Was ist Gerechtigkeit und warum schätzen wir sie so sehr? Jeder der sich bereits diese Frage gestellt hat wird wissen, dass die Antworten mannigfaltig sind. Aus der Perspektive der Philosophie wird Gerechtigkeit als ein normatives Konzept angesehen, das einen integralen Bestandteil des gemeinschaftlichen Zusammenlebens unter vernunftbegabten Individuen ausmacht. Soweit besteht zumindest schemenhaft ein Konsens in der Disziplin, doch schon bei der Frage – warum wir jenes Gut schätzen? – divergieren die Meinungen extrem.
Die einen erachten Gerechtigkeit als ein intrinsisches Gut an, als ein Gut das um seiner Selbstwillen anzustreben ist. Andere sehen in der Gerechtigkeit einen immanenten Bestandteil des Guten an sich und wiederum andere betrachten sie nur als instrumentell für andere Güter. Doch warum auch immer wir Gerechtigkeit schätzen, es scheint der Fall zu sein, dass wir sie schätzen und zumindest intuitiv eine Vorstellung davon haben was gerecht ist und was nicht. Eine Erklärung für dieses Phänomen ist möglicherweise die lange Tradition, in welcher Gerechtigkeitstheorien stehen, so fand man bspw. schon in den Überresten des prähistorischen Ägyptens theoretische Auseinandersetzungen mit der Idee der Gerechtigkeit.
Was aber noch weitaus erstaunlicher ist als die kontinuierliche Präsens dieses Gutes in der Historie der Menschheit, ist die Feststellung, dass sich die grundlegende Idee, nämlich das Gerechtigkeit darin bestünde „jedem das seine zukommen zu lassen (suum cuique)“, bis in die Gegenwart erhalten geblieben ist. Was sich im Laufe der Geschichte verändert hat sind die Vorstellungen davon warum man jedem das seine zukommen lassen sollte und was dieses seine ist. An diese Entwicklung wird die vorliegenden Ausarbeitung anknüpfen, indem sie eine einflussreiche Theorie der Gerechtigkeit, des 20. Jahrhunderts, rekonstruiert und erörtert. Die Gerechtigkeitstheorie, welche es zu untersuchen gilt, ist John Rawls' (1921-2002) „Gerechtigkeit als Fairness“. Es ist anzumerken, dass Rawls ein Vertreter des angelsächsischen Liberalismus ist, weshalb seine Theorie auf grundlegenden Prämissen der liberalen Weltsicht aufbaut.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Grundlagen der Rawls'schen Gerechtigkeitstheorie
1.1. Bedeutung der Gerechtigkeit
1.2. Rawls' Methodologie
2. Gerechtigkeit als Fairness
3. Die Rawls'schen Grundsätze der Gerechtigkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit rekonstruiert und erörtert John Rawls' einflussreiche Theorie der "Gerechtigkeit als Fairness", um zu verstehen, wie eine stabile und gerechte Gesellschaft unter Bedingungen des vernünftigen Pluralismus möglich ist.
- Die normative Bedeutung von Gerechtigkeit in sozialen Institutionen
- Methodische Grundlagen: Kontraktualismus und Überlegungsgleichgewicht
- Die Konzeption des "Urzustandes" als Entscheidungssituation
- Der "Schleier des Nichtwissens" als Instrument für faire Verfahren
- Die Herleitung der Rawls'schen Gerechtigkeitsgrundsätze
Auszug aus dem Buch
1.2. Rawls' Methodologie
Der Gegenstand der Gerechtigkeit ist demnach die Grundstruktur einer Gesellschaft, unter welcher die Bürger jener leben oder genauer, die Art und Weise wie die Institutionen dieser Gesellschaft, die gemeinschaftlichen Güter verteilen. Was die distributive Dimension der Gerechtigkeit zum Hauptstück der Rawls'schen Gerechtigkeitstheorie macht. Folglich muss der Inhalt einer solchen Gerechtigkeitskonzeption aus Prinzipien bestehen, die eine Verfahrensweise der Güterdistribution festlegen, welche von allen Bürger anerkannt wird. Wie muss eine solche Distribution angelegt sein, sodass alle Bürger die gemeinsamen Institutionen als gerecht anerkennen und die Gerechtigkeit ihre Funktion erfüllt? Rawls Antwort auf diese Frage ist ein Gedankenexperiment, welches mithilfe des Vernunftgebrauches und zwei philosophische Methodiken derartige Gerechtigkeitsgrundsätze generieren soll.
Im folgenden Abschnitt werden diese Methoden vorgestellt und in Rawls Argumentation eingebettet. Allgemein ist anzumerken, dass es sich um keine revolutionäre Vorgehensweise handelt, im Gegenteil, Rawls greift bereits bewährte Vorgehensweisen auf und passt sie seinem Prozedere an. Nichtsdestotrotz bringen diese Methodiken überaus starke und evidente Argumente hervor – d.s. der Kontraktualismus und das Überlegungsgleichgewicht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die philosophische Relevanz von Gerechtigkeit ein und benennt John Rawls' "Gerechtigkeit als Fairness" als zentrales Untersuchungsobjekt.
1. Grundlagen der Rawls'schen Gerechtigkeitstheorie: Dieses Kapitel beleuchtet Rawls im Kontext des egalitären Liberalismus und untersucht die Bedeutung von Gerechtigkeit sowie die methodischen Ansätze seines Werks.
1.1. Bedeutung der Gerechtigkeit: Hier wird die Funktion von Gerechtigkeit als Basis für Stabilität und Kooperation in einer pluralistischen Gesellschaft analysiert.
1.2. Rawls' Methodologie: Dieses Kapitel erläutert die zentralen Begründungsinstrumente der Theorie, insbesondere den Kontraktualismus und das Überlegungsgleichgewicht.
2. Gerechtigkeit als Fairness: Die Argumentation führt hier die Modellierung des "Urzustandes" und des "Schleiers des Nichtwissens" zusammen, um faire Prinzipien der Verteilung zu rechtfertigen.
3. Die Rawls'schen Grundsätze der Gerechtigkeit: Dieses abschließende Kapitel stellt die zwei zentralen Gerechtigkeitsprinzipien von Rawls vor und erläutert deren hierarchische Struktur und Legitimationsgrundlage.
Schlüsselwörter
Gerechtigkeit, Fairness, John Rawls, Politischer Liberalismus, Urzustand, Schleier des Nichtwissens, Kontraktualismus, Überlegungsgleichgewicht, distributive Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Differenzprinzip, egalitärer Liberalismus, soziale Institutionen, vernünftiger Pluralismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer grundlegenden Rekonstruktion und Diskussion der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen den politischen Liberalismus, die Bedingungen für faire gesellschaftliche Institutionen und die methodische Herleitung moralischer Prinzipien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Rawls unter Verwendung eines Gedankenexperiments Gerechtigkeitsgrundsätze entwickelt, die als fair und für alle vernünftigen Bürger akzeptabel gelten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf die Analyse philosophischer Texte und rekonstruiert die von Rawls genutzten Methoden des Kontraktualismus und des Überlegungsgleichgewichts.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse des "Urzustandes", des "Schleiers des Nichtwissens" sowie der Herleitung und Gewichtung der zwei Grundsätze der Gerechtigkeit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gerechtigkeit als Fairness, Urzustand, distributive Gerechtigkeit und das Differenzprinzip geprägt.
Warum spielt das "Faktum des vernünftigen Pluralismus" eine so große Rolle für Rawls?
Es dient als Ausgangslage für die Theorie, da Rawls zeigen möchte, wie trotz unterschiedlicher Weltanschauungen ein gesellschaftlicher Konsens über gerechte Institutionen erreicht werden kann.
Wie unterscheidet sich Rawls' Ansatz vom klassischen Kontraktualismus?
Rawls nutzt den Vertragsschluss nicht primär zur Begründung staatlicher Autorität, sondern als faires Verfahren zur Ermittlung von Verteilungsprinzipien für soziale Güter.
Welche Funktion hat der "Schleier des Nichtwissens"?
Er sorgt dafür, dass individuelle Interessen oder zufällige Lebensumstände bei der Wahl der Gerechtigkeitsprinzipien ausgeblendet werden, um ein unparteiisches und faires Ergebnis zu gewährleisten.
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- Gino Krüger (Author), 2013, Fairness als zentraler Begriff in der Gerechtigkeitstheorie John Rawls, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/322318