Immanuel Kant spricht zu seiner Zeit Thematiken an, die bis heute immer wieder diskutiert werden und für die Gestaltung der internationalen Beziehungen zentrale Bedeutungen haben: Wieweit sollen Zusammenschlüsse auf internationaler Ebene geschlossen werden? Welche Institutionen sollen geschaffen werden mit welchen Kompetenzen? Wieweit sollen supra- und internationale Institutionen die Souveränität der einzelnen Staaten beeinflussen?
Eine mögliche Antwort auf diese Fragen stellt bereits die Europäische Union dar, denn durch die föderalistischen Zusammenschlüsse der souveränen Mitgliedsländer, den damit verbundenen Pflichten und Aufgaben sowie Erfahrungswerten der EU-Historie wird dem Leser ein Anfang für das Erschließen seiner Antwort gegeben. Berücksichtigt man hierbei die EU-Erweiterung, wird deutlich, dass sie ein weiterer Schritt zur Erläuterung der Fragestellung ist, da laut Immanuel Kant die Friedenssicherung von zentraler Bedeutung ist und diese durch die EU-Erweiterung vorangetrieben und vereinfacht wird. Jedoch stellt man sich hierbei die Frage, ob die EU eine Erweiterung der Mitgliedsstaaten verkraften kann oder ob sie sich dadurch überfordert? Was wird z.B. aus der Türkei, die ihren Antrag auf assoziierte Mitgliedschaft bereits 1959 in der EWG stellte, und inwiefern wird die Türkei als Spielball der EU degradiert?
Am Beispiel der Europäischen Union und der von ihr durchgeführten Erweiterung der Mitgliedsstaaten werde ich daher in meinem Essay zunächst die Gesellschaftstheorie Kants vorstellen, sie in Bezug auf EU-Erweiterung formulieren, und schließlich den Nutzen der Theorie für die Gegenwart aufzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Grundzüge der kantschen Gesellschaftstheorie
1.1 Grundzüge der EU-Erweiterung
1.2 Der Nutzen der kantschen Theorie für die EU-Erweiterung
2. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Relevanz der Gesellschaftstheorie von Immanuel Kant, insbesondere sein Werk „Zum ewigen Frieden“, für die aktuelle Praxis der EU-Erweiterung und bewertet inwieweit Kant'sche Friedensbedingungen als theoretische Grundlage für die europäische Integration dienen können.
- Analyse der zentralen Präliminar- und Definitivartikel Kants
- Untersuchung des EU-Erweiterungsprozesses und der Kopenhagener Kriterien
- Transfer der Kant'schen Friedensidee auf supranationale Institutionen
- Kritische Diskussion der EU-Erweiterung am Beispiel der Türkei
- Bewertung des Nutzens der Kant'schen Philosophie für die heutige Friedenssicherung
Auszug aus dem Buch
1. Grundzüge der kantschen Gesellschaftstheorie
Das besondere an Immanuel Kants Werk „Zum ewigen Frieden“ von 1795 ist, dass es nicht nur für seine Zeit galt, sondern bis heute eine gewisse, aktuelle Bedeutung innehat. Denn der Inhalt ist „konzipiert für eine internationale Friedensgemeinschaft“. Würde man die kantschen Bedingungen des völkerrechtlichen Vertrags eingehen, so wäre laut Kant der Frieden gewährleistet. So gesehen ist der Vertragsabschluss ein Mittel zur „Fortsetzung aller internationaler Beziehungen“.
Immanuel Kants Friedenstheorie „Zum ewigen Frieden“ besteht aus (a) sechs „Präliminarartikeln“, (b) drei „Definitivartikeln“, zwei Zusätzen und einem Anhang über Moral und Politik. Der erste der Präliminarartikel setzt Ehrlichkeit bei Friedensschlüssen voraus, so dass Vorbehalte und Gründe für einen künftigen Krieg vermieden werden. Der zweite Artikel beinhaltet, dass kein bestehender Staat von einem anderen Staat durch Schenkung, Erbung, Kauf oder Tausch erworben werden darf, während der dritte Artikel besagt, dass das Bestehen stehender Heere abgeschafft werden solle.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Grundzüge der kantschen Gesellschaftstheorie: Dieses Kapitel erläutert die zentralen Präliminar- und Definitivartikel aus Kants Werk „Zum ewigen Frieden“ und definiert die Bedingungen für einen dauerhaften Weltfrieden.
1.1 Grundzüge der EU-Erweiterung: Hier werden der historische Prozess der EU-Erweiterung, die Bedeutung der Kopenhagener Kriterien sowie die politische Problematik der Beitrittsverhandlungen, speziell am Beispiel der Türkei, dargelegt.
1.2 Der Nutzen der kantschen Theorie für die EU-Erweiterung: Dieses Kapitel verknüpft die Kant'sche Friedensphilosophie mit dem Föderalismusprinzip der EU und diskutiert die präventive Rolle der Erweiterung bei der Friedenssicherung.
2. Fazit: Der Schlussteil reflektiert die Anwendbarkeit der Kant'schen Thesen auf die heutige Zeit und resümiert, dass eine erweiterte EU trotz utopischer Weltfriedensvorstellungen einen positiven Beitrag zur regionalen Friedensstabilität leistet.
Schlüsselwörter
Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, Gesellschaftstheorie, EU-Erweiterung, Frieden, Föderalismus, Europäische Union, Kopenhagener Kriterien, Völkerrecht, Demokratie, Friedenssicherung, Republikanismus, Weltbürgerrecht, Internationale Beziehungen, Türkei
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit untersucht die theoretische Relevanz von Kants Gesellschaftstheorie, speziell seines Werks „Zum ewigen Frieden“, für den Prozess und die Zielsetzung der EU-Erweiterung.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die politischen Philosophie Kants, die föderale Struktur der Europäischen Union, der Beitrittsprozess neuer Mitgliedsstaaten und die Bedingungen für dauerhaften Frieden.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet, inwiefern die Gesellschaftstheorie Immanuel Kants eine Rolle bei der EU-Erweiterung spielt und ob sie als theoretisches Fundament für die europäische Integration dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie Kant'sche Friedensbedingungen auf aktuelle politische Prozesse der EU-Erweiterung überträgt und vergleichend diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Kant'schen Friedensartikel, den Prozess der EU-Erweiterung inklusive der Kriterien für Bewerberstaaten sowie den Nutzen der Kant'schen Philosophie für die Friedenssicherung durch europäische Kooperation.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kant'sche Friedenslehre, EU-Erweiterung, Föderalismus, Demokratie, Friedenssicherung und Kopenhagener Kriterien.
Wie bewertet der Autor den Beitritt der Türkei?
Der Autor sieht im EU-Beitritt der Türkei prinzipiell eine Chance zur Friedenssicherung, merkt jedoch an, dass die Verhandlungen aufgrund der Nichterfüllung der Kriterien aktuell stagnieren.
Wie ist die Verbindung zwischen Kant und der EU-Charta?
Die Arbeit stellt fest, dass sich zentrale Kant'sche Theorien, etwa das Föderalismusprinzip und die Idee der Friedenssicherung durch Zusammenschlüsse freier Staaten, in der Charta der Vereinten Nationen und der Struktur der EU wiederfinden.
- Quote paper
- Udo Wichmann (Author), 2005, Inwiefern spielt die Gesellschaftstheorie Immanuel Kants eine Rolle bei der EU-Erweiterung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57256