen Fähigkeiten, die sie "in Anlehnung an Rawls' 'schwache Konzeption' auch als eine 'starke, vage Konzeption'" des Guten bezeichnet. Stark nennt sie diese Auflistung deshalb, weil sie viele Punkte enthält, und diese auf einem recht niedrigen Abstraktionsniveau bleiben. Vage sind die einzelnen Punkte, denn, so Bieri "wenn wir die Fähigkeiten zu spezialisiert beschreiben, kommt nämlich heraus, dass es keine kulturelle Variabilität geben kann und also keine Toleranz. Wenn wir die Abstraktionsebene zu hoch ansetzen, kommt heraus, dass wir nichts sagen". Nussbaum argumentiert für diese Vorgehensweise folgendermaßen:
"Der Aristoteliker lässt sich bei seinem Vorgehen von der Überzeugung leiten, dass es besser ist, mit vagen Aussagen richtig, als mit genauen Aussagen falsch zu liegen, und dass wir ohne Anleitung durch eine starke, vage Theorie in gesellschaftspolitischen Fragen oftmals genaue, aber falsche Antworten bekommen".
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in Martha Nussbaums Fähigkeiten-Ansatz ein und skizziert die wissenschaftliche Zielsetzung der Arbeit, die Konzeption im Vergleich zu anderen Ansätzen der Wohlfahrtsforschung kritisch zu beleuchten.
2. DER FÄHIGKEITEN-ANSATZ: Dieses Kapitel erläutert Nussbaums Zwei-Stufen-Modell, die Liste der konstitutiven menschlichen Fähigkeiten sowie die theoretische Herleitung aus der aristotelischen Tradition und dem internen Realismus.
3. EINWÄNDE UND GEGENARGUMENTATION: Hier werden zentrale Kritikpunkte wie kultureller Relativismus, der Wert der Vielfalt und der Vorwurf des Paternalismus diskutiert und durch Nussbaums Argumentation entkräftet.
4. FAZIT: Das Fazit fasst die Leistungsfähigkeit des Fähigkeiten-Ansatzes zusammen und ordnet ihn als wertvolle Ergänzung zu präferenz- und ressourcenbasierten Ansätzen ein, trotz gewisser Schwachpunkte in der internen Gewichtung.
Schlüsselwörter
Martha Nussbaum, Fähigkeiten-Ansatz, capabilities-approach, Aristoteles, Kommunitarismus, Liberalismus, Lebensqualität, Gerechtigkeitstheorie, Paternalismus, Wohlfahrtsforschung, interner Realismus, Grundgüter, politische Philosophie, Sozialdemokratie, menschliche Würde.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Martha Nussbaums "Fähigkeiten-Ansatz" als philosophische Antwort auf Fragen der Lebensqualität und politischen Gerechtigkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die aristotelisch inspirierte Konzeption des Guten, die Kritik an rein ökonomischen Wohlfahrtsmaßen und die politische Verpflichtung des Staates zur Ermöglichung menschlicher Grundfähigkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu beurteilen, inwieweit der Fähigkeiten-Ansatz als eine angemessene und vollständige Alternative zu ressourcen- und präferenzbasierten Modellen dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-analytische Methode, indem sie Nussbaums theoretische Konstruktion deskriptiv darstellt, gegen Einwände prüft und in den Kontext der Wohlfahrtsforschung einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung des Zwei-Stufen-Modells (Grundfähigkeiten) und eine detaillierte Auseinandersetzung mit kritischen Einwänden wie Kulturrelativismus und Paternalismus.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe "capabilities-approach", "Universalismus", "Eudämonie", "Paternalismus" und "soziale Gerechtigkeit" charakterisiert.
Wie begründet Nussbaum den Übergang von deskriptiven zu normativen Aussagen?
Nussbaum nutzt das Modell des "internen Realismus", bei dem menschliche Grundkonstanten in einem gesellschaftlichen Konsens als konstitutiv für ein würdevolles Leben erkannt und somit normativ geschützt werden.
Warum hält Nussbaum ihre Liste der Fähigkeiten bewusst "vage"?
Sie hält die Liste vage, um kulturelle Variabilität zu ermöglichen und Toleranz zu bewahren, anstatt durch zu spezifische Vorgaben in einen unzulässigen Paternalismus zu verfallen.
Wie unterscheidet sich Nussbaums Ansatz vom Utilitarismus?
Im Gegensatz zum Utilitarismus, der nur Präferenzbefriedigung maximieren will, postuliert Nussbaum eine objektive Liste von Werten, die unabhängig von individuellen Wünschen als Grundvoraussetzungen menschlicher Würde gelten.
- Quote paper
- Leonard Ameln (Author), 2006, Martha C. Nussbaums Fähigkeiten-Ansatz im Kontext der ressourcenbasierten und präferenzbasierten Ansätze, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84417