„Das Völkerrecht ist keineswegs die Bibel“: dieses Urteil scheint für einen der wichtigsten Völkerrechtler weltweit zunächst überraschend – etwa, als würde ein deutscher Verfassungsjurist die normative Geltung des Grundgesetzes relativieren. Der Schein trügt nicht: Tatsächlich tritt Martti Koskenniemi für eine kritisch-funktionale Betrachtung der Rolle des Völkerrechts ein. Er repräsentiert damit einen der wichtigsten Vertreter einer postmodernen Interpretation des Völkerrechts und seines normativen Geltungsanspruchs.
Koskenniemi wirft in seinen Texten Interpretationsprobleme auf, die jenseits der "traditionnellen" juristischen Methodik liegen: Das Völkerrecht muss dahingehend hinterfragt werden, ob es seinem normativen Anspruch tatsächlich gerecht wird und die universellen Interessen der Menschen schützt, oder ob es lediglich der Konservierung von Machtstrukturen dient. Eine internationale Rechtsordnung ist dabei kein Selbstzweck, sondern dient vor allem der rechtlichen Emanzipation der Menschen von illegitimen Herrschaftsverhältnissen. Anhand mehrerer Beispiele zeigt Koskenniemi jedoch, dass das Völkerrecht in seinem heutigen Zustand diesen Zweck weit verfehlt - dadurch aber auch bis zu einem gewissen Maße seinen absoluten Geltungsanspruch verliert.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung.
- 2. Die emanzipatorische Funktion des Völkerrechts.
- 2.1 Die Kernaussage Koskenniemis.
- 2.2 Die Argumentation.
- 2.2.1 Die geschichtliche Entwicklung des europäischen Völkerrechtsverständnisses
- 2.2.2 Einwände gegen die europäische Sichtweise.
- 2.2.3 Das Verständnis des Völkerrechts aus Sicht der governance-Denkweise.
- 2.2.4 Einwände gegen das instrumentelle Völkerrechtsverständnis.
- 2.2.5 Ein alternatives Verständnis des Völkerrechts als Mittel zur Emanzipation.
- 2.3 Kritik des Ansatzes Koskenniemis
- 2.3.1 Fehlender Entwurf geeigneter Institutionen.
- 2.3.2 Indifferenz gegenüber dem materiellen Völkerrecht.
- 2.3.3 Souveränitätstheoretische Implikationen der Ablehnung einer unabhängigen Geltung des Völkerrechts.
- 2.3.4 Ungerechtfertigte Zurückweisung einer Kantianischen Auffassung des Völkerrechts.
- 3. Fazit: Koskenniemi als Vertreter eines Nihilismus oder eines „Super-Liberalismus“?
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Der Autor analysiert die postmoderne Völkerrechtstheorie von Martti Koskenniemi, die sich kritisch mit der Rolle des Völkerrechts im internationalen System auseinandersetzt. Koskenniemi argumentiert, dass das Völkerrecht nicht als ein hierarchisches, auf nationale Rechtsordnungen basierendes System verstanden werden darf, sondern als ein Mittel zur Emanzipation der Menschen von illegitimen Machtverhältnissen. Seine These basiert auf der Kritik an sowohl der traditionellen europäischen Sichtweise des Völkerrechts als auch an der teleologischen Ausrichtung der „governance-Denkweise“.
- Emanzipatorische Funktion des Völkerrechts
- Kritik an der traditionellen europäischen Sichtweise
- Kritik an der governance-Denkweise
- Entwicklung eines alternativen Völkerrechtsverständnisses
- Kritik an Koskenniemis Theorie
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel führt in die Thematik der postmodernen Völkerrechtstheorie ein und stellt die Kernaussagen von Martti Koskenniemi vor. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der emanzipatorischen Funktion des Völkerrechts. Es analysiert die Kritik Koskenniemis an der traditionellen europäischen und der governance-Denkweise und erörtert die von ihm vorgeschlagene alternative Sichtweise.
Das dritte Kapitel widmet sich der Kritik an Koskenniemis Theorie. Es untersucht die Vorwürfe des fehlenden institutionellen Entwurfs, der Indifferenz gegenüber dem materiellen Völkerrecht, der souveränitätstheoretischen Implikationen und der ungerechtfertigten Zurückweisung einer Kantianischen Auffassung des Völkerrechts.
Schlüsselwörter
Postmoderne Völkerrechtstheorie, Martti Koskenniemi, Emanzipation, traditionelle europäische Sichtweise, governance-Denkweise, Kritik, Institutionen, materielles Völkerrecht, Souveränität, Kantianische Auffassung.
- Citar trabajo
- Eric Sangar (Autor), 2005, Die postmoderne Völkerrechtstheorie von Martti Koskenniemi, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55967