Je länger ich mich mit dem Konzept von „Black Atlantic“ beschäftige, desto unklarer wird
mir, was genau darunter zu verstehen sei, denn meine eigene Vorstellung davon hat sich im
Laufe des Hauptseminars gewandelt. Ausgehend von Thesen, die Paul Gilroy zur Debatte um
das Verhältnis von Afrika und Afrikanischer Diaspora beigetragen hat, schien der Black
Atlantic eine imaginäre Verbindung zwischen dem Kontinent und den Menschen zu sein, die
zwar außerhalb Afrikas leben, aber dennoch dort ihre familiären und kulturellen Wurzeln
vermuten oder mit Sicherheit zurückverfolgen können. Oft wurde die gemeinsame Hautfarbe
als Anhaltspunkt, als offensichtlicher Beweis für diese Verbindung herangezogen, ungeachtet
dessen, daß eine dunkle Hautfarbe auch Bewohnern anderer Kontinente zueigen ist, die auf
keine historische Verbindung zu Afrika, auf keine Emigrationsgeschichte aus Afrika verweisen
können.
Als Beginn dieser imaginären Verbindung zwischen Afrika und seiner Diaspora gilt ein
historischer Punkt, genauer eine historische Phase – die Periode des Transatlantischen
Sklavenhandels von den 1520ern bis 1860. Auf dieser kollektiven Erfahrung der gewaltsamen
Trennung von der ursprünglichen Heimat bauen die Diskurse und Argumentationen
derjenigen auf, die sich des Konzeptes des „Black Atlantic“ bedienen. Ist der Black Atlantic
also ein Konzept, das besagt, es besteht eine Kategorie von Menschen dunkler Hautfarbe, die
auf der ganzen Welt verstreut leben und die trotzdem untereinander und miteinander in
familiärer und kultureller Verbindung stehen, weil ihre Vorfahren vor der gewaltsamen
Trennung vor einigen hundert Jahren in Afrika zusammengehörten ? Sind diese Menschen
tatsächlich, wie es Gilroys Konzept vermuten läßt, Träger einer gemeinsamen Kultur, die
nationale Grenzen ignoriert und als Hauptreferenzpunkt Afrika benutzt ? Sind sie Reisende,
die ihre Identität aus einem doppelten Bewußtsein ziehen, einerseits als Mitglieder einer
nationalen, andererseits als Mitglieder einer Diaspora-Gemeinschaft ? Oder kann ein Konzept
Black Atlantic möglicherweise noch etwas anderes beinhalten ?
[...]
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- I. Caryl Phillips - zur Person
- II. Geschichte und Geschichten in Phillips Romanen
- III. Diaspora trifft Afrika
- IV. Black Atlantic - References & Routes
- Zusammenfassung
- Literatur- und Quellenangaben
- Anhang
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit befasst sich mit dem Konzept des „Black Atlantic“ und dessen Bedeutung in den Romanen von Caryl Phillips. Sie analysiert die komplexe Beziehung zwischen Afrika und der Afrikanischen Diaspora, wie sie durch die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels geprägt wurde und in Phillips' Werken literarisch verarbeitet wird.
- Identitätssuche in der Diaspora
- Die Rolle der Geschichte und der Erinnerung
- Kulturelle Hybridität und das Konzept des „Black Atlantic“
- Die Erfahrung Afrikas aus der Perspektive der Diaspora
- Literarische Auseinandersetzung mit dem Erbe des Kolonialismus
Zusammenfassung der Kapitel
- Einleitung: Die Einleitung stellt das Konzept des „Black Atlantic“ vor und diskutiert die verschiedenen Interpretationen und Debatten, die es umgibt. Es werden grundlegende Fragen zur Beziehung zwischen Afrika und der Diaspora aufgeworfen, die in den folgenden Kapiteln weiter untersucht werden.
- I. Caryl Phillips – zur Person: Dieses Kapitel bietet eine Biografie von Caryl Phillips, mit besonderem Fokus auf seine persönlichen Erfahrungen mit kultureller Verwirrung und Identitätssuche. Es beleuchtet seine Reise in die Karibik und die Bedeutung seiner frühen Begegnungen mit verschiedenen literarischen Traditionen.
- II. Geschichte und Geschichten in Phillips Romanen: Dieses Kapitel analysiert die Romane „Crossing the River“, „Cambridge“ und „The Atlantic Sound“ von Caryl Phillips. Es beleuchtet die Art und Weise, wie Phillips mit historischen Fakten umgeht, sie literarisch verarbeitet und welche Aufgabe er als Schriftsteller in Bezug auf die Vermittlung von Geschichte sieht. Vergleiche zu anderen Autorinnen wie Alice Walker und Tony Morrison werden gezogen.
- III. Diaspora trifft Afrika: Dieses Kapitel untersucht Phillips' Erfahrungen auf seiner Reise nach Ghana und die Beobachtungen, die er über das Verhältnis zwischen Afrika und der Diaspora machte. Es beleuchtet, wie Phillips die Begegnung zwischen Afrikanern und Diaspora-Afrikanern in seinen Werken verarbeitet.
Schlüsselwörter
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Themen „Black Atlantic“, Afrikanische Diaspora, postkoloniale Literatur, Identität, Geschichte, Erinnerung, Sklaverei, Kultur, Literatur, Caryl Phillips, Romane, „Crossing the River“, „Cambridge“, „The Atlantic Sound“, Ghana, Reise, Begegnungen, Interkulturalität, Hybridität.
Häufig gestellte Fragen
Was wird unter dem Begriff „Black Atlantic“ verstanden?
Der „Black Atlantic“ beschreibt eine imaginäre und historische Verbindung zwischen Afrika und der afrikanischen Diaspora, die durch den transatlantischen Sklavenhandel geprägt wurde. Es ist ein Konzept, das kulturelle und familiäre Wurzeln über nationale Grenzen hinweg verbindet.
Welche Rolle spielt Caryl Phillips in dieser Arbeit?
Caryl Phillips wird als Autor analysiert, der in seinen Romanen wie „Crossing the River“ und „Cambridge“ die Identitätssuche in der Diaspora sowie die komplexe Beziehung zwischen Afrika und der Geschichte der Sklaverei literarisch verarbeitet.
Was ist der historische Bezugspunkt des Black Atlantic?
Der zentrale historische Bezugspunkt ist die Phase des transatlantischen Sklavenhandels von den 1520er Jahren bis 1860, die als kollektive Erfahrung der gewaltsamen Trennung von der Heimat gilt.
Welche Romane von Caryl Phillips werden untersucht?
Die Arbeit konzentriert sich auf die Werke „Crossing the River“, „Cambridge“ und „The Atlantic Sound“.
Was thematisiert das Kapitel „Diaspora trifft Afrika“?
Es untersucht Phillips' persönliche Reise nach Ghana und seine Beobachtungen über das reale Verhältnis zwischen heutigen Afrikanern und Menschen aus der afrikanischen Diaspora.
Welche Bedeutung hat das „doppelte Bewusstsein“ in diesem Kontext?
Es beschreibt die Identität von Menschen in der Diaspora, die sich gleichzeitig als Mitglieder einer nationalen Gemeinschaft (z. B. Briten oder Amerikaner) und einer globalen Diaspora-Gemeinschaft fühlen.
- Quote paper
- Irit Eguavoen (Author), 2002, Der Black Atlantic in den Romanen von Caryl Phillips. Geschichte und Geschichten der Afrikanischen Diaspora, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16307