Eine letztgültige, allgemein anerkannte Definition des Begriffs ,Kreuzzug‘ liegt bis dato nicht vor; dementsprechend herrscht auch Uneinigkeit darüber, welche Kriege oder kriegsähnlichen Auseinandersetzungen unter diesem Begriff zu fassen sind: „Lange standen sich hier zwei Lehrmeinungen gegenüber: Während die erste nur die Unternehmungen in den Vorderen Orient als Kreuzzüge bezeichnete, vertrat die zweite eine weitere Definition, die auch andere Gebiete einschloss.“1 Ein entscheidender Grund für die Uneinigkeit ist unter Umständen, dass der Begriff Kreuzzug ein nachträglich entstandener, also ahistorischer Begriff ist, um verschiedene Phänomene damit zu fassen, die keineswegs homogen gewesen sind und zum Zeitpunkt ihres Stattfindens von den beteiligten Zeitgenossen auch nicht als Kreuzzüge bezeichnet wurden.
Ein gewisser Konsens kann z. B. darin gefunden werden, unter Kreuzzügen „alle von Päpsten ausgerufene[n] und mit der Zusage eines Ablasses ausgestattete[n] Kriegszüge gegen Feinde des Glaubens und der Kirche [zu verstehen] – also auch die Unternehmungen gegen Ketzer, gegen die Muslime auf der Iberischen Halbinsel oder gegen die Heiden an der Ostsee.“2 Diese Definition eignet sich sicherlich, um das komplexe Phänomen Kreuzzüge überblicksartig zu fassen, indem sie eine eher formale Gemeinsamkeit benennt – der jeweiligen Spezifik und Unterschiedlichkeit der unter ihr zusammengefassten Unternehmungen wird sie jedoch nicht gerecht. Die von Päpsten ausgerufenen und mit der Zusage eines Ablasses verbundenen Kriegszüge des Mittelalters unterschieden sich erheblich voneinander, vor allem, was ihre Ursachen und die Motive der Beteiligten angeht. Anhand eines Vergleichs des Ersten Kreuzzugs mit dem Abschluss der Reconquista in den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts möchte ich die Inhomogenität dieser Kreuzzüge näher untersuchen. Im Zusammenhang mit beiden Ereignissen gab es eine päpstliche Kreuzzugsbulle mit bestimmten Privilegien; dennoch scheinen die jeweiligen Hintergründe, Entstehungsbedingungen und Motive vollkommen verschieden gewesen zu sein. Welche Motive können als konstitutiv angesehen werden für den Ersten Kreuzzug, welche für den Abschluss der Reconquista? Diese Frage wird in der Forschung kontrovers diskutiert; ich werde versuchen, die wesentliche Positionen zusammenzufassen. Letztendlich möchte ich zeigen, dass beide Unternehmungen zwar als Kreuzzüge gelten, dabei aber erhebliche Unterschiede aufweisen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Die Rahmenbedingungen des Ersten Kreuzzugs: Großes Schisma; das Hilfeersuchen des byzantinischen Kaisers an den Westen.
- Die Motive der Kreuzfahrer
- Die Rahmenbedingungen des Abschlusses der Reconquista: Ein grober Abriss der Ereignisse vom 8. bis ins 15. Jahrhundert
- Die Motive der iberischen Könige.
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Vergleich des Ersten Kreuzzugs und dem Abschluss der Reconquista im 15. Jahrhundert. Ziel ist es, die Inhomogenität der Kreuzzüge zu beleuchten und die unterschiedlichen Motive und Hintergründe der Beteiligten zu analysieren. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, welche Faktoren als konstitutiv für die beiden Ereignisse angesehen werden können.
- Der Einfluss des Großen Schismas auf die Beziehungen zwischen West- und Ostrom
- Die Rolle des byzantinischen Hilfeersuchens als Auslöser für den Ersten Kreuzzug
- Die unterschiedlichen Motive der Kreuzfahrer im Ersten Kreuzzug und der iberischen Könige bei der Reconquista
- Der Unterschiedliche Charakter der beiden Ereignisse als Kreuzzüge
- Die Bedeutung des päpstlichen Primatsanspruchs im Kontext der Kreuzzüge
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel führt in das Thema Kreuzzüge ein und diskutiert die Schwierigkeiten, den Begriff "Kreuzzug" zu definieren. Es wird betont, dass der Begriff ein nachträglich entstandener ist, der verschiedene Phänomene zusammenfasst, die zu ihrer Zeit nicht als Kreuzzüge bezeichnet wurden. Im zweiten Kapitel werden die Rahmenbedingungen des Ersten Kreuzzugs erläutert, wobei die Rolle des Großen Schismas und des byzantinischen Hilfeersuchens im Vordergrund stehen. Der dritte Abschnitt widmet sich den Rahmenbedingungen der Reconquista und skizziert die Ereignisse vom 8. bis ins 15. Jahrhundert. Die Motive der iberischen Könige werden dabei im Detail betrachtet.
Schlüsselwörter
Kreuzzug, Reconquista, Byzanz, Großes Schisma, Papst, Ablass, Motive, Krieg, Religion, Politik, Geschichte, Mittelalters.
Häufig gestellte Fragen
Wie wird der Begriff „Kreuzzug“ heute definiert?
Es gibt keine einheitliche Definition, aber oft versteht man darunter päpstlich ausgerufene Kriege gegen „Feinde des Glaubens“, die mit einem Ablass verbunden waren.
Was war der Auslöser für den Ersten Kreuzzug?
Wesentliche Faktoren waren das Hilfeersuchen des byzantinischen Kaisers gegen die Seldschuken und das Bestreben des Papstes, den Primat der römischen Kirche zu festigen.
Was ist der Unterschied zwischen dem Ersten Kreuzzug und der Reconquista?
Während der Erste Kreuzzug ein Fernunternehmen zur Befreiung Jerusalems war, war die Reconquista ein jahrhundertelanger Prozess der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch lokale christliche Reiche.
Welche Motive hatten die Kreuzfahrer?
Die Motive reichten von religiösem Eifer und dem Wunsch nach Sündenablass bis hin zu sozialen Aufstiegschancen und dem Erwerb von Land.
Warum gilt der Begriff „Kreuzzug“ als ahistorisch?
Weil die Zeitgenossen des Mittelalters ihre Unternehmungen meist als „Pilgerfahrt“ oder „Weg“ bezeichneten; der Begriff „Kreuzzug“ entstand erst später als zusammenfassende Kategorie.
- Quote paper
- Christoph Eyring (Author), 2007, Kreuzzug gleich Kreuzzug?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188634