Die Tatsache, daß der Ottenton so viele Jahrhunderte nach Walthers Schaffenszeit noch die Forschung beschäftigt und ihr vor allem für ganz gegenteilige Auslegungen annähernd gleich schlüssige Hinweise liefert, regt dazu an, einmal nicht die Frage nach dem Auftraggeber in den Mittelpunkt zu stellen, sondern viel allgemeiner die, ob Walther von der Vogelweide Otto IV. in diesen Sprüchen lobt oder kritisiert. Für die Untersuchung unter dem Gesichtspunkt Panegyrik oder Kritik sollen einerseits die Meinungen Arthur Hattos und Matthias Nix’ gegenübergestellt und andererseits der Semantik des Textes unter Vernachlässigung der geschichtlichen Situation Beachtung geschenkt werden. Die Strophen, auf die ich dieses Verfahren anwenden werde, sind einzig die sogenannten Kaiserstrophen. Ich halte mich dabei an die Reihenfolge der Handschrift A. Die eindeutig antipäpstlichen Strophen können zwar auch im Interesse Otto IV. entstanden sein, enthalten aber semantisch kaum ihn preisende oder tadelnde Merkmale, da sie nicht in erster Linie von ihm handeln. Aus diesem Grund werden L11,6, L12,30 und L11,18 in dieser Arbeit nicht berücksichtigt. Doch auch sie würden der Schlußfolgerung aus der folgenden Betrachtung sicher nicht widersprechen. Denn man braucht nur die Exklusivität der Forscher aufzuheben, um zu der Erwägung zu gelangen, daß Walther in diesem Ton offiziell den Herrscher zu loben hatte, ob dies nun in dessen Auftrag geschah oder im Dienst der Fürsten, die Otto durch Schmeichelei gnädig stimmen wollten. Innerhalb dieser zum Teil nahezu vergötternden Strophen finden sich indes Passagen, die auf schwer nachweisbare Kritik hindeuten.
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Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Hauptteil
- 2.1 Strophe L11,30
- 2.2 Strophe L12,6
- 2.3 Strophe L12, 18
- 3. Schluß
- 4. Literaturangaben
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Frage, ob Walther von der Vogelweide in seinen Sprüchen Otto IV. lobt oder kritisiert. Dabei werden die Interpretationen von Arthur Hatto und Matthias Nix gegenübergestellt und die Semantik des Textes analysiert. Die Untersuchung konzentriert sich auf die sogenannten Kaiserstrophen, wobei die eindeutig antipäpstlichen Strophen aufgrund ihrer semantischen Eigenart nicht berücksichtigt werden.
- Untersuchung der Intention Walthers in den Kaiserstrophen
- Gegenüberstellung der Interpretationen von Hatto und Nix
- Analyse der semantischen Aspekte der Strophen
- Bewertung der Kritik und des Lobes in den Kaiserstrophen
- Einordnung der Strophen in den Kontext der politischen Situation
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung
Die Arbeit thematisiert die Ambivalenz der Kaiserstrophen Walthers von der Vogelweide, die sowohl Lob als auch Kritik gegenüber Otto IV. beinhalten könnten. Es wird diskutiert, ob Walther tatsächlich Otto IV. lobte oder ob es sich um Schmeicheleien im Auftrag der Fürsten handelte, die sich Otto IV. durch Lobpreisung gnädig stimmen wollten.
2. Hauptteil
2.1 Strophe L11,30
Hatto und Nix interpretieren die Strophe L11,30 als Ausdruck des Beifalls für Ottos Macht. Hatto geht von einem aufrichtigen Lob im Auftrag Ottos aus, während Nix von einer captatio benevolentiae ausgeht, die das Ziel hat, im weiteren Verlauf der Gedichte ein gutes Wort für die Fürsten einzulegen. Beide sehen in der Strophe drei lobenswerte Kriterien: die „maiestas“, die „potestas“ und die „auctoritas“ Ottos.
2.2 Strophe L12,6
Diese Strophe wird in der Arbeit nicht weiter behandelt, da sie eindeutig antipäpstlich ist und semantisch keine hinreichenden Hinweise auf Lob oder Kritik an Otto IV. enthält.
2.3 Strophe L12,18
Diese Strophe wird in der Arbeit nicht weiter behandelt, da sie eindeutig antipäpstlich ist und semantisch keine hinreichenden Hinweise auf Lob oder Kritik an Otto IV. enthält.
Schlüsselwörter
Walther von der Vogelweide, Kaiserstrophen, Otto IV., Panegyrik, Kritik, captatio benevolentiae, Maiestas, Potestas, Auctoritas, Semantik, Interpretation, Arthur Hatto, Matthias Nix.
Häufig gestellte Fragen
Lobt Walther von der Vogelweide Otto IV. im Ottenton aufrichtig?
Die Forschung ist gespalten. Während Arthur Hatto von einem aufrichtigen Lob ausgeht, sieht Matthias Nix darin eher eine "captatio benevolentiae", um den Herrscher für die Interessen der Fürsten gnädig zu stimmen.
Was sind die sogenannten "Kaiserstrophen"?
Es handelt sich um spezifische Strophen (z.B. L11,30), in denen Walther direkt auf die Person und die Macht des Kaisers Otto IV. Bezug nimmt und ihn preist.
Gibt es versteckte Kritik in den Lobpreisungen?
Die Arbeit legt dar, dass sich innerhalb der nahezu vergötternden Passagen semantische Hinweise finden lassen, die auf eine subtile Kritik am Verhalten des Kaisers hindeuten könnten.
Was bedeuten die Begriffe "maiestas", "potestas" und "auctoritas" hier?
Dies sind die drei Kriterien kaiserlicher Macht, die Walther in den Strophen hervorhebt, um die Erhabenheit und Rechtmäßigkeit von Ottos Herrschaft zu unterstreichen.
Warum werden die antipäpstlichen Strophen in der Analyse vernachlässigt?
Obwohl sie im Interesse Ottos IV. entstanden sein könnten, enthalten sie kaum direkte Merkmale von persönlichem Preis oder Tadel für den Kaiser, da sie primär den Papst kritisieren.
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- Martina Ochs (Autor), 2000, Panegyrik und Kritik in den Kaiserstrophen des Ottentons von Walther von der Vogelweide, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3853