Beim Korrekturlesen selbst geschriebener Hausarbeiten haben wir die Erfahrung gemacht, dass dem Autor – aber auch anderen Personen – bestimmte Schreibfehler auch bei mehrmaligem Lesen nicht auffallen. Man könnte nun annehmen, dass sich bei der Produktion und Rezeption geschriebener Texte bestimmte kognitive Prozesse beim Schreiben und beim Lesen ergänzen (etwa in der Form, dass Schreiber und Leser etwas Weggelassenes unbewusst für unwichtig erachten oder automatisch Korrekturen vornehmen). Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei BIERWISCH: „Das bedeutet, dass die Wortvertauschung – wie auch andere Störungsprozesse – keineswegs auf die Sprecherstrategie beschränkt sind, sondern in der Hörerstrategie ein automatisch funktionierendes Korrektivprinzip besitzen.“
Die Forschungsfrage lautete also ganz allgemein: Was haben diese Fehler an sich, dass man sie so schwer identifizieren kann und ggf. nur unter konkreter Such-Anweisung findet? Wie unterscheiden sie sich von anderen Schreibfehlern?
Um unsere Fehler im Testentwurf zu systematisieren, orientierten wir uns an der Klassifikation von Versprechern nach MERINGER/MAYER und dem darauf aufbauenden Aufsatz von VATER. VATER listet folgende Versprecherkategorien auf: Metathese, Antizipation, Perseveration, Substitution und Kontamination. Metathesen sind Vertauschungen zweier Laute wie in Meringers Beispiel eine Sorte von Tacher. Bei Antizipationen kommt es zu einer verfrühten Realisation eines eigentlich später geplanten Lautes, so zum Beispiel in der fehlerhaften Äußerung Musterbrust. Der Versprecher Tränengras weist dagegen eine Perseveration auf. Dies ist der gegenläufige Prozess zur Antizipation: ein weiter vorn im Wort vorkommender Laut wird an späterer Stelle erneut realisiert. Eine Substitution bezeichnet das fehlerhafte Einfügen eines Lautes, der gar nicht im Zielwort vorhanden ist, der Fehler lässt sich also nicht mit dem unmittelbaren lautlichen Kontext des Wortes erklären: Blicklicht statt Blitzlicht. Wenn zwei Wörter zu einem neuen Wort verschmelzen, nennt man dies Kontamination: Das Haus verkommelt (aus verkommt + vergammelt). VATER betrachtet weiterführend Additionen und Elisionen als Sonderformen der Substitution: bei einer normalen Substitution wird ein Laut des Wortes durch einen Laut ersetzt, der nicht im Wort oder im weiteren Kontext vorkommt.
Inhaltsverzeichnis
- Forschungsschwerpunkt
- Theoretische Grundlagen
- Aufbau und Durchführung der Vortests
- Überprüfung des Materials
- 1. Vortest
- 2. Vortest
- Auswertungen in Bezug auf unseren Forschungsschwerpunkt
- 1. Vortest
- 2. Vortest
- Konsequenzen
- Itemkonstruktion für einen möglichen Eye-Tracking-Versuch
- Fragestellung
- Die Elektro-Okulographie
- Methodik
- Item 1 - Einfluss der Fehlerposition
- Item 2 - Einfluss visueller vs. phonologischer Informationen
- Ausblick
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Schwierigkeit, bestimmte Schreibfehler in selbst geschriebenen Texten zu identifizieren. Sie zielt darauf ab, die kognitiven Prozesse beim Lesen und Schreiben zu beleuchten und die Ursachen für die fehlerhafte Wahrnehmung von Schreibfehlern zu ergründen.
- Kognitive Prozesse beim Lesen und Schreiben
- Fehlererkennung und -korrektur
- Phonologische und visuelle Verarbeitung von Wörtern
- Worterkennung und point of uniqueness
- Einfluss von Fehlertypen und -positionen auf die Wahrnehmung
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel stellt den Forschungsschwerpunkt vor und beschreibt die Motivation der Arbeit. Im zweiten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen aus der Versprecherforschung und der Worterkennung diskutiert. Das dritte Kapitel erläutert die Durchführung der Vortests, in denen verschiedene Texte mit unterschiedlichen Fehlermengen verwendet wurden. Das vierte Kapitel analysiert die Ergebnisse der Vortests und zieht Konsequenzen für die weitere Forschung. Im fünften Kapitel werden Items für einen möglichen Eye-Tracking-Versuch vorgestellt, die den Einfluss von Fehlerposition und visueller vs. phonologischer Information untersuchen sollen. Das sechste Kapitel bietet einen Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Schreibfehlererkennung, Worterkennung, phonologische Verarbeitung, visuelle Verarbeitung, point of uniqueness, Versprecher, Eye-Tracking, kognitive Prozesse, Fehlertypen, Fehlerposition, Rezeptionsprozesse.
Häufig gestellte Fragen
Warum übersehen wir oft Fehler in unseren eigenen Texten?
Dies liegt an kognitiven Prozessen, bei denen das Gehirn beim Lesen automatisch Korrekturen vornimmt oder Weggelassenes unbewusst als unwichtig einstuft (Korrektivprinzip).
Was ist eine Metathese bei Schreibfehlern?
Eine Metathese bezeichnet die Vertauschung zweier Laute innerhalb eines Wortes, wie zum Beispiel „Tacher“ statt „Tasche“.
Wie hilft Eye-Tracking bei der Erforschung der Fehlererkennung?
Eye-Tracking ermöglicht es zu messen, wie lange und wohin der Blick beim Lesen fällt. So lässt sich untersuchen, ob die Position eines Fehlers oder visuelle Informationen die Wahrnehmung beeinflussen.
Was versteht man unter dem „Point of Uniqueness“?
Es ist der Punkt innerhalb eines Wortes, an dem es eindeutig von allen anderen Wörtern unterschieden werden kann. Die Arbeit untersucht, wie Fehler vor oder nach diesem Punkt die Erkennungsrate beeinflussen.
Was ist der Unterschied zwischen Antizipation und Perseveration?
Bei der Antizipation wird ein späterer Laut zu früh realisiert (z. B. „Musterbrust“), während bei der Perseveration ein früherer Laut später im Wort erneut auftaucht (z. B. „Tränengras“).
- Citar trabajo
- B.A. Henriette Frädrich (Autor), 2011, Generierung von Items für einen Eye-Tracking-Versuch zur Schreibfehlererkennung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337298