Die Arbeit behandelt mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Priestertum aller Gläubigen und dem geistlichen Amt einen Teilbereich der Ekklesiologie. Mit der Reformation hat das Lehrmotiv des Allgemeinen Priestertums eine kirchenpolitisch brisante Stellung eingenommen.
Das Allgemeine Priestertum und das ordinierte Pfarramt wird in heutiger Zeit wieder als Problem empfunden. Die Gemeinde sieht sich innerhalb der parochialen Kirchenstruktur und in einem Gegenüber zum Pfarramt. Die Gestaltung des öffentlichen Lebens in der Gemeinde wird gerne dem Pfarrer übertragen. Wenn von Kirche die Rede ist, dann wird zuerst nach der Amtskirche bzw. nach den Pfarrern gefragt. Diskutiert wird primär das Amtsverständnis, jedoch weniger das Allgemeine Priestertum oder die Gemeinschaft der Heiligen.
Die Auslegungsgeschichte des Allgemeinen Priestertums hat dabei bis heute verschiedenste Ausprägungen erhalten. Martin Schian stellte treffend fest: "Es ist dem Gedanken des allgemeinen Priestertums gegangen wie das so reichlich benutzten, so vielfach hin und her gewendeten Gedanken meist zu gehen pflegt. Jeder Benützer hat ihn in seiner Weise verstanden, nach seiner Richtung hin ausgewertet."1 Die jeweiligen Akteure kirchlicher Geschichte haben dabei mit dem Motiv des Allgemeinen Priestertums ihre jeweilige ekklesiologische Intention vermittelt. Das begründet eine Analyse nach der theologischen Qualität des Allgemeinen Priestertums.
Die begriffliche Abgrenzung des geistlichen Leitungsamtes vom Allgemeinen Priestertum wird im strengen rechtlichen Sinn vorgenommen: "Einsetzung, Kontinuität und geregelte Nachfolge bilden das Wesen des Amtes."2 D.h., Amtsträger werden durch kirchliche Instanzen eingesetzt, dazu ordiniert und nehmen eine Dauerfunktion wahr, in der sie Nachfolger haben können. In diesem Sinne wird das Amt als Institution verstanden.
Zur Bezeichnung des institutionalisierten kirchlichen Predigt- bzw. Pfarramtes wird in dieser Arbeit dem Begriff des "ordinierten Amtes" der Vorzug gegeben. Der Begriff "geistliches Amt" ist abzulehnen. Genau wie dem Begriff des "besonderen Amtes" wird beiden Begriffen eine geistliche Höherwertigkeit zugeschrieben, die nach Luther eben nicht besonderes Merkmal des Amtsträgers ist.3 Der Begriff des "kirchlichen Amtes" erscheint ungeeignet, weil er die anderen Ämter in der Kirche neben dem Pfarramt nicht im Blick hat.
Der Begriff "Laie" ist problematisch, trotzdem wird er Verwendung finden.
[...]
_____
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Historische Analyse
1.1 Martin Luther
1.1.1 Das Allgemeine Priestertum in der Anthropologie Luthers
1.1.1.1 Der innere Mensch
1.1.1.2 Das allgemeine Priestertum
1.1.1.3 Der äußere Mensch
1.1.2 Luthers Lehre von den Ämtern
1.1.2.1 Amt und Dienst
1.1.2.2. Amt und Beruf
1.1.2.3. Amt und Gehorsam
1.1.2.4. Amt und mortificatio
1.1.3 Allgemeines Priestertum und Weltperson
1.1.3.1 Die Ämter des Allgemeinen Priestertums
1.1.3.2 Das ministerium verbi
1.1.3.3 Die Beschränkung zum ministerium verbi
1.1.4 Das ordinierte Amt
1.1.4.1 Das ordinierte Amt als Amt der Welt
1.1.4.2 Die Bedeutung der Ordination
1.1.5 Allgemeines Priestertum und ordiniertes Amt
1.2 Das Allgemeine Priestertum in der Theologie der Reformation
1.2.1 Melanchthons Confessio Augustana
1.2.1.1 Artikel V – Vom Predigtamt
1.2.1.2 Artikel XIV – Die kirchliche Ordination
1.2.1.3 Das Allgemeine Priestertum bei Melanchthon
1.2.1.4 Wortverkündigung und Allgemeines Priestertum
1.2.1.5 Artikel VII (und VIII) – Congregatio Sanctorum
1.3 Amtskritische Ansätze im Pietismus – P. J. Spener
1.4 Amt und Allgemeines Priestertum im 19. Jahrhundert
1.4.1 Friedrich Julius Stahl – Stiftungstheorie
1.4.2 Johann Wilhelm Friedrich Höfling – Übertragungstheorie
1.4.3 Friedrich Schleiermacher
1.4.4 Carl Immanuel Nitzsch
1.5 Amt und Allgemeines Priestertum im 20. Jahrhundert
1.5.1 Das Allgemeine Priestertum in der Kirchenverfassungsdebatte
1.5.1.1 Martin Schian
1.5.1.2 Martin Rade
1.5.2 Lutherforschung im 20. Jahrhundert
1.5.2.1 Werner Elert
1.5.2.2 Hans Storck
1.5.3 Befreiungstheologische Ekklesiologie als Konzept des Allgemeinen Priestertums
1.5.3.1 Das Modell der Basisgemeinde
1.5.3.2 Die Gemeinde als ganze ist priesterlich
1.5.3.3 Die Einbeziehung der Charismen
1.5.4 Das Konzept von Hans-Martin Barth
1.5.4.1 Das allgemeine, gegenseitige und gemeinsame Priestertum aller Glaubenden
1.5.4.2 Das ordinierte Amt und das Allgemeine Priestertum
1.5.4.3 Aufgaben des Amtes
1.5.4.4 Die charismatische Begründung des Allgemeinen Priestertums
1.5.4.5 Problemfelder und Herausforderungen
1.6 Zwischenbilanz
2 Praktisch-theologische Aspekte unserer Zeit
2.1 „Die Einführung in das Leben“ von Manfred Josuttis
2.2 Das Amtsverständnis in der Ordination
2.3 Selbstdarstellung der Kirche in ihren Handlungsfeldern
2.3.1 Das Spannungsfeld zwischen Experten und Laien
2.3.2 Der Gottesdienst
2.3.3 Die Praxis der Taufe
2.3.4 Verpflichtung aller zum seelsorgerlichen Handeln
3 Zusammenfassung und Stellungnahme
4 Anhang: Ordinationsvorhalt der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg
5 Literaturliste
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen dem „Priestertum aller Gläubigen“ und dem geistlichen Leitungsamt innerhalb der evangelischen Kirche. Das primäre Ziel ist es, dieses ekklesiologische Problemfeld historisch-systematisch zu durchleuchten, um für die gegenwärtige praktisch-theologische Diskussion eine glaubwürdige Position zu erarbeiten, die sowohl die Gemeinde als auch das ordinierte Amt angemessen integriert.
- Historische Herleitung des Priestertum-Motivs bei Martin Luther.
- Analyse der Auslegungsgeschichte in der Reformationszeit und bei späteren Reformbewegungen.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen „Experten“ (Pfarrern) und „Laien“ in der heutigen Gemeindepraxis.
- Kritische Reflexion aktueller pastoraltheologischer und ekklesiologischer Entwürfe.
Auszug aus dem Buch
1.1.1.2 Das allgemeine Priestertum
Der Aspekt der „unio cum christo“ findet sich auch in der Taufe wieder. Die Taufe ist Ausdruck für die Gemeinschaft mit Gott. Luthers Auffassung vom neuen Sein der Glaubenden in der Gemeinschaft mit Christus hat ihren umfassenden Ausdruck in der Lehre vom Allgemeinen Priestertum. Es ist der Inbegriff des neuen Seins vor Gott. Luther faßt den Priesterbegriff als geistlichen, inneren Begriff auf, der unmittelbar an das Geschehen der Rechtfertigung anknüpft. Seine Wurzel liegt im inneren Vorgang.
Der Zusammenhang zwischen Allgemeinem Priestertum und Rechtfertigung ist durch den gemeinsamen Bezug zum Glauben gegeben. Sachlich besteht diese Verknüpfung für Luther in dem Priestertum Jesu und seiner das Priestertum der Menschen begründenden Heilstat. Der Glaube an Christus impliziert den Glauben an das stellvertretende Priestertum. Der Glaube ist das Bindeglied zwischen dem Hohenpriester Christus und dem Priestertum der Menschen. „So ich nun glaub, so bin ich auch ein prister“.
Zusammenfassung der Kapitel
Historische Analyse: Dieses Kapitel untersucht die Entwicklung des Priestertum-Verständnisses bei Luther und dessen Auswirkungen auf die Lehre von den Ämtern sowie die Einordnung in die Zwei-Reiche-Lehre.
Das Allgemeine Priestertum in der Theologie der Reformation: Hier wird die Rezeption des Konzepts in der Confessio Augustana und die zunehmende institutionelle Abgrenzung des Priestertums gegenüber dem ordinierten Amt analysiert.
Amtskritische Ansätze im Pietismus – P. J. Spener: Dieses Kapitel widmet sich der dynamischen Erneuerung des geistlichen Priestertums durch Spener und dessen Forderung nach einer aktiven Beteiligung der Laien.
Amt und Allgemeines Priestertum im 19. Jahrhundert: Hier werden die Stiftungs- und die Übertragungstheorie gegenübergestellt, die als Reaktionen auf kirchenpolitische Umbrüche entstanden.
Amt und Allgemeines Priestertum im 20. Jahrhundert: Dieses Kapitel bietet eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Kirchenverfassungsdebatte, der Lutherforschung und neuen befreiungstheologischen Ansätzen.
Praktisch-theologische Aspekte unserer Zeit: In diesem Teil werden aktuelle pastoraltheologische Ansätze und die Bedeutung der Ordinationspraxis anhand konkreter Beispiele untersucht.
Zusammenfassung und Stellungnahme: Das Kapitel reflektiert die Ergebnisse der Untersuchung und plädiert für ein neues Verständnis, das die Trennung zwischen Amt und Gemeinde überwindet.
Schlüsselwörter
Allgemeines Priestertum, Ordiniertes Amt, Pfarramt, Ekklesiologie, Martin Luther, Rechtfertigung, Ordination, Pietismus, Basisgemeinde, Seelsorge, Laien, Fachkompetenz, Kommunikation, Gemeindeaufbau, Kirchenverfassung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das komplexe und oft spannungsgeladene Verhältnis zwischen dem „Priestertum aller Gläubigen“ und dem ordinierten kirchlichen Amt aus praktisch-theologischer Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die historische Entwicklung des Amtsbegriffs seit Luther, ekklesiologische Reformbewegungen (Pietismus, Befreiungstheologie) sowie die heutige Rollenverteilung zwischen Hauptamtlichen und Laien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, eine Position zu entwickeln, die das Allgemeine Priestertum nicht nur als theologisches Ideal betrachtet, sondern als eine handlungsleitende Größe für die Gestaltung kirchlicher Strukturen und der Gemeindepraxis etabliert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-systematische Analyse, die theologiegeschichtliche Quellen mit pastoraltheologischen Fragestellungen der Gegenwart verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte historische Untersuchung (von Luther bis ins 20. Jahrhundert) und einen zweiten Teil, der die Anwendung in gegenwärtigen Handlungsfeldern wie Gottesdienst, Taufe und Seelsorge beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind „Allgemeines Priestertum“, „Ordinierung“, „Ekklesiologie“, „Laienkritik“ und „Gemeindekommunikation“.
Wie bewertet der Autor das Konzept von Hans-Martin Barth?
Der Autor schätzt Barths Entwurf als überzeugenden theoretischen Beitrag, der die Kommunikation als entscheidendes neues Element einführt, merkt jedoch kritisch an, dass soziologische Realitäten der heutigen Kirche zu wenig berücksichtigt werden.
Welche Kritik übt der Autor am „Ordinationsvorhalt“ der Landeskirche?
Die Kritik besteht darin, dass der Ordinationsvorhalt zu stark auf das ordinierte Amt fixiert bleibt und die in der Taufe grundgelegte Vollmacht des Allgemeinen Priestertums nur rudimentär oder gar nicht zur Geltung bringt.
- Quote paper
- Robert Schulte (Author), 1999, Das allgemeine Priestertum der Gläubigen und das geistliche Leitungsamt in der congregatio sanctorum. Analyse eines problematischen Verhältnisses in praktisch-theologischem Interesse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7758