Der Siegeszug der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert wirkte sich auch auf das geistige Leben aus. Literatur und Poetik waren vom naturwissenschaftlichen Denken beeinflusst. In den achtziger Jahren kam in der Literatur wie in der Wissenschaft ein starkes Interesse an Psychologie, insbesondere Psychopathologie auf. Die Schriftsteller verwendeten psychiatrische Quellen, es kam zu einer Literarisierung der Psychologie.
Diese Aufnahme des wissenschaftlichen, insbesondere des psychologischen Diskurses, der sich in den achtziger und neunziger Jahren zwischen der experimentellen Psychologie und einer im Werden begriffenen Psychoanalyse bewegte, in den ästhetischen soll in Erzählungen aus Heinrich Manns Frühwerk von 1894-97 untersucht werden. Leitend dabei sind die Themen Erinnerung und Identität.
Zunächst wird ein wissenschaftshistorischer Kontext hergestellt durch Texte aus der experimentellen und klinischen Forschung, die sich mit dem Unbewussten, dem Bewusstsein, der Erinnerung oder der Wahrnehmung beschäftigen. Wissenschaftsgeschichte und Erzählungen Heinrich Manns sollen anschließend in einer Analyse aufeinander bezogen werden. Es wird untersucht, wie Heinrich Mann die Wissenschaft aufgenommen und verarbeitet hat, wie die Wissenschaft in den Erzählungen integriert ist. Wesentlich ist dabei die Frage, welche Konsequenzen das Zusammenwirken von Psychologie und Literatur auf literarische Techniken hat. Um mögliche poetologische Entwicklungen herauszuarbeiten, folgt die Untersuchung weitgehend der chronologischen Reihenfolge der Erzählungen.
Inhaltsverzeichnis
- 1. EINLEITUNG
- 2. WISSENSCHAFTSHISTORISCHER KONTEXT
- 2.1 Die experimentelle Erforschung des Unbewussten
- 2.1.1 Wilhelm Wundt: Theorie der Sinneswahrnehmung
- 2.1.2 Wilhelm Wundt: Erinnerungsvorgänge
- 2.2 Die klinische Erforschung des Unbewussten
- 2.2.1 Pierre Janet: L'état mental des Hystériques
- 2.2.2 Pierre Janet: L'Automatisme Psychologique
- 2.2.3 Josef Breuer/ Sigmund Freud: Studien über Hysterie
- 2.2.4 Max Dessoir: Das Doppel-Ich
- 2.3 Die Psychologie des Unbewussten in der Literaturwissenschaft
- 2.3.1 Hermann Bahr: Die neue Psychologie
- 2.3.2 Hermann Bahr: Die Überwindung des Naturalismus und Heinrich Mann: Neue Romantik
- 3. ANALYSE
- 3.1 Eine Erinnerung (1894) – Erinnerungsbewältigung
- 3.2 Ist sie's? (1894) und Das Stelldichein (1897) – Wahrnehmung, Erinnerung, Imagination
- 3.3 Die Gemme (1896) – Verwirrspiel von Identitäten
- 3.4 Contessina (1894) – Erinnerungsbewahrung durch Verweigerung der Gegenwart
- 3.5 Geschichten aus Rocca de' Fichi (1896) – Person und pathologischer Zustand als Erinnerungsbewahrung
- 3.6 Das gestohlene Dokument (1896) – Identitätsgebung durch pathologischen Selbstbezug
- 4. ERGEBNIS
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit analysiert Erzählungen aus Heinrich Manns Frühwerk von 1894-1897, die sich mit den Themen Erinnerung und Identität beschäftigen. Der Fokus liegt auf der Integration von wissenschaftlichen, insbesondere psychologischen Diskursen der Zeit, die sich zwischen der experimentellen Psychologie und der sich entwickelnden Psychoanalyse bewegten.
- Die literarische Rezeption der Wissenschaft
- Die Rolle von Erinnerung und Identität in den Erzählungen
- Der Einfluss der Psychologie auf literarische Techniken
- Die Verbindung von Wissenschaftsgeschichte und literarischer Analyse
- Die Untersuchung von möglichen poetologischen Entwicklungen im Frühwerk Heinrich Manns
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel stellt einen wissenschaftshistorischen Kontext her, indem es Texte aus der experimentellen und klinischen Forschung zum Unbewussten, Bewusstsein, Erinnerung und Wahrnehmung präsentiert. Kapitel 2 analysiert die einzelnen Erzählungen von Heinrich Mann und untersucht, wie er die Wissenschaft in seinen Werken verarbeitet und integriert hat. Dabei wird insbesondere auf die Auswirkungen der Psychologie auf die literarischen Techniken eingegangen. Die Arbeit folgt dabei weitgehend der chronologischen Reihenfolge der Erzählungen, um mögliche poetologische Entwicklungen nachzuvollziehen.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit den Themen Erinnerung, Identität, Psychologie, Literaturwissenschaft, wissenschaftlicher Diskurs, Heinrich Mann, Frühwerk, experimentelle Psychologie, Psychoanalyse, poetologische Entwicklung, literarische Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Welche Themen stehen im Fokus von Heinrich Manns Frühwerk?
Die Arbeit untersucht primär die Themen Erinnerung und Identität in den Erzählungen Manns aus den Jahren 1894 bis 1897.
Wie beeinflusste die Psychologie die Literatur des 19. Jahrhunderts?
Es kam zu einer Literarisierung der Psychologie, bei der Schriftsteller wissenschaftliche Erkenntnisse über das Unbewusste und die Psychopathologie in ihre Werke integrierten.
Welche Wissenschaftler werden im Kontext der Arbeit genannt?
Die Arbeit bezieht sich auf die experimentelle Forschung von Wilhelm Wundt sowie auf klinische Studien von Pierre Janet, Josef Breuer und Sigmund Freud.
Was ist das "Doppel-Ich" nach Max Dessoir?
Das Konzept des Doppel-Ichs ist Teil der klinischen Erforschung des Unbewussten und spielt eine Rolle bei der Analyse von Identitätsfragen in der Literatur.
Wie verarbeitet Heinrich Mann wissenschaftliche Diskurse?
Mann integriert psychologische Erkenntnisse über Wahrnehmung, Imagination und pathologische Zustände direkt in die Struktur und Technik seiner Erzählungen.
- Citar trabajo
- Jasmin Holder (Autor), 2006, Erinnerung und Identität in frühen Erzählungen Heinrich Manns, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167207