Der Einfluss des Mediums Film auf die Meinungsbildung der Zuschauer wurde durch zahlreiche Studien bewiesen. Andere Studien legen nahe, dass die Darstellung psychisch kranker Menschen im Film meist klinisch falsch, negativ und stereotyp ist. Aber ist dem wirklich so? Filme wie "A Beautiful Mind –Genie und Wahnsinn" (2001) oder "Elling" (2001) erwecken den Eindruck einer zunehmend differenzierteren Darstellungsweise psychischer Erkrankungen in den visuellen Medien.
In der vorliegenden Arbeit wird am Beispiel von drei Filmen anhand qualitativer Analyse exemplarisch und inhaltlich untersucht, ob Menschen mit affektiver psychischer Erkrankung in diesen Filmen klinisch-psychologisch korrekt dargestellt werden. Die Analyse der Filme "Silver Linings" (2012), "It’s Kind of a Funny Story" (2010) und" Veronika Beschließt zu Sterben" (2010) hat ergeben, dass nur einer der drei Filme eine komplette, klinisch korrekte Darstellung der jeweiligen psychischen Erkrankung abgibt ("It’s Kind of a Funny Story"). Einer der drei untersuchten Filme erfüllt diese Bedingung nur teilweise ("Silver Linings") und ein Film ("Veronika beschließt zu Sterben") hält dem Abgleich mit der zuvor definierten Kriterien der klinischen Korrektheit nicht stand.
Inhaltsverzeichnis
1. Literaturübersicht
1.1 Klinisch-Psychologischer Diskurs
1.2 Darstellung psychisch kranker Menschen im Medium Film
1.3 Exkurs
2. Konzeption der Analyse
2.1 Methode
2.2 Operationalisierung
2.3 Materialauswahl
3. Einzelanalysen
3.1 Veronika beschließt zu sterben
3.2 It’s Kind of a Funny Story
3.3 Silver Linings
4. Ergebnisanalysen
4.1 Veronika beschließt zu Sterben
4.2 It’s Kind of a Funny Story
4.3 Silver Linings
5. Diskussion
6. Fazit/Ausblick
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht exemplarisch anhand dreier Spielfilme, ob die filmische Darstellung von Menschen mit affektiven psychischen Erkrankungen klinisch-psychologisch korrekt nach den Kriterien des ICD-10 erfolgt oder ob negative Stereotypen dominieren.
- Analyse der klinischen Korrektheit psychischer Störungen in zeitgenössischen Spielfilmen.
- Überprüfung der These, dass filmische Darstellungen überwiegend falsch und negativ sind.
- Anwendung qualitativer filmischer Inhaltsanalyse zur Symptomidentifikation gemäß ICD-10.
- Untersuchung des Einflusses medialer Darstellungen auf die Stigmatisierung psychisch Erkrankter.
Auszug aus dem Buch
Die klinischen Fakten über psychischer Krankheit und ihre Heilung
Neben Charakter-Archetypen und stereotypen Charaktereigenschaften werden oftmals falsche Informationen von der Entstehung psychischer Erkrankungen, der Diagnose, den Symptomen, der Auftretenswahrscheinlichkeit, des Verlaufes, der Behandlung und den Chancen auf Heilung vermittelt (Möller-Leimkühler, 2004; Pirkis et al., 2006; O. Wahl et al., 2003). Erkrankungen wie die Dissoziative Persönlichkeitsstörung, Störungen der Geschlechtsidentität und anterograde Amnesie werden aufgrund ihres hohen Potentials zur effektvollen und melodramatischen Inszenierung bevorzugt und häufig von Filmemachern thematisiert und tauchen dadurch im Film häufiger auf, als dies in der Realität der Fall ist (z.B. in The Three Faces of Eve (1957), Psycho (1960) und Memento (2000) (Diefenbach, 1997). Psychische Erkrankungen werden häufig als eine Folge von frühen traumatischen Erlebnissen oder einer unglücklichen Beziehung zu einem Elternteil dargestellt, was ätiologisch nur bedingt richtig ist (Wedding & Niemiec, 2003). Ein Beispiel für eine im Film häufig gestellte falsche Diagnose ist die Gleichsetzung von Schizophrenie und multipler Persönlichkeitsstörung. Zusätzlich lassen sich einige “Mythen” im Bezug auf die Heilung psychischer Krankheit generieren (Wedding et al., 2011): The cathartic cure und the love cure (Gabbard & Gabbard, 1999). Die cathartic cure, also die kathartische Heilung (Übers. Von Verf.), zeigt eine plötzliche Gesundung des Patienten, nachdem der Therapeut eine unterdrückte und dem Bewusstsein des Patienten verborgene, traumatische Erinnerung aufdeckt. Die love cure, also Heilung durch wahre Liebe (Übers. Von Verf.), tritt besonders häufig im Zusammenhang mit einer attraktiven und alleinstehenden Therapeutin und deren beginnender Behandlung eines ebenso attraktiven Patienten auf (Gabbard, 2001).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Literaturübersicht: Dieses Kapitel erläutert die klinischen Grundlagen affektiver Erkrankungen nach ICD-10 sowie den aktuellen Forschungsstand zur medienkritischen Darstellung psychisch kranker Menschen.
2. Konzeption der Analyse: Hier wird die Methodik der qualitativen filmischen Inhaltsanalyse definiert, operationalisiert und die Auswahlkriterien für die drei zu untersuchenden Filme festgelegt.
3. Einzelanalysen: In diesem Teil werden die Filme Veronika beschließt zu sterben, It’s Kind of a Funny Story und Silver Linings inhaltlich zusammengefasst und die jeweiligen Symptome in Tabellen erfasst.
4. Ergebnisanalysen: Dieses Kapitel wertet die klinische Korrektheit der Darstellung in den drei Filmen im Abgleich mit den ICD-10-Kriterien aus.
5. Diskussion: Die Ergebnisse werden kritisch reflektiert, wobei insbesondere die Auslegbarkeit der Analysemethode und der Einfluss auf die Zuschauerwahrnehmung diskutiert werden.
6. Fazit/Ausblick: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass es durchaus realistische Darstellungen gibt, weist jedoch auf die methodischen Grenzen und die Notwendigkeit weiterer Forschung hin.
7. Literaturverzeichnis: Umfassende Auflistung der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Spielfilm, psychische Erkrankung, affektive Störung, ICD-10, klinische Korrektheit, Film-Analyse, Stigmatisierung, Medienrezeption, Depression, Bipolare Störung, Manie, Stereotypen, Psychotherapie, psychiatrische Klinik, Patientenrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie psychisch kranke Menschen in zeitgenössischen Spielfilmen dargestellt werden und ob diese Repräsentationen klinisch-psychologischen Kriterien standhalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die mediale Darstellung psychischer Störungen, der Einfluss solcher Darstellungen auf das Stigma psychischer Erkrankungen und der Vergleich filmischer Inhalte mit dem ICD-10 Diagnoseklassifikationssystem.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, exemplarisch zu prüfen, ob Spielfilme der Gegenwart ein realistisches und klinisch korrektes Bild von affektiven Erkrankungen vermitteln, um der verbreiteten Annahme einer überwiegend negativen und verzerrten Darstellung entgegenzutreten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es kommt die qualitative filmische Inhaltsanalyse zur Anwendung, bei der filmische Handlungen in Sequenzprotokolle transkribiert und anhand einer Symptomtabelle auf ICD-10-konforme Merkmale überprüft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine theoretische Literaturübersicht, die Konzeption einer Analyse auf Basis des ICD-10, die detaillierte inhaltliche Analyse von drei Spielfilmen sowie die Auswertung und Diskussion der Ergebnisse hinsichtlich ihrer klinischen Korrektheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Spielfilm, affektive Störungen, ICD-10, Stigmatisierung, klinische Korrektheit und filmische Inhaltsanalyse charakterisieren.
Warum wurde ausgerechnet der Film "It’s Kind of a Funny Story" als klinisch korrekt eingestuft?
Dieser Film bildet laut der Analyse ein komplexes, anschauliches und nachvollziehbares Bild der Erkrankung ab, bei dem alle für eine schwere depressive Episode notwendigen Symptome nach ICD-10 dargestellt werden.
Welche Schwierigkeiten ergaben sich bei der Analyse des Films "Veronika beschließt zu sterben"?
Die Hauptschwierigkeit bestand darin, dass die im Film dargestellten Symptome nicht ausreichten, um eine explizite depressive Episode diagnostizieren zu können, und die Diagnose im Film eher eine Selbsteinschätzung der Figur als eine klinische Diagnose darstellte.
- Quote paper
- Charlotte Hirz (Author), 2015, Darstellung psychisch kranker Menschen im Spielfilm der Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305714