Die folgende Hausarbeit behandelt den griechischen Mythos der Kindsmörderin Medea und legt dabei das Augenmerk auf die unterschiedliche Bearbeitung und Darstellung der Medea durch Euripides, Heiner Müller und Christa Wolf. Die Faszination für Medea hat nicht nur die Jahrhunderte überdauert, sondern vielmehr versteht jede Epoche ihre Geschichte anders und revidiert das Bild, das wir von ihr haben. Deshalb werden im ersten Teil der Hausarbeit die Medeen der oben genannten Autoren charakterisiert und es werden besonders das Verhalten und die Entscheidungen Medeas analysiert.
Es wurden die Versionen von Heiner Müller und Christa Wolf gewählt, da sie zwei Autoren der selben Generation sind. Viel entscheidender jedoch ist, dass sie als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik auch den selben Kulturraum teilten. Deshalb ist es interessant zu sehen, dass zwei Autoren mit gleichen Lebensbedingungen den Medea-Mythos bearbeiteten und trotzdem zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Denn während Heiner Müller sich nah an die Version von Euripides hält und Medea zu einer wahnsinnigen und rachsüchtigen Furie macht, lässt Christa Wolf ihre Medea als humane, empathische und eigenwillige Frau wirken, die zum Opfer von Intrigen und Verleumdung wird. Es lassen sich somit schon auf den ersten Blick große Unterschiede zwischen den beiden Texten feststellen.
Bei der genaueren Bearbeitung der Texte wird der Blick dabei auf folgende Frage gerichtet: „Welche Rückschlüsse lassen sich von der Darstellung der Medea auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft ziehen?“. Diese Frage hat sich ergeben, da Medea eine beliebte Protagonistin in der feministischen Literatur ist. Im zweiten Teil der Hausarbeit werden daher Müllers und Wolfs Medeen mit einander verglichen und die gestellte Forschungsfrage beantwortet. Das zentrale Ergebnis des Vergleichs ist, dass sich Müllers Medea nur durch den Mord an Glauke und ihren Kindern aus der Unterdrückung Jasons befreien kann. Durch diesen Emanzipationsakt versucht sie ihre eigene Identität, welche sie in der Ehe mit Jason verloren hat, wiederzufinden. Bei Wolf dagegen, bewahrt Medea in ihrer Ehe ihre Identität, doch sie ist als emanzipatorisches Vorbild ungern gesehen und wird daher zum Opfer einer männlich beherrschten Gesellschaft und verliert sowohl ihre Heimat wie auch ihre Kinder.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Euripides Version der Medea
3. Heiner Müllers Version der Medea
4. Christa Wolfs Version der Medea
5. Vergleich der Medeen
6. Rückschlüsse auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft
7. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den antiken Medea-Mythos und analysiert, wie unterschiedliche Autoren diesen Stoff interpretieren, um Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Rolle der Frau zu ziehen. Dabei steht die Gegenüberstellung der Versionen von Heiner Müller und Christa Wolf im Vordergrund.
- Analyse der Medea-Figur bei Euripides als klassische Vorlage.
- Untersuchung von Heiner Müllers radikaler, von Rache und Unterdrückung geprägter Medea-Interpretation.
- Darstellung von Christa Wolfs empathischer und selbstbestimmter Medea-Konzeption.
- Vergleichende Analyse der beiden DDR-Autoren hinsichtlich ihrer spezifischen Deutung.
- Ableitung der feministischen Aussagekraft beider Werke für die Geschlechterrollen in der Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3. Heiner Müllers Version der Medea
Heiner Müller nutzt für sein Stück „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“ die Version des Euripides als Vorlage und gestaltet seine Medea ähnlich wie die von Euripides. Medea ist vertraut mit Giften und hat aus Liebe zu Jason sogar ihren Bruder getötet. Doch als Jason sie für die Königstocher verlässt, um politisch aufsteigen zu können, kann sie erstmals ihre Vergangenheit und Fehler wieder klar sehen. Anhand der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit fängt sie an, um ihren Bruder zu trauern und gibt Jason die Schuld an seinem Tod. Sie hat für ihren Mann alles aufgegeben und sich ihm freiwillig unterworfen. Dies wird deutlich als sie sagt: „Für dich habe ich getötet und geboren / Ich deine Hündin deine Hure ich“. Indem sie sich ihrem Mann unterordnete, verlor sie sogar ihre eigene Identität. In der Ehe zu Jason wurde Medea vom Subjekt zum Objekt degradiert, denn Jason nutzte, verbrauchte und zerstörte ihren Körper. Durch den Verrat Jasons und die Einsicht ihrer Fehler, will sich Medea aus ihrer selbstverschuldeten Unterdrückung befreien und wieder zu der werden die sie früher war, indem sie an ihm Rache nimmt. So hofft sie aus ihrer Rolle als Frau und Mutter ausbrechen zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein und stellt die Forschungsfrage nach den Rückschlüssen auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft anhand der Medea-Darstellungen.
2. Euripides Version der Medea: Dieses Kapitel charakterisiert Medea als klassische Kindsmörderin und rachsüchtige Figur, die durch Verrat und verletzten Stolz getrieben wird.
3. Heiner Müllers Version der Medea: Hier wird Müllers Medea analysiert, die ihre Unterdrückung durch einen gewaltsamen Emanzipationsakt und Rache an Jason zu beenden versucht.
4. Christa Wolfs Version der Medea: Dieses Kapitel zeigt Wolfs Medea als kluge, moralisch handelnde und eigenwillige Frau, die Opfer gesellschaftlicher Intrigen wird.
5. Vergleich der Medeen: Die Gegenüberstellung verdeutlicht die Unterschiede in der Radikalisierung bei Müller und der positiven Umdeutung bei Wolf hinsichtlich Identität und Befreiung.
6. Rückschlüsse auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft: Das Kapitel diskutiert die feministische Dimension beider Texte und kritisiert patriarchale Strukturen und die Ausgrenzung starker Frauen.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass beide Autoren trotz unterschiedlicher Herangehensweisen eine feministische Botschaft vermitteln und den Mut zur Emanzipation fordern.
Schlüsselwörter
Medea, Mythos, Heiner Müller, Christa Wolf, Euripides, Kindsmord, Emanzipation, Geschlechterrolle, Identität, Feminismus, Literaturwissenschaft, Gesellschaftskritik, Unterdrückung, Rache, Verrat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem griechischen Mythos der Medea und analysiert, wie unterschiedliche Autoren die Figur der Kindsmörderin im Laufe der Zeit sowie in spezifischen modernen Versionen interpretieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themenfelder sind die Themen Emanzipation, Identitätsverlust in patriarchalen Ehestrukturen, die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die literarische Umdeutung eines klassischen Mythos.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aus der literarischen Darstellung der Medea bei Heiner Müller und Christa Wolf Rückschlüsse darauf zu ziehen, wie die Rolle der Frau in der Gesellschaft konstruiert und wahrgenommen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative literaturwissenschaftliche Analyse, bei der die Texte von Euripides, Müller und Wolf in Bezug auf Charakterentwicklung und Handlungsmotive gegenübergestellt werden.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Medea-Versionen der drei Autoren einzeln charakterisiert, ihre Handlungsweisen wie Mord oder Flucht analysiert und anschließend ein direkter Vergleich zwischen Müller und Wolf vollzogen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Publikation charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe Medea-Mythos, Feminismus, Emanzipation, Geschlechterrollen sowie die Namen der Autoren Müller und Wolf definieren.
Wie unterscheidet sich die Medea bei Heiner Müller von der bei Christa Wolf?
Während Müllers Medea als rachsüchtige und durch Gewalt emanzipierende Figur dargestellt wird, zeichnet Wolf ein Bild von Medea als einer moralisch handelnden, klugen Frau, die an einer ihr feindseligen Gesellschaft scheitert.
Warum spielt die DDR-Herkunft der beiden Autoren für den Vergleich eine Rolle?
Die gemeinsame kulturelle Prägung der beiden Autoren in der DDR dient als Ausgangspunkt, um zu untersuchen, wie zwei Personen unter ähnlichen Lebensbedingungen zu solch unterschiedlichen literarischen Ergebnissen bei der Bearbeitung desselben Mythos kommen.
- Citation du texte
- Anna Rupprecht (Auteur), 2016, Der Medea Mythos. Darstellung in den Versionen von Heiner Müller und Christa Wolf, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335403