2008 erfolgte eine fünfmonatige, ethnografische Untersuchung bei einer Gruppe von Wanderarbeitern in der Ostchinesischen Millionenstadt Hangzhou. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses stand die Frage, wie Akteure in einer individuellen Migration persönliche Bindungen etablieren und mithilfe welcher Strategien sie Beziehungen zum Herkunftsort aufrecht erhalten. Die Mitglieder einer Gruppe von Baustellenarbeitern aus Sichuan, die sich aus Migranten der 1. und 2. Generation zusammensetzte, bewertete die Verbindung zum Herkunftsort in unterschiedlicher Weise. Für Akteure der 1. Generation stand außer Frage, dass man zu gegebener Zeit wieder in das heimatliche Dorf zurückkehrt. Begründet wurde dies u.a. mit dem Wunsch nach der Fortführung der familiären Linie und mit einer mangelnden Perspektive in der Stadt. Junge Männer der 2. Generation hingegen, die gleichermaßen die Perspektivlosigkeit in der Migration beschrieben haben, beschäftigten sich nichtsdestotrotz mit einem langfristigen Verbleib in der Fremde. Die unterschiedlichen Aussagen standen in Verbindung mit spezifischen Handlungsstrategien: Die ältere Generation ließ den Familienmitgliedern in Sichuan neben regelmäßigen Geldsendungen immer auch nützliche Gebrauchsgegenstände zukommen, „rituelle Objekte“ (liwu) die symbolisch für die emotionale Anteilnahme am alltäglichen Leben im Dorf standen. Die Geschenke waren empathischer Ausdruck eines Sich-Kümmerns, was in China ein wichtiger Aspekt bei der Aufrechterhaltung von persönlichen Beziehungen ist. Die jüngere Generation missachtete diese Verhaltensregeln häufiger und sendete in unregelmäßigeren Abständen ausschließlich Geld nach Hause. Zudem sahen sie in der neugewonnenen Freundschaft vor Ort eine Form der Freiheit, die sie mit einem ungezwungeneren zwischenmenschlichen Umgang begründeten. Letzteres war bemerkenswert, da innerhalb der streng hierarchisch geordneten Arbeitergruppe ebenjene konfuzianischen Konzepte ihre Anwendung fanden, wie es für gewöhnlich in familiären Netzwerken der Fall ist. Verwandtschaftliche Grade wurden hierbei lediglich durch ein Altersklassensystem und den Aspekt größerer oder geringerer Arbeitserfahrung ersetzt. Aufgrund dessen fanden sich die Jüngsten der Gruppe am Ende der Rangordnung wieder, was mit der Ausübung der anstrengendsten Tätigkeiten auf der Baustelle verbunden war.
Inhaltsverzeichnis
- LISTE DER ABBILDUNGEN
- KARTE VOLKSREPUBLIK CHINA
- VORWORT
- 1. EINLEITUNG
- 2. DIE CHINESISCHEN NETZWERKE
- 2.1 DIE GROBEN ANGELEGENHEITEN UND DIE KLEINEN AUFMERKSAMKEITEN
- 3. ÜBERBLICK ÜBER DEN GEGENWÄRTIGEN GUANXI-DISKURS
- 4. GUANXI UND MIGRATION
- 5. VORSSTELLUNG DES FORSCHUNGSKONTEXTES
- 5.1 DAS INNERE DER GRUPPE AUS SICHUAN
- 5.2 FORMUNG DES INNEREN DURCH DAS AUẞEN
- 5.3 DIE BAUSTELLE UND DIE DOMINANZKULTUR
- 5.4 POLITISCHE STIGMATISIERUNG UND DAS HAUSHALTSREGISTRIERUNGSSYSTEM
- 5.5 NARRATIVE DER RÜCKMIGRATION
- 5.6 STADTNARRATIVE
- 6. DIE MORALISCHE EINBETTUNG UND MODI VON SOZIALER NÄHE
- 6.1 SOZIALE NÄHE UND DAS MORALISCHE VERHALTEN AUF DER BAUSTELLE
- 6.2 SOZIALE NÄHE UND MORALISCHES VERHALTEN GEGENÜBER DEM NETZWERK DES HERKUNFTSORTES
- 7. GESICHT UND ANSEHEN
- 7.1 GESICHT, ANSEHEN UND MORAL
- 7.2 GESICHT UND ANSEHEN UNTER DEN ARBEITERN
- 7.3 SYMBOLISCHE MACHT, AUSHANDLUNG UND SPRACHE
- 8. KULTURELLES KAPITAL AUF DER MAKROEBENE
- 8.1 TAUSCHRATEN ZWISCHEN FORMEN DES KAPITALS
- 8.2 VERFLECHTUNG VON MIKRO- UND MAKROEBENE
- 9. GEMEINSCHAFT UND TRANSFORMATION
- 9.1 GESELLSCHAFTLICHE BRÜCHE UND DIE UNGLEICHZEITIGKEIT
- 9.2 VON STOLZEN BAUERN, EINER VERLORENEN GENERATION UND DER HARMONIE IN DER KURZFRISTIGKEIT
- 9.3 WIDERSPRÜCHE UND UNGLEICHZEITIGKEIT AUF DER MAKROEBENE
- 10. DIE FRAU IN DER MIGRATION
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese wissenschaftliche Arbeit befasst sich mit der Konzeptualisierung und Transformation von Guanxi-Netzwerken im Kontext chinesischer Arbeitsmigration. Die Arbeit analysiert die Rolle von Guanxi in der Herausbildung sozialer Netzwerke und untersucht, wie diese Netzwerke im Zuge der Migration transformiert werden.
- Die Bedeutung von Guanxi als soziales Kapital in China
- Die Rolle von Guanxi-Netzwerken in der Arbeitsmigration
- Die Transformation von Guanxi-Netzwerken im Kontext der Migration
- Der Einfluss von Kultur und Politik auf die Gestaltung von Guanxi-Netzwerken
- Die Herausforderungen und Chancen der Migration für die Entwicklung von Guanxi-Netzwerken
Zusammenfassung der Kapitel
Die Arbeit beginnt mit einer Einleitung, die den Forschungsgegenstand und die Forschungsmethodik erläutert. Im zweiten Kapitel werden die chinesischen Netzwerke allgemein dargestellt, während im dritten Kapitel der aktuelle Guanxi-Diskurs beleuchtet wird. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Guanxi und Migration. Das fünfte Kapitel stellt den Forschungskontext, insbesondere die Gruppe der Wanderarbeiter aus Sichuan, vor. Es werden die Lebensbedingungen, die Herausforderungen und die Erfahrungen der Migranten auf der Baustelle und im städtischen Kontext untersucht. Das sechste Kapitel untersucht die moralische Einbettung und die Modi von sozialer Nähe in den Guanxi-Netzwerken der Migranten. Im siebten Kapitel werden die Konzepte von Gesicht und Ansehen im Kontext von Guanxi und Migration analysiert. Das achte Kapitel beleuchtet das kulturelle Kapital auf der Makroebene und die Interaktion zwischen den verschiedenen Kapitalformen. Im neunten Kapitel werden die Auswirkungen von sozialer Ungleichheit und Transformation auf die Guanxi-Netzwerke der Migranten untersucht. Das zehnte Kapitel widmet sich dem Thema der Frau in der Migration.
Schlüsselwörter
Guanxi, chinesische Netzwerke, Arbeitsmigration, soziale Nähe, moralische Einbettung, Gesicht, Ansehen, kulturelles Kapital, soziale Ungleichheit, Transformation, Sichuan, Baustelle, Stadt, Narrative
- Citation du texte
- Mike Bernd (Auteur), 2010, Aspekte sozialer chinesischer Netzwerke, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263842