Die Sozialisationstheorie Pierre Bourdieus, der er sein Leben und Werk gewidmet hat, ist weltweit anerkannt und wird auch über die Soziologie hinaus in vielen anderen Disziplinen angewandt. Ihre Popularität ist maßgeblich auf die Multiperspektivität von Bourdieus Überlegungen zurückzuführen, die zwischen Subjektivismus und Objektivismus vermitteln, anstatt sich einer der beiden Sichtweisen zu verpflichten. Anhand der empirischen Untersuchung akribisch zusammengetragener Daten zu Verhalten, Vorlieben, Denkweisen usw. seiner französischen Mitbürger, veröffentlicht in seinem wichtigsten Werk “Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“ (1979), entwirft Bourdieu eine Theorie sozialer Schichtung. Er transponiert also seine Erkenntnisse von der Mikro- in die Makroebene um aufzuzeigen, inwiefern das Denken, Wahrnehmen und Handeln sozialer Akteure von ihrer Position innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen determiniert ist und diese wiederum hervorbringt.
Aufgrund der Verknüpfung dieser beiden Perspektiven eignet sich das Werk Pierre Bourdieus, welches der Kultursoziologie zuzuordnen ist, hervorragend als Analyseinstrument zur ganzheitlichen Erfassung kultureller Phänomene – so auch der Sprache. Um so erstaunlicher ist es, dass Bourdieus Erkenntnissen in der Jugendsprachforschung bisher so wenig Beachtung geschenkt wurde, könnte die Analyse anhand des von ihm entwickelten wissenschaftlichen Instrumentariums doch maßgeblich dazu beitragen, jugendliche Sprachstile und Sprechweisen in ihrer Gesamtheit zu begreifen und der Antwort auf die Frage nach der Existenz „der Jugendsprache“, d.h. universell geltender jugendsprachlicher Muster, näher zu kommen.
Die vorliegende Arbeit soll folglich ein Schritt in diese Richtung sein.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Versuch einer Verortung jugendsprachlicher Sprechstile deutscher Jugendlicher im Gefüge der Bourdieuschen Sozialisationstheorie
- Die Sozialisationstheorie Pierre Bourdieus
- Der sprachliche Habitus
- Untersuchung der „Jugendsprache/n\" in Hinblick auf die Bourdieusche Sozialtheorie
- Der sprachliche Habitus der Jugendsprache?
- Die sprachlichen Märkte und die mit ihnen korrespondierenden Sprachstile
- Eine Hierarchie der jugendsprachlichen Sprechstile?
- Die Sozialisationstheorie Pierre Bourdieus
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Anwendung der Sozialisationstheorie Pierre Bourdieus auf jugendsprachliche Sprechstile. Das Ziel ist es, jugendliche Sprachformen in ihrer Gesamtheit zu erfassen und die Frage nach der Existenz universeller jugendsprachlicher Muster zu beleuchten.
- Analyse jugendsprachlicher Sprechstile im Lichte der Bourdieuschen Sozialtheorie
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen sozialer Klassenzugehörigkeit und sprachlichem Habitus
- Erarbeitung einer möglichen Hierarchie jugendsprachlicher Sprechstile
- Einordnung der Jugendsprache in das Konzept der "sozialen Felder" und "Kapitals"
- Bedeutung der "vergessenen Geschichte" in der Bildung des sprachlichen Habitus
Zusammenfassung der Kapitel
- Einleitung: Die Arbeit stellt die Relevanz der Bourdieuschen Sozialtheorie für die Jugendsprachforschung heraus und führt in die Thematik ein.
- Versuch einer Verortung jugendsprachlicher Sprechstile deutscher Jugendlicher im Gefüge der Bourdieuschen Sozialisationstheorie: Dieses Kapitel erläutert die zentralen Elemente der Bourdieuschen Sozialtheorie, insbesondere die "Habitustheorie" und die Konzepte von "Feld", "Kapital" und "sozialen Klassen".
- Die Sozialisationstheorie Pierre Bourdieus: Hier wird die Habitustheorie im Detail vorgestellt, wobei der Fokus auf dem sprachlichen Habitus als Ausdruck der sozialen Position des Individuums liegt.
- Untersuchung der „Jugendsprache/n\" in Hinblick auf die Bourdieusche Sozialtheorie: In diesem Kapitel wird die Jugendsprache aus der Perspektive der Bourdieuschen Theorie analysiert. Es werden die sprachlichen Märkte und die mit ihnen verbundenen Sprechstile beleuchtet, sowie die Frage nach einer möglichen Hierarchie jugendsprachlicher Sprechstile.
Schlüsselwörter
Jugendsprache, sprachlicher Habitus, Pierre Bourdieu, Sozialisationstheorie, soziale Klassen, sprachliche Märkte, "vergessene Geschichte", "Habitus", "Feld", "Kapital"
Häufig gestellte Fragen
Was ist der „sprachliche Habitus“ nach Pierre Bourdieu?
Der sprachliche Habitus ist ein System von verinnerlichten Mustern, das bestimmt, wie eine Person spricht. Er ist eng mit der sozialen Herkunft und der Position im gesellschaftlichen Raum verknüpft.
Gibt es „die eine“ Jugendsprache?
Die Arbeit hinterfragt dies und nutzt Bourdieus Instrumentarium, um aufzuzeigen, dass es vielmehr verschiedene jugendsprachliche Sprechstile gibt, die mit unterschiedlichen sozialen Feldern korrespondieren.
Was sind „sprachliche Märkte“?
Sprachliche Märkte sind soziale Situationen, in denen bestimmte Sprechweisen mehr oder weniger „wert“ sind (symbolisches Kapital). In der Schule herrscht ein anderer Markt als in der Peer-Group auf der Straße.
Wie hängen soziale Klasse und Jugendsprache zusammen?
Die Wahl des jugendsprachlichen Stils ist oft ein Ausdruck der sozialen Position. Bourdieu zeigt, dass Geschmack und Verhalten (auch Sprache) durch die Klassenstruktur determiniert sind.
Was bedeutet „vergessene Geschichte“ bei der Habitus-Bildung?
Es bezieht sich auf die individuellen und kollektiven Erfahrungen der Vergangenheit, die im Habitus als „tätige Gegenwart“ weiterwirken, ohne dass sich der Sprecher dessen stets bewusst ist.
- Arbeit zitieren
- Julia Balogh (Autor:in), 2008, Der sprachliche Habitus der Jugendsprache? Versuch einer Verortung jugendsprachlicher Sprechstile deutscher Jugendlicher im Gefüge der Bourdieuschen Sozialtheorie., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178397