Einige der nicht nur für das deutsche Drama einflussreichsten Dramentheoretiker wie Aristoteles und Lessing haben sich im Hinblick auf Wirkung und Intention des Dramas immer wieder mit einem Thema auseinandergesetzt: dem Mitleid. Seitdem ist es in unzähligen wissenschaftlichen Arbeiten untersucht und erforscht worden. Mitleid ist eine Empfindung, die der Zuschauer in erster Linie dem Protagonisten entgegenbringt und entgegenbringen soll. Obgleich die Schadenfreude eine ebenfalls häufig hervorgerufene Reaktion auf dramatische Darstellungen ist, ist sie weitaus weniger in den Fokus von Dramentheorien und Forschungsarbeiten gelangt. Der Psychologe Heiko Ernst bestätigt , dass Schadenfreude fast gänzlich unerforscht ist und sich die wenigen Arbeiten darüber auf kein wissenschaftliches Fundament stützen können.
Dabei zeigt sich das Phänomen der Schadenfreude bereits in den Werken Homers und in der Bibel – und hat in gegenwärtigen TV-Unterhaltungsformaten wieder Hochkonjunktur.
In dieser Arbeit sollen sowohl die dramentheoretischen, aber zwingenderweise auch die psychologischen, verhaltenstheoretischen, philosophischen und, in geringerem Maße, auch die physiologischen und theologischen Aspekte und Erklärungsversuche der Schadenfreude untersucht werden.
Die philosophischen Aspekte betreffend haben sich vor allem Aristoteles (Rhetorik, Poetik, Die Nikomachische Ethik), Schopenhauer (Die Welt als Wille und Vorstellung), Nietzsche (Genealogie der Moral, Der Antichrist, Menschliches, Allzumenschliches) und Kant (Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft) Gedanken zur Schadenfreude gemacht. Ihrem Gesamtwerk und Denken kann diese Arbeit nicht in gebührendem Maße gerecht werden, der Fokus bleibt auf jene Ausführungen die Schadenfreude betreffend gerichtet; das gleiche gilt für Freud (Der Witz und seine Beziehung zum Unbewusstsein, Der Humor).
Schließlich muss ebenfalls abgesehen werden von Komik- und Komödientheorien im weiteren Sinne. Da die Typenkomödien Molieres mit ihren komischen Hauptfiguren zur Verdeutlichung und zur Anwendung der verschiedenen Theorien sehr geeignet erscheinen, soll in dieser Hinsicht George Dandin oder Der Betrogene Bestandteil dieser Arbeit sein. Formen der Schadenfreude, die sich auf die Genugtuung beim Anblick eines leidenden Antagonisten beziehen, finden ihre Untersuchung am Beispiel von Schillers Wilhelm Tell .
Inhaltsverzeichnis
- A. Einleitung: Die Götter lachen - Gott nicht
- B. „Schadenfreude“ - Etymologische Erläuterungen
- C. Theorien zur Schadenfreude
- I. Der verhaltenstheoretische Ansatz: Irenäus Eibl-Eibesfeldt und die Aggressivität des Lachens
- II. Mitleid contra Schadenfreude - philosophische Ansätze
- a) Der Name der Rose und die Mitleidstheorie des Aristoteles
- b) Schadenfreude als Werk des Teufels – die Moral des Arthur Schopenhauer
- c) Nietzsche und der Wille zur Macht
- III. Freud und die psychohygienische Funktion des Lachens
- IV. Theorien des Einlachens und Auslachens – Henri Bergson und Le Rire
- D. Schadenfreude und das Theater
- I. Gottsched, Lessing und der erbauliche Aspekt des Theaters
- II. Sozialpsychologische Faktoren der Rezeption
- III. Schadenfreude als Rezeptionsempfindung in der Komödie – die Torheiten des George Dandin
- IV. Schadenfreude als Rezeptionsempfindung in der Tragödie: Die Rache des Wilhelm Tell
- E. Fazit und Ausblick: Schadenfreude im Medienzeitalter
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Magisterarbeit untersucht das Phänomen der Schadenfreude als Rezeptionsempfindung im Drama und befasst sich mit den unterschiedlichen Theorien, die dieses Gefühl erklären. Die Arbeit will zeigen, dass Schadenfreude als emotionale Reaktion auf das Drama weit mehr als nur eine negative oder gar teuflische Eigenschaft darstellt, sondern eine komplexere, vielschichtige und zeitlose Bedeutung besitzt.
- Historische Perspektiven der Schadenfreude in Dramentheorien und literarischen Werken
- Philosophische und psychologische Ansätze zur Erklärung der Schadenfreude
- Die Rolle der Schadenfreude im Theater und deren Einfluss auf die Rezeption
- Der Einfluss von sozialpsychologischen Faktoren auf die Wahrnehmung von Schadenfreude
- Die Bedeutung der Schadenfreude im Medienzeitalter
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt das Thema Schadenfreude und seine Relevanz für das Drama vor. Sie beleuchtet die historische Bedeutung des Mitleids im Drama und setzt die Schadenfreude als Gegenpol dazu. Außerdem werden die Götter als Beispiel für die Schadenfreude im antiken Epos herangezogen.
Kapitel B beschäftigt sich mit der etymologischen Herkunft des Begriffs „Schadenfreude“ und dessen Bedeutungswandel im Laufe der Zeit.
In Kapitel C werden verschiedene Theorien zur Schadenfreude vorgestellt, beginnend mit dem verhaltenstheoretischen Ansatz von Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Es folgen philosophische Ansätze von Aristoteles, Schopenhauer und Nietzsche, sowie psychologische Erkenntnisse von Freud. Abschließend werden Theorien des Einlachens und Auslachens von Henri Bergson erläutert.
Kapitel D widmet sich der Rolle der Schadenfreude im Theater und deren Einfluss auf die Rezeption. Dabei werden die Theorien von Gottsched und Lessing zum erbaulichen Aspekt des Theaters behandelt, sowie die sozialpsychologischen Faktoren der Rezeption von Schadenfreude im Drama. Abschließend werden anhand der Komödie „George Dandin“ und der Tragödie „Wilhelm Tell“ die Mechanismen der Schadenfreude als Rezeptionsempfindung untersucht.
Schlüsselwörter
Die Schlüsselwörter der Arbeit sind: Schadenfreude, Rezeption, Drama, Mitleid, Theater, Komödie, Tragödie, Dramentheorie, Psychologie, Philosophie, Sozialpsychologie, Verhaltenstheorie, Physiologie, Theologie, Medienzeitalter, Eibl-Eibesfeldt, Aristoteles, Schopenhauer, Nietzsche, Freud, Bergson, Gottsched, Lessing, Homer, Ilias, Odyssee.
- Arbeit zitieren
- Richard Kropf (Autor:in), 2006, Schadenfreude als Rezeptionsempfindung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65876