Es ist das Jahr 1967, für viele Menschen in der katholischen sowie auch in der orthodoxen Kirche ein ereignisreiches Datum. Ein römischer Papst besucht nach knapp 1000 Jahren wieder einen Patriarchen von Konstantinopel. „Petrus besucht Andreas“, so titelten mehrere Zeitungen. Papst Paul VI. begab sich auf diese Reise mit dem Ziel, die andauernde Kirchenspaltung zu überwinden und wieder einen Dialog aufzustellen. Bei der Begrüßung mit dem Patriarchen Athenagoras bezeichnete der Papst die Orthodoxen als „Schwesterkirche“ und sein Gegenüber erkannte den Ehren-Primat der römischen Kirche an. Auch Papst Benedikt XVI. besuchte am 29.11.2006 die ehemalige Stadt Konstantinopel. Das Resümee war, „daß wir uns als Brüder fühlen und unser Engagement im Hinblick auf die volle Gemeinschaft [...] erneuern“. Man erkennt hieran, dass die Trennung der zwei Kirchen über die Jahrhunderte zu zahlreichen Forschungsdiskussionen geführt hat. Der Wille beider Parteien scheint dahin zu gehen, eine dauerhafte, ökumenische Beziehung aufzubauen.
Warum es aber überhaupt zu einem Schisma kommen konnte, soll nun in dieser Arbeit beleuchtet werden. Beziehen werde ich mich hier auf das Patriarchat des Ignatios und besonders auf das des Photios zwischen den Jahren 842 und 886 n. Chr. Die Beziehung zum Papst in Rom wird dabei das Hauptaugenmerk sein. Durch die Analyse der historischen Gegebenheiten und den andauernden Reibungspunkten zwischen Patriarchat und Papsttum möchte ich die Frage beantworten, ob Photios in seiner Person als Schismatiker bezeichnet werden kann, wie es in den westlichen Quellen definiert ist, oder ob die Meinungsverschiedenheiten auf andere Punkte zurückzuführen sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kirchenpolitische Entwicklung bis zum 1. Patriarchat Ignatios‘
3 Das Patriarchat Photios‘
3.1 Die Synode von Konstantinopel 861
3.2 Folgen der Synode
3.3 Streitpunkte zwischen den beiden Kirchen
3.3.1 Der ‚Kampf‘ um die Vorherrschaft in Bulgarien
3.3.2 Dogmatische Reibungspunkte
3.4 Kaiser Basileios I. und die Beziehung zu Rom nach 867
4 Spätere Rezeptionen
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die kirchenpolitische Entwicklung und die Beziehung zwischen dem Papsttum in Rom und dem Patriarchat in Konstantinopel in den Jahren 842 bis 886 n. Chr. Im Fokus steht dabei die Person des Patriarchen Photios, wobei die Forschungsfrage darauf abzielt zu klären, ob Photios als Schismatiker bezeichnet werden kann oder ob die zugrunde liegenden Meinungsverschiedenheiten auf andere historische und politische Faktoren zurückzuführen sind.
- Analyse der historischen Gegebenheiten im byzantinischen Reich des 9. Jahrhunderts.
- Untersuchung der diplomatischen Korrespondenz zwischen Papst Nikolaus I. und Photios.
- Bedeutung der Bulgarienfrage für das Machtgefüge zwischen Rom und Byzanz.
- Dogmatische Differenzen, insbesondere der Filioque-Zusatz und die Frage des päpstlichen Primats.
- Bewertung der Rolle des Patriarchen Photios im Kontext zeitgenössischer Quellen und späterer Rezeptionen.
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Der ‚Kampf‘ um die Vorherrschaft in Bulgarien
Der Streit um die kirchliche Mission in Bulgarien sollte in den nächsten Jahren die Beziehung zwischen Rom und Konstantinopel entscheidend prägen. Eine große Bedeutung für die Festigung der Machtstellung erlangte die Christianisierung der slawischen Welt. Ost und West buhlten geradezu um diese neuen, potentiellen Christen, die den eigenen Einfluss- und Machtbereich ausweiten konnten. Die Region um die es dabei ging war hauptsächlich das Illyricum im Westen und Norden. Der Süden hingegen lag im byzantinischen Einflussbereich.
Die Ostfranken schlossen im Jahre 862 eine Allianz mit den Bulgaren gegen die Mähren. Letztere ersuchten militärische Unterstützung in Konstantinopel. Es stellte sich heraus, dass der bulgarische Khan Boris I. gewillt war dem Christentum beizutreten und es dementsprechend zur neuen Staatsreligion erheben wollte. Zu dieser Zeit kann als Grund die Hungersnot in Bulgarien angesehen werden, die den Druck auf die Bevölkerung wahrscheinlich, zusätzlich zu der militärischen Präsenz Byzanz, noch verstärkte. Auch zahlreiche Geschenke könnten ausschlaggebend für die Christianisierung gewesen sein. Die Franken billigten Unterstützung und der bulgarische Wille in Konstantinopel blieb nicht ungehört.
Kaiser Michael III. sah eine eigene Chance auf die Bekehrung. Um dieses Ziel zu erreichen vergrößerte er den militärischen Druck auf Boris, was schließlich 864 zur Taufe des Khans in Konstantinopel führte. Die Aussicht auf einen großen Sieg für Byzanz im andauernden Streit um das Illyricum mit dem apostolischen Stuhl in Rom bekam einen herben Dämpfer. Der Plan, diese Gebiete zu erobern war für den Papst nur ein Argument die Kontrolle über Konstantinopel zu erlangen. Ein weiterer Punkt war die weitere Ausbreitung der ostfränkischen Kirche zu verhindern. Man kann also die ‚Bulgarenfrage‘ zunächst einmal als Prestigefrage für Rom und die Franken definieren. Für Byzanz bestand das Interesse vornehmlich darin, Rom durch benachbarte Gebiete keine direkte Kontrolle zukommen zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert die jahrhundertelange Trennung der Kirchen und formuliert die Zielsetzung, die Rolle des Patriarchen Photios im 9. Jahrhundert kritisch zu hinterfragen.
2 Kirchenpolitische Entwicklung bis zum 1. Patriarchat Ignatios‘: Dieses Kapitel erläutert die wachsende Rivalität zwischen Rom und Konstantinopel sowie die politischen Machtverhältnisse in Byzanz vor dem Aufstieg des Photios.
3 Das Patriarchat Photios‘: Der Hauptteil analysiert die Inthronisierung des Photios, die daraus resultierenden Spannungen mit Rom, die Rolle der Synoden von 861, 867 und 869/870 sowie die Bedeutung der Bulgarienfrage.
4 Spätere Rezeptionen: Hier wird betrachtet, wie Photios in späteren Jahrhunderten wahrgenommen wurde und wie die westliche Sichtweise seine Rolle als Gegenspieler des Papsttums festigte.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der Streit stark persönlich geprägt war und durch politische Interessen sowie Tatsachenfälschungen intensiviert wurde, wobei Photios nicht als Schismatiker im heutigen Sinne gelten kann.
Schlüsselwörter
Photios, Ignatios, Papst Nikolaus I., Byzanz, Rom, Kirchenspaltung, Schisma, Bulgarienfrage, Illyricum, Filioque, päpstlicher Primat, Synode, Konstantinopel, Kaiser Michael III., Ostkirche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Patriarchat des Photios im 9. Jahrhundert und dessen komplexe Beziehungen zum Papsttum in Rom, um das Schisma zu beleuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentral sind die diplomatischen Konflikte, die dogmatischen Unterschiede, wie der Filioque-Zusatz, und der machtpolitische Wettstreit um Einflussgebiete wie Bulgarien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Photios als Schismatiker bezeichnet werden kann oder ob äußere politische Umstände für die Konflikte verantwortlich waren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse historischer Gegebenheiten sowie die Auswertung von Korrespondenzen und Konzilsakten der damaligen Zeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Inthronisierung des Photios, die Synoden von Konstantinopel (insb. 861 und 869/870) sowie der Bulgarienkonflikt detailliert betrachtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Photios, päpstlicher Primat, Bulgarienfrage, Ostkirche und Kirchenspaltung charakterisiert.
Inwieweit beeinflusste die Bulgarienfrage die Beziehung zwischen Rom und Konstantinopel?
Die Bulgarienfrage fungierte als ein zentraler Streitpunkt, da sowohl Rom als auch Byzanz den bulgarischen Herrscher Boris I. für sich gewinnen wollten, um Einfluss und Prestige zu sichern.
Welche Rolle spielte die Fälschung von Dokumenten in dieser historischen Phase?
Die Zerstörung oder Fälschung von Briefen erschwerte die Quellenauswertung erheblich und macht eine abschließende Bewertung der historischen Ereignisse bis heute sehr schwierig.
- Citar trabajo
- Marcus Kizina (Autor), 2016, War Photios ein Schismatiker? Zur Beziehung zwischen Patriarchat und apostolischem Stuhl in Rom, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335949