Die vorliegende Arbeit setzt sich intensiv mit den Auswirkungen der psychischen Erkrankungen der Eltern auf die psychische Entwicklung der Kinder auseinander. Es wird geschätzt, dass ca. 3 Millionen Kinder im Laufe eines Jahres, ein Elternteil erleben, welcher psychisch krank ist. Die psychischen Erkrankungen wie Depression, Angst- und Zwangsstörung, Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen verändern den kranken Elternteil in seinem Denken und Verhalten, welcher wiederum Einfluss auf die Kinder hat. Sie erleben einen veränderten Elternteil, welcher sie verwirrt und befremdlich wirkt. Die Tabuisierung der Krankheit in der Familie führt dazu, dass sie sich selbst Schuld für die Erkrankung geben.
Die Eltern belasten die Kinder mit einer unangemessenen Verantwortung, was zur Parentifizierung führt. Eine stationäre Behandlung des kranken Elternteils ruft Verlust- und Trennungsängste hervor. Die Kinder leben in einer für sie belastenden Situation, die sich negativ auf ihre psychische Entwicklung auswirkt. Die Kinder haben ein um ein vielfaches erhöhtes Risiko selbst an einer psychischen Störung zu erkranken. Unter diesen Belastungen, in Verbindung mit krankheitsspezifischen Verhaltensmustern der Eltern, entwickeln sie eine unsichere Bindung, zeigen externalisierte sowie internalisierte Verhaltensauffälligkeiten und ihre sozialen Kompetenzen sind eingeschränkt. Die psychischen Grundbedürfnisse der Kinder können nicht befriedigt werden.
Die Resilienzforschung hat schützende Faktoren für die Kinder festgestellt: Unterstützung durch außerfamiliäre Kontakte, gute soziale Kompetenz des Kindes, offener Umgang mit der Erkrankung in der Familie und Psychoedukation für Kinder. Präventive Angebote im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe greifen diese Schutzfaktoren auf, um die Kinder bei der Bewältigung ihrer Lebenssituation zu stärken. In der praktischen Umsetzung der Hilfen, ist eine starke Vernetzung sowie eine gute fachliche Kompetenz aller unterstützenden Akteure notwendig.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Überblick über psychische Erkrankungen
2.1 Affektive Störungen
2.2 Zwangsstörungen
2.3 Angststörung
2.4 Schizophrenie
2.5 Persönlichkeitsstörungen
2.6 Alkoholabhängigkeit
3 Psychische Grundbedürfnisse von Kindern
3.1 Bindungsbedürfnis
3.2 Orientierung und Kontrolle
3.3 Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung
3.4 Lustgewinn und Unlustvermeidung
4 Belastungen der Kinder
4.1 Wahrnehmung des psychisch kranken Elternteils
4.2 Tabuisierung
4.3 Die Suche nach der Krankheitserklärung
4.4 Gefühlswelt der Kinder
4.5 Parentifizierung
4.6 Stationäre Behandlung
5 Krankheitsbezogene Probleme und Risiken
5.1 Kinder von Eltern mit affektiven Störungen
5.2 Kinder von Eltern mit Schizophrenie
5.3 Kinder von Eltern mit Angststörungen
5.4 Kinder von Eltern mit Zwangsstörung
5.5 Kinder von Eltern mit Persönlichkeitsstörung
5.6 Kinder von Eltern mit Alkoholabhängigkeit
6 Stärkung und Förderung von betroffenen Kindern durch die Kinder und Jugendhilfe
6.1 Allgemeine Resilienzfaktoren
6.2 Spezifische Resilienzfaktoren
6.3 Förderung der Erfüllung von psychischen Grundbedürfnissen
6.4 Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe
6.5 Präventive Angebote
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen psychischer Erkrankungen eines Elternteils auf die psychische Entwicklung von Kindern und analysiert, wie die Kinder- und Jugendhilfe diese betroffenen Kinder stärken und fördern kann.
- Identifikation der psychischen Belastungen von Kindern durch erkrankte Elternteile.
- Analyse des Einflusses der elterlichen Krankheit auf die psychischen Grundbedürfnisse von Kindern.
- Untersuchung krankheitsspezifischer Risiken für die kindliche Entwicklung.
- Ableitung von Ansätzen für die Kinder- und Jugendhilfe zur Stärkung und Resilienzförderung.
Auszug aus dem Buch
4.2 Tabuisierung
Bohus et al. erhoben in ihrer Untersuchung den Wissensgrad der Kinder über die Erkrankung ihrer Eltern. Im Rahmen der stationären Behandlung der Eltern wurden die Kinder zum Grund der Behandlung der Eltern befragt. 35 Prozent der Kinder kannten den Grund der Behandlung oder konnten die Erkrankung beschreiben (vgl. Bohus et al. 1998, S. 136f.).
Wie sich Tabelle 2 entnehmen lässt, gibt es in der Gruppe der informierten Kinder bezüglich deren Alter große Unterschiede. So wussten 74 Prozent der 15- bis 18-Jährigen Bescheid, aber nur 17 Prozent der 3- bis 5-Jährigen. Demnach kann angenommen werden, dass Kinder umso seltener über die Erkrankung aufgeklärt sind, je jünger sie sind. Mehr als jedes zweite Kind (65 Prozent) hat keine Informationen dazu. Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich bei der Befragung der Kinder im Rahmen des Kanu-Projektes, das von 2008 bis 2012 in Bielefeld und Gütersloh unter wissenschaftlicher Begleitung durchgeführt wurde (vgl. Griepenstroh et al. 2012, S. 36). Also kann mit Sicherheit festgehalten werden, dass die Tabuisierung der Krankheit gegenüber Kindern systematisch in diesen Familien vorkommt. Schone und Wagenblass benennen die Tabuisierung als „ein großes Problem“ (Schone/Wagenblass 2010, S.186), das sich auf vier Ebenen vollziehen kann: Ebene des erkrankten Elternteils mit subjektiven Verleugnungstendenzen, Ebene der Familie mit familieninternen Verleugnungstendenzen, Ebene der Familie mit familienexternen Verleugnungstendenzen und Ebene der Umwelt mit gesellschaftlichen Verleugnungstendenzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit identifiziert die hohe Relevanz des Themas, da Millionen Kinder mit psychisch kranken Elternteilen aufwachsen, und formuliert die Forschungsfrage nach den Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung sowie den Handlungsmöglichkeiten der Kinder- und Jugendhilfe.
2 Überblick über psychische Erkrankungen: Das Kapitel bietet eine Übersicht über häufige psychische Störungen wie Depression, Zwangsstörungen, Angststörungen, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen und Alkoholabhängigkeit, die für Kinder psychisch kranker Eltern besonders relevant sind.
3 Psychische Grundbedürfnisse von Kindern: Basierend auf dem Modell von Grawe werden die für eine gesunde Entwicklung essenziellen Grundbedürfnisse erläutert: Bindung, Orientierung/Kontrolle, Selbstwertschutz/Selbstwerterhöhung sowie Lustgewinn/Unlustvermeidung.
4 Belastungen der Kinder: Hier werden die vielfältigen Belastungsfaktoren detailliert untersucht, darunter die subjektive Wahrnehmung der kranken Eltern, die Tabuisierung, die Suche nach Erklärungen durch das Kind, die Gefühlswelt, Parentifizierung und die Auswirkungen einer stationären Behandlung.
5 Krankheitsbezogene Probleme und Risiken: Dieses Kapitel analysiert spezifische Risiken für Kinder in Abhängigkeit von der Diagnose der Eltern, wie affektive Störungen, Schizophrenie, Angststörungen, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen und Alkoholabhängigkeit.
6 Stärkung und Förderung von betroffenen Kindern durch die Kinder und Jugendhilfe: Es werden allgemeine und spezifische Resilienzfaktoren, Möglichkeiten zur Förderung der Grundbedürfnisse, die Herausforderungen für die Jugendhilfe sowie präventive Angebote vorgestellt.
7 Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass die psychische Erkrankung eines Elternteils starke Belastungen und Risiken für die Kinder birgt, betont die Notwendigkeit präventiver Ansätze und fordert eine bessere Vernetzung der Hilfesysteme.
Schlüsselwörter
Kinder psychisch kranker Eltern, Psychische Erkrankung, Kinder- und Jugendhilfe, Resilienz, Parentifizierung, Tabuisierung, Bindungsbedürfnis, Prävention, psychische Entwicklung, Belastungen, Intervention, Kindeswohl, Familien mit psychisch kranken Eltern, Risikofaktoren, Familienalltag
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen psychischer Erkrankungen von Eltern auf die psychische Entwicklung ihrer Kinder und analysiert Unterstützungsansätze der Kinder- und Jugendhilfe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Symptomatik psychischer Erkrankungen, die psychischen Grundbedürfnisse von Kindern, die Belastungen der Kinder im Alltag sowie Konzepte zur Stärkung und Prävention.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf die Kinder zu verstehen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese Kinder durch die Jugendhilfe gestärkt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, bei der vorhandene wissenschaftliche Studien und Fachliteratur gesichtet und zentrale Erkenntnisse herausgearbeitet wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Überblick über psychische Erkrankungen, die Grundbedürfnisse von Kindern, die verschiedenen Belastungsformen, krankheitsspezifische Risiken und Ansätze zur Förderung der Resilienz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kinder psychisch kranker Eltern, Resilienz, Parentifizierung, Tabuisierung, Bindung und Prävention durch die Kinder- und Jugendhilfe.
Warum ist das Modell der psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe für diese Arbeit wichtig?
Das Modell ist empirisch gut gestützt und dient als Rahmen, um zu verstehen, welche Bedürfnisse von Kindern in psychisch belasteten Familien häufig nicht befriedigt werden können.
Welche Rolle spielt die Tabuisierung in der Familie für die Kinder?
Die Tabuisierung führt dazu, dass Kinder keine Orientierung finden und sich oft eigene, häufig belastende Erklärungen für die Erkrankung der Eltern suchen, was zu Schuldgefühlen und Loyalitätskonflikten führen kann.
Was bedeutet der Begriff Parentifizierung im Kontext dieser Arbeit?
Parentifizierung beschreibt eine Rollenumkehr, bei der Kinder unangemessene Verantwortung für die psychisch kranken Eltern oder den Haushalt übernehmen, was die eigene Entwicklung beeinträchtigen kann.
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- Agnes Hecker (Author), 2018, Die Auswirkungen der psychischen Erkrankung der Eltern auf die psychische Entwicklung der Kinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463363