Moral Hazard im Versicherungssystem verändert das Inanspruchnahmeverhalten des Versicherten und dessen Agenten und führt zum Marktversagen, zu steigenden Ausgaben und somit zur Fehlallokationen. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die im Text beschriebenen Probleme durch Moral Hazard ebenso den Missbrauch bei der Allokation von Gesundheitsgütern aufzeigen (Friedrich 2007).
Die Herausforderung der Gesundheitspolitik liegt in der Neugestaltung des Marktwettbewerbes.
Auszuführen ist, dass medizinisch-technischer Fortschritt und demographische Entwicklung nur in Abhängigkeit voneinander als Einflussgrößen der Ausgabenentwicklung im Gesundheitswesen zu betrachten sind.
Der medizinisch-technische Fortschritt kann sich nicht durch seine eigenen Effizienzsteigerungen finanzieren. Dies kann jedoch nur als theoretischer Grund für einen Nachteil des medizinisch-technischen Fortschritts gegenüber dem allgemeinen technischen Fortschritt angesehen werden.
Unter dem Begriff „demographischer Wandel“ wird eine langfristige Veränderung der Bevölkerungsstruktur der Gesellschaft verstanden (Niehaus 2006). In den vergangenen 125 Jahren ist die Lebenserwartung in Deutschland gravierend angestiegen (Kolip 2002). Nach Angaben Bertelsmann Stiftung wird durch demographischen Wandel die Zahl der heute über Achtzigjährigen von 3,7 Mio. auf fast 6 Mio. 2020 ansteigen (Bertelsmann Stiftung 2008).
Die Ergebnisse sind dagegen nicht einfach auf die monetäre Seite übertragbar. Die Kompression der Lebensqualität bedingt nicht automatisch eine finanzielle Entlastung des Gesundheitssystems. Die an sich erfreuliche Verlängerung der Lebenszeit, die sogenannte demographische Alterung könnte sogar, so Felder (2008), nur einen schwachen Einfluss auf die Gesundheitsausgaben einer Bevölkerung haben. Ein abweichender inhaltlicher Schwerpunkt der Hypothese zu den Konzepten Medikalisierung und Kompression sei die entscheidende Betrachtung der Nähe zum Tod.
Zusammenfassend eingeschätzt wird deutlich, dass der demographische Wandel in seinen Auswirkungen auf das Gesundheitssystem konstruktiv im Sinne einer Entdramatisierung sowie empirisch unterlegt in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft diskutiert werden muss.
Inhaltsverzeichnis
1 Moral Hazard im Gesundheitswesen
1.1 Moral Hazard Verhalten
1.2 Moral Hazard am Beispiel der Krankenversicherung
2 Paradigmenwechsel des Gesundheitssektors und deren Auswirkung auf die Behandlungskosten
3 Zusammenfassung Moral Hazard
4 Technischer Fortschritt
5 Medizinisch technischer Fortschritt in Abhängigkeit der Gesundheitsausgaben
6 Zusammenfassung Med.-techn. Fortschritt
7 Demographischer Wandel als Herausforderung für das Gesundheitssystem
8 Diskussion der Konzepte: Medikalisierungsthese vs. Kompressionsthese
8.1 Medikalisierungsthese
8.2 Kompressionsthese
9 Ergebnisse der demographischen Entwicklung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die wesentlichen Einflussfaktoren auf die Entwicklung der Gesundheitsausgaben in Deutschland. Im Fokus stehen dabei das Phänomen des Moral Hazard, die Rolle des medizinisch-technischen Fortschritts sowie die Herausforderungen durch den demographischen Wandel, um deren Auswirkungen auf das Gesundheitssystem kritisch zu hinterfragen.
- Analyse von Moral Hazard in der Krankenversicherung und dessen ökonomische Folgen.
- Untersuchung des medizinisch-technischen Fortschritts als Kostentreiber im Gesundheitswesen.
- Darstellung des demographischen Wandels als zentrale gesellschaftliche Herausforderung.
- Diskussion der Konzepte Medikalisierungsthese versus Kompressionsthese.
Auszug aus dem Buch
1.2 Moral Hazard am Beispiel der Krankenversicherung
Eine nähere Betrachtung des Moral Hazard Phänomens erfolgt am Beispiel der Krankenversicherung.
Moral Hazard führt in der Versicherung zu Fehlallokationen und gesamtwirtschaftlich betrachtet zu Wohlfahrtsverlusten (Schreyögg 2002). Eine Versicherungsgesellschaft schließt mit einem Individuum eine Versicherung ab, um im Schadensfall das Risiko und die Folgekosten zu tragen. Die Auswirkung besteht in einer erhöhten Risikobereitschaft bezogen auf das Verhalten des Individuum.
Im Bereich der Krankenversicherung führt das Vorliegen einer Versicherung dazu, das der Versicherte im Krankheitsfall ohne Rücksicht auf die Kosten die maximale Behandlung auswählt (Schwartz et al. 2003). Mit der Kostenübernahme durch die Krankenversicherung sinkt die Bereitschaft zur Vermeidung von Erkrankungen. Gleichzeitig steigt das Inanspruchnahmeverhalten bezogen auf medizinische Leistungen. Dieses unmoralische Verhalten wird auch als ex-ante Moral Hazard beschrieben (Henke et al. 1999).
Ein weiteres Phänomen ist das bewusste Herbeiführen oder Vortäuschen einer Erkrankung und die damit verbundenen Folgekosten, wie Arztkosten und Lohnausfall, die der Versicherung übertragen werden. Die hier entstandenen vermeidbaren medizinischen Leistungen, sind im Kontext zu Moral Hazard tatsächliche Kosten (Schreyögg 2002).
Als ex-post Moral Hazard wird eine gesteigerte Nachfrage nach medizinischen Leistungen bezeichnet, ungeachtet der zu erwartenden Effizienz. Das Inanspruchnahmeverhalten im Kontext zu den Leistungen spielt jedoch keine Rolle, da dem Versicherten keine oder nur geringe Kosten entstehen (Schreyögg 2002). Hinzu kommt das mangelnde Einschätzungsvermögen der Leistungsnehmer gegenüber der empfohlenen Maßnahme, auch als mangelnde objektive Qualitätsbeurteilung oder mangelnde Konsumentensouveränität bekannt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Moral Hazard im Gesundheitswesen: Dieses Kapitel erläutert das Phänomen Moral Hazard als risikofreudiges Verhalten aufgrund fehlender direkter Kostentragung.
2 Paradigmenwechsel des Gesundheitssektors und deren Auswirkung auf die Behandlungskosten: Hier wird der Zielkonflikt zwischen politischen Anforderungen und marktwirtschaftlichem Wettbewerb vor dem Hintergrund des demographischen Wandels skizziert.
3 Zusammenfassung Moral Hazard: Das Kapitel fasst die negativen Auswirkungen von Moral Hazard auf die Allokation von Gesundheitsgütern zusammen.
4 Technischer Fortschritt: Es wird die allgemeine Definition von technischem Fortschritt durch Innovationen und deren produktivitätssteigernde Wirkung erläutert.
5 Medizinisch technischer Fortschritt in Abhängigkeit der Gesundheitsausgaben: Das Kapitel untersucht den medizinisch-technischen Fortschritt als additiven, kostentreibenden Faktor im Gesundheitswesen.
6 Zusammenfassung Med.-techn. Fortschritt: Hier wird festgehalten, dass technischer Fortschritt im Gesundheitswesen in engem Zusammenhang mit der demographischen Entwicklung steht.
7 Demographischer Wandel als Herausforderung für das Gesundheitssystem: Das Kapitel thematisiert die Veränderung der Bevölkerungsstruktur und die damit verbundene steigende Lebenserwartung.
8 Diskussion der Konzepte: Medikalisierungsthese vs. Kompressionsthese: Es werden zwei gegensätzliche Hypothesen zur Entwicklung von Kosten und Lebensqualität im Alter diskutiert.
9 Ergebnisse der demographischen Entwicklung: Das Fazit unterstreicht, dass die Auswirkungen des demographischen Wandels empirisch fundiert und entdramatisiert debattiert werden müssen.
Schlüsselwörter
Moral Hazard, Gesundheitsausgaben, Krankenversicherung, Medizinisch-technischer Fortschritt, Demographischer Wandel, Medikalisierungsthese, Kompressionsthese, Informationsasymmetrie, Fehlallokation, Gesundheitswesen, Lebenserwartung, Multimorbidität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den zentralen Einflussfaktoren auf die Entwicklung der Gesundheitsausgaben in Deutschland und analysiert dabei ökonomische und gesellschaftliche Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Moral Hazard Verhalten bei Versicherten, dem Einfluss des medizinisch-technischen Fortschritts auf die Kosten und der Bedeutung des demographischen Wandels für das Gesundheitssystem.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Auswirkungen dieser drei Faktoren auf das deutsche Gesundheitssystem zu verstehen und die damit verbundenen ökonomischen Herausforderungen kritisch zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturbasierte Analyse, die bestehende ökonomische Konzepte und gesellschaftspolitische Diskussionen zusammenführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung zu Moral Hazard, die Rolle des medizinisch-technischen Fortschritts und eine detaillierte Diskussion zur Medikalisierungs- und Kompressionsthese.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Moral Hazard, medizinisch-technischer Fortschritt, demographischer Wandel sowie die Kontroverse zwischen Medikalisierungs- und Kompressionsthese.
Was versteht man in diesem Kontext unter dem "Sisyphus-Syndrom"?
Der Begriff beschreibt die Verknüpfung von medizinisch-technischem Fortschritt und demographischer Verschiebung, die zu einer ständigen Steigerung der Gesundheitsausgaben führt.
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen der Medikalisierungs- und der Kompressionsthese?
Während die Medikalisierungsthese besagt, dass gewonnene Lebensjahre hauptsächlich in Krankheit verbracht werden, geht die Kompressionsthese davon aus, dass Morbidität bei steigender Lebenserwartung aufgeschoben und somit die Lebensqualität verbessert wird.
- Citation du texte
- Heiko Schumann (Auteur), 2010, Moral Hazard, medizinisch-technischer Fortschritt & demographischer Wandel in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169148