Einleitung
Gérard Genette diskutiert seine Erzähltheorie Discours du récit (1972), bzw. Noveau discours du récit (1983) vor dem Hintergrund von Prousts A la recherche du temps perdu1. Döblins Berlin Alexanderplatz2 ist als „Kompendium moderner Erzählverfahren“3 nicht nur ebenso gut wie die Recherche geeignet, Genettes Theorie zu veranschaulichen, sondern es finden sich darüber hinaus Erzählstrukturen wieder, die in ihrer Komplexität Anlass für eine Prüfung dieses Analysemodells geben.
Genette ordnet den Discours nach den Prinzipien der grammatischen Konjugation, entlehnt ihr auch die Einteilung in die Kategorien erzählte Zeit oder Tempus, Erzählweise oder Modus, und Person oder Stimme.4 Die Besonderheiten des Modus unter Bezugnahme auf BAP herauszuarbeiten und gleichzeitig die Vereinbarkeiten, bzw. Unvereinbarkeiten zwischen Genettes „Theorie“ und Döblins „Praxis“ offenzulegen sind Ziel dieser Arbeit. Der Modus ist der natürliche Ausgangspunkt für diese kritische Untersuchung, da er als Bindeglied zwischen Tempus und Stimme fungiert. Theoretisch ein autonomes Gebilde, ist der Modus in der erzählerischen Praxis von den Elementen Tempus und Stimme gleichermaßen durchdrungen wenn nicht abhängig. Aus diesem Grund werden sich Begriffe aus den Kategorien Tempus und Stimme wiederfinden, ohne dass sie diesen explizit zugeordnet werden.
Während die Verbkonjugation gut auf die Kategorie des Tempus5 anwendbar und in den narrativen Diskurs übertragbar ist, zeigen sich Schwierigkeiten bei der Übertragung des grammatischen in einen narrativen Modus, da eine Erzählung selten im Konjunktiv verfasst wird, was ihrer Funktion, über ein bzw. mehrere Ereignisse (nicht Möglichkeiten) zu berichten zuwiderläuft. Somit ist der Indikativ nach Genette der einzige vorstellbare und charakteristische Modus der Erzählung.6 Die Präsentationsformen des Erzählten unterteilt Genette in die Parameter Distanz und Fokalisierung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Genettes Distanz unter Bezugnahme auf Berlin Alexanderplatz
2.1 Theoretische Grundlagen: Von diegesis und mimesis zum narrativen und dramatischen Modus
2.2 Der narrative Modus oder die Erzählung von Ereignissen
2.3 Der dramatische Modus: die drei Formen der Personenrede
3. Die Perspektive und ihre Zuordnung in Berlin Alexanderplatz
4. Schluss: Genettes Erzählung als moderne Erzähltheorie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Anwendbarkeit von Gérard Genettes Erzähltheorie auf Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz, wobei der Schwerpunkt auf der Analyse des Modus liegt. Es wird analysiert, wie sich Genettes theoretische Kategorien in der erzählerischen Praxis des Romans verhalten und wo Vereinbarkeiten oder Unvereinbarkeiten zwischen Theorie und literarischer Umsetzung bestehen.
- Analyse der Distanz zwischen Erzählung und Erzähltem
- Untersuchung des narrativen versus dramatischen Modus
- Betrachtung der Formen der Personenrede
- Untersuchung der Fokalisierungstypen und Perspektivierung
- Kritische Prüfung der Kompatibilität von Genettes Modell mit der Montagetechnik des Romans
Auszug aus dem Buch
2.3 Der dramatische Modus: die drei Formen der Personenrede
Eine Erzählung von Worten ist nach Genette zur Nachahmung verurteilt. Das, was eine Figur im Rahmen der erzählten Geschichte spricht oder denkt wird kopiert. Genette unterscheidet drei Formen der Personenrede, was zwar theoretisch, nicht aber immer in der Praxis möglich sei. Vielmehr komme es zu fließenden Übergängen von der einen in die andere Form. Es sollen an dem folgenden Textbeispiel aus BAP die signifikanten Merkmale jeder Form bestimmt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in Gérard Genettes Erzähltheorie ein und definiert das Ziel, diese mit der erzählerischen Praxis von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz zu vergleichen.
2. Genettes Distanz unter Bezugnahme auf Berlin Alexanderplatz: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen des Modus, insbesondere die Begriffe diegesis und mimesis, und wendet diese auf den Roman an.
2.1 Theoretische Grundlagen: Von diegesis und mimesis zum narrativen und dramatischen Modus: Es werden die Definitionen von Distanz und Mimesis-Illusion im Kontext von Genettes Theorie erläutert.
2.2 Der narrative Modus oder die Erzählung von Ereignissen: Hier steht die Umsetzung von Nichtsprachlichem in Sprachliches sowie die Funktion von Abschweifungen und Prolepsen/Analepsen im Fokus.
2.3 Der dramatische Modus: die drei Formen der Personenrede: Dieses Kapitel differenziert die Arten der Personenrede und zeigt die fließenden Übergänge im Roman auf.
3. Die Perspektive und ihre Zuordnung in Berlin Alexanderplatz: Die Analyse konzentriert sich auf die Fokalisierungstypen, das Verhältnis von Erzählerwissen zu Figurenwissen und die Variabilität des point of view.
4. Schluss: Genettes Erzählung als moderne Erzähltheorie: Das Kapitel resümiert die Anwendbarkeit von Genettes Analysemodell auf komplexe moderne Romane und betont dessen Stabilität trotz auftretender Hybridformen.
Schlüsselwörter
Erzähltheorie, Gérard Genette, Berlin Alexanderplatz, Modus, Mimesis, Diegesis, Fokalisierung, Distanz, Personenrede, Narratologie, Montagetechnik, Franz Biberkopf, Erzählsituation, Literaturanalyse, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert zentrale Aspekte der Erzähltheorie von Gérard Genette und prüft deren Anwendbarkeit und Validität anhand des Romans Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich primär auf die Kategorien des Modus, die Distanz der Erzählung, die Formen der Personenrede sowie die verschiedenen Fokalisierungstypen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Vereinbarkeiten und Unvereinbarkeiten zwischen Genettes theoretischem Modell und Döblins literarischer Praxis aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, bei der Begriffe aus Genettes Die Erzählung als Analysewerkzeug auf ausgewählte Textstellen des Romans angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der narrative und dramatische Modus, die Mimesis-Illusion, die verschiedenen Formen der Figurenrede sowie die Dynamik der Perspektive und Fokalisierung im Roman detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Erzähltheorie, Modus, Mimesis, Fokalisierung und Montagetechnik.
Inwiefern beeinflussen die „Abschweifungen“ im Roman die Mimesis-Illusion?
Laut der Arbeit erzeugen die Abschweifungen einen Wirklichkeitseffekt, indem sie die Unwichtigkeit des Individuums Franz gegenüber sozialen Faktoren betonen und die narrative Instanz zeitweise zurücktreten lassen.
Wie geht die Autorin mit dem Fehlen von Konjunktivformen im Roman um?
Die Autorin argumentiert, dass der Verzicht auf den Konjunktiv ein gezielter Kunstgriff des Autors ist, um das sprachliche Milieu der sozialen Unterschicht naturgetreu abzubilden.
- Quote paper
- Sabine Friedlein (Author), 2003, Anmerkungen zu Genettes 'Die Erzählung' unter Bezugnahme auf 'Berlin Alexanderplatz' mit Schwerpunkt auf den Modus , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62571