Vor dem Hintergrund der Kriege des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich auch die Philosophie mit Erklärungsversuchen der Ursache der neuen totalitären Vernichtungskriege, die schließlich in der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkrieges, der Shoa, kumulierte. Auch der französische Philosoph Emmanuel Lévinas erarbeitete vor dem Horizont der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges und der Shoa seine Theorie der Alterität. Für Lévinas besteht die Gewalt des Krieges nicht primär im Verletzen und Vernichten, sondern in der Unterbrechung der Kontinuität der Person. Die Identität des Selben wird durch den Krieg zerstört.
Lévinas formuliert eine Kritik der philosophischen Tradition, der die Ontologie als erste Philosophie gilt. Durch das Primat der Erkenntnis und der Universalität wird das Andere negiert und auf das Selbe reduziert, somit wird die Menschlichkeit aus den Augen verloren. Lévinas erkennt daher nicht in der Ontologie, sondern in der Ethik die Erste Philosophie, denn nur in der Beziehung von Mensch zu Mensch zerbricht die Totalität des Krieges.
Da es nicht möglich ist, im Rahmen der vorliegenden Arbeit das umfangreiche und anspruchsvolle Werk Lévinas’ in seiner Gesamtheit darzustellen, wird der Schwerpunkt auf seiner 1961 erschienenen Habilitationsschrift „Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität“, die als sein erstes Hauptwerk gilt, liegen. Besonders wird auf die Bedeutung der Sprache für Lévinas’ Verständnis der Ethik eingegangen, die er hier in ihren Grundzügen ausarbeitet. In seinem zweiten Hauptwerk „Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht“ vertieft Lévinas seine Gedanken zur Bedeutung der Sprache noch weiter.
Die vorliegende Arbeit gibt zunächst einen Überblick über Lévinas’ grundlegende Thesen bezüglich des Zusammenhangs zwischen Ontologie, Totalität und Krieg, bevor seine These der Ethik als soziale Beziehung zwischen Menschen detailliert dargestellt wird. Im zweiten Teil steht die Frage im Mittelpunkt, welche Rolle die Sprache in der Beziehung zum Anderen spielt und wie diese in Gestalt des Antlitzes das Subjekt zur Verantwortung gegenüber dem Anderen aufruft. Resümierend soll Lévinas’ Denken in „Totalität und Unendlichkeit“ in seinem Gesamtwerk eingeordnet werden und eine kurze Darstellung der Rezeption der Ethik des Anderen erfolgen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Vom Sein zum Seienden – Die Ethik von Emmanuel Lévinas
- Die Ethik geht der Ontologie voraus
- Die Idee des Unendlichen
- Der ethische Widerstand des absolut Anderen
- Der ethische Effekt der Sprache
- Das Antlitz spricht.
- Die Infragestellung
- Das Antlitz ruft zur Verantwortung und zur Freiheit
- Die Sprache als Überbrückung der absoluten Differenz
- Resümee
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit befasst sich mit dem Aspekt der Sprache in Emmanuel Lévinas' Ethik der Alterität. Sie untersucht, wie Sprache in seiner Philosophie die Beziehung zum Anderen prägt und zur Verantwortung gegenüber dem Anderen aufruft.
- Kritik der ontologischen Tradition und das Primat der Ethik
- Das Konzept der Unendlichkeit und die Bedeutung des Anderen
- Der ethische Effekt des Antlitzes und die Sprache als Ausdruck der Verantwortung
- Die Rolle der Sprache in der Überwindung der absoluten Differenz
- Die Bedeutung des Anderen für Lévinas' Philosophie der Ethik
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in das Thema ein und beleuchtet den Hintergrund von Lévinas' Philosophie im Kontext der Kriege des 20. Jahrhunderts. Sie stellt seine Kritik der ontologischen Tradition und die Bedeutung der Ethik als Erste Philosophie dar.
Kapitel 2 widmet sich Lévinas' Ethik der Alterität. Hier werden die zentralen Elemente seiner Philosophie, wie die Kritik der Ontologie, die Idee des Unendlichen und die Beziehung zum Anderen, erläutert.
Kapitel 3 analysiert die Rolle der Sprache in Lévinas' Ethik. Es wird untersucht, wie das Antlitz des Anderen den Menschen zur Verantwortung auffordert und die Sprache als Brücke zur Überwindung der absoluten Differenz dient.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit zentralen Begriffen und Themen aus Lévinas' Philosophie wie Alterität, Ethik, Sprache, Antlitz, Verantwortung, Unendlichkeit, Totalität, Krieg, Shoa und Ontologie.
Häufig gestellte Fragen
Was meint Lévinas mit „Ethik als Erste Philosophie“?
Für Lévinas steht die moralische Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen (dem Anderen) noch vor der theoretischen Erkenntnislehre (Ontologie).
Welche Rolle spielt das „Antlitz“ des Anderen?
Das Antlitz ist für Lévinas der Ort der ethischen Begegnung; es ruft das Subjekt unmittelbar zur Verantwortung auf und verbietet Gewalt.
Wie hängen Sprache und Ethik bei Lévinas zusammen?
Sprache ist bei Lévinas nicht nur Informationsaustausch, sondern der Modus, in dem der Andere mich anspricht und meine Freiheit infrage stellt.
Warum kritisiert Lévinas die Ontologie?
Er sieht in der traditionellen Philosophie die Gefahr der „Totalität“, die das Andere auf das Eigene reduziert und somit die Menschlichkeit aus den Augen verliert.
Welchen Einfluss hatte die Shoa auf Lévinas' Denken?
Die Erfahrung der totalitären Vernichtung und des Krieges war der zentrale Hintergrund für seine Theorie der Alterität und den Ruf nach bedingungsloser Verantwortung.
- Arbeit zitieren
- Sabrina Runge (Autor:in), 2015, Der Aspekt der Sprache in Emmanuel Lévinas' Ethik der Alterität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341892