Als Paul Hindemith im Sommer 1930 Gottfried Benn auffordert einen Text
für ihn zu verfassen, befindet sich dieser in einer Phase des Wandels, der
dichterischen wie persönlichen Neuorientierung und nur zögernd stimmt er
dem Unterfangen zu. Hindemith hatte zuvor für das Baden-Badener Fest der
zeitgenössischen Musik von 1929 zusammen mit Bertolt Brecht den
Lindberghflug und ein Lehrstück verfasst und sich anschließend mit dem
Dichter zerstritten. Grund legend für das Zerwürfnis war ganz allgemein die
damals vorherrschende Kunstauffassung der Neuen Sachlichkeit, welche die
zunehmende Instrumentalisierung der Kunst am Ende der Weimarer Republik
vorantrieb. Hindemiths Idee einer Gebrauchsmusik, als rein erzieherischer
Maßnahme vertrug sich nicht mit brechtscher Suggestion zum politischen
Stimmenfang. Es mangelte auch nicht an gegen Benn gerichteter Polemik, der
seine quasi ‚überholte’ absolute Ästhetik nicht verhehlte, ja sogar vehement
verteidigte. Seine exemplarische Replik gegen J. R. Becher und E. E. Kisch in
der Neuen Bücherschau vom 9. Juli 1929 Können Dichter die Welt ändern?
muss daher Hindemiths Interesse geweckt haben, auch wenn eine tiefere
Identifikation mit den dargestellten nihilistischen Ideen nicht anzunehmen ist.
Die Zusammenarbeit am Unaufhörlichen erstreckt sich über einen Zeitraum
von etwa zwei Jahren (1930/31) und lässt sich durch den regen Briefwechsel
gut rekonstruieren. Sehr auffällig ist Benns Unsicherheit, was die
Verwertbarkeit seiner Textfragmente betrifft; deren Folge ist ein ständiges
Versichern bei Hindemith und eine dadurch bedingte nur zögerliche,
schrittweise Entwicklung des Materials. Die Entscheidung für ein Oratorium ist
interessant, da diese Gattung traditionell einem pädagogischen Auftrag
verpflichtet ist, Benn dieses Ansinnen jedoch im Vorfeld von sich weist. Ging
es ihm nicht um erzieherisches Einwirken im Sinne einer nachhaltigen
Entwicklung von Gesellschaft bzw. Individuen, so doch zumindest um ein
Bewusstwerden der schieren Fragwürdigkeit von Existenz.[...]
Inhalt
1 Gottfried Benn und Paul Hindemith
– Zur Entstehung des Unaufhörlichen
2 Das Unaufhörliche – Spiegelbild seines Denkens
2.1 Das Sein – Zyklen oder Posthistoire?
2.2 Der Inhalt wird Form – bennscher Expressionismus
3 Das Unaufhörliche – ein Experiment?
4 Literaturverzeichnis
Häufig gestellte Fragen
Was ist "Das Unaufhörliche"?
Es ist ein Oratorium, das aus einer Zusammenarbeit zwischen dem Dichter Gottfried Benn und dem Komponisten Paul Hindemith in den Jahren 1930/31 entstand.
Warum arbeiteten Benn und Hindemith zusammen?
Hindemith suchte nach einem neuen Textpartner nach einem Zerwürfnis mit Bertolt Brecht; Benns Verteidigung einer "absoluten Ästhetik" weckte sein Interesse.
Welche philosophischen Ideen stecken im Werk?
Das Werk thematisiert nihilistische Ideen und die Fragwürdigkeit der Existenz, wobei das "Unaufhörliche" als ein Prinzip des ständigen Wandels ohne festes Ziel erscheint.
Wie verlief die Entstehung des Textes?
Der Prozess war von Benns Unsicherheit geprägt; ein reger Briefwechsel dokumentiert die schrittweise Entwicklung der Textfragmente über zwei Jahre.
Ist das Werk als pädagogisches Oratorium gedacht?
Obwohl die Gattung traditionell pädagogisch ist, wies Benn diesen Auftrag von sich; ihm ging es eher um ein Bewusstwerden der existenziellen Situation als um moralische Erziehung.
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- Sebastian Madyda (Autor), 2006, Über "Das Unaufhörliche" von Gottfried Benn, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203502