Fehler sind die Stiefkinder des Sprachunterrichts. Möglichst vermieden, von den
Schülerinnen1 als Stigma empfunden und im Korrekturvorgang durch die Lehrenden mit
leichter Hand durch „Richtiges“ ersetzt, führen sie ein Schattendasein im
Unterrichtsgeschehen, sind aber dennoch daraus nicht wegzudenken.
Gerade weil Fehler dem Lernprozess immanent sind, lohnt es sich, sie nicht zu ignorieren
sondern zu überprüfen, welche Rolle sie beim Lernen spielen.
Hierbei gilt es aber eine ontologische Schwierigkeit zu beachten: Fehler können prinzipiell
bei jeder Schülerinnenhandlung, d.h. sowohl bei rezeptiven (Lesen, Hören) als auch bei
produktiven (Sprechen, Schreiben) Tätigkeiten auftauchen. Sind die Fehler bei letzteren im
Produkt offenbar, lassen sich die Fehler beim Lese- oder Hörverstehen jedoch ungleich
schwieriger beobachten. Die Fehleranalyse konzentriert sich demnach zwangsläufig mehr auf
die von den Schülerinnen geschriebenen oder gesprochenen Produkte.
Was ist nun der mögliche Ertrag, den eine Fehleranalyse bringen kann?
Ellis und Barkhuizen nennen in Anlehnung an Corder die folgenden drei Punkte:
Erstens erfüllt sie einen pädagogischen Zweck2, indem die Unterrichtenden über die
Fehleranalyse herausfinden können, mit welchen Aspekten der Zielsprache die Schülerinnen
noch Schwierigkeiten haben. Zweitens kann ein Forschungszweck3 erzielt werden. Mithilfe
der Daten aus der Fehleranalyse können Erkenntnisse zum Zweitspracherwerb gewonnen
werden. Außerdem kann, drittens, ein Lernzweck4 erreicht werden. Dies ist dann der Fall,
wenn die Schülerinnen über die Analyse von Fehlern die Regeln der Zielsprache entdecken.
Da für Pädagogen nicht alle Ziele der Fehleranalyse gleich relevant sind, werden im
Folgenden besonders die pragmatischen Gesichtspunkte dieser Methode beleuchtet werden,
die für die Planung und Durchführung von Unterricht eine Rolle spielen.
-----
1 Die Personenbezeichnungen feminin plural bezeichnen selbstverständlich auch die zur genannten Gruppe
gehörenden Maskulina. Die Schreibweise im feminin Plural vermeidet lediglich graphemisch unbeholfene
Konstuktruktionen wie „SchülerInnen“, wo phonetisch kein Unterschied zu hören wäre.
2 „paedagogic purpose“ (in dieser Arbeit meine Übersetzungen) aus: Rod Ellis, Gerry Barkhuizen: Analyzing
Learner Language. Oxford 2005, S.51.
3 „research purpose“ aus: ibid.
4 „learning purpose“ aus: ibid.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Geschichtlicher Überblick
- Theoretischer Hintergrund
- Behavioristische Lernmodelle
- Interlanguage-Theorie
- Definition von Fehler
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die Rolle von Fehlern im Sprachunterricht. Im Zentrum steht die Frage, wie Fehler als Lernerfolg und nicht als Misserfolg betrachtet werden können. Die Arbeit beleuchtet die historische Entwicklung der Fehleranalyse und deren theoretischen Hintergrund, insbesondere die Interlanguage-Theorie. Darüber hinaus werden verschiedene Definitionen von Fehlern und ihre unterschiedliche Relevanz im Kontext des Unterrichts diskutiert.
- Fehler als Indikatoren für den Lernprozess
- Entwicklung der Fehleranalyse in der Fremdsprachendidaktik
- Theorie der Interlanguage
- Definition und Klassifizierung von Fehlern
- Fehlertoleranz und produktiver Umgang mit Fehlern im Unterricht
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Thematik der Fehleranalyse im Sprachunterricht ein und beleuchtet die ontologische Schwierigkeit, Fehler im rezeptiven Bereich zu beobachten. Kapitel 2 bietet einen historischen Überblick über die Entwicklung der Fehleranalyse, angefangen von präskriptiven Grammatiken bis hin zur kontrastiven Analyse. Kapitel 3 beleuchtet den theoretischen Hintergrund der Fehleranalyse, insbesondere die behavioristischen Lernmodelle und die Interlanguage-Theorie. Kapitel 4 definiert den Begriff „Fehler“ und unterscheidet zwischen Kompetenz- und Performanzfehlern, sowie zwischen offenen und verdeckten Fehlern.
Schlüsselwörter
Fehleranalyse, Interlanguage, Fremdsprachendidaktik, Sprachunterricht, Lernprozess, Kompetenzfehler, Performanzfehler, kontrastive Analyse, Behaviorismus
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Ziel der Fehleranalyse im Englischunterricht?
Die Fehleranalyse verfolgt drei Hauptzwecke: einen pädagogischen Zweck (Schwierigkeiten der Schüler erkennen), einen Forschungszweck (Erkenntnisse zum Zweitspracherwerb gewinnen) und einen Lernzweck (Schüler entdecken Regeln durch die Analyse ihrer eigenen Fehler).
Warum ist die Analyse von Fehlern beim Lese- und Hörverstehen schwierig?
Fehler bei rezeptiven Tätigkeiten wie Lesen oder Hören lassen sich ungleich schwieriger beobachten, da sie nicht unmittelbar in einem sichtbaren Produkt (wie einem Text oder einer Aussage) offenbar werden.
Was versteht man unter der Interlanguage-Theorie?
Die Interlanguage-Theorie betrachtet die Sprache von Lernenden als ein eigenständiges, dynamisches Sprachsystem, das sich zwischen der Muttersprache und der Zielsprache bewegt.
Was ist der Unterschied zwischen Kompetenz- und Performanzfehlern?
Kompetenzfehler resultieren aus mangelndem Wissen über die Sprachregeln, während Performanzfehler flüchtige Fehler sind, die trotz vorhandenen Wissens (z. B. durch Unkonzentriertheit) entstehen.
Welche Rolle spielt der Behaviorismus in der Fehleranalyse?
In behavioristischen Lernmodellen wurden Fehler oft als schlechte Gewohnheiten angesehen, die durch Korrektur und Wiederholung vermieden werden sollten, bevor modernere Ansätze sie als wertvolle Indikatoren des Lernprozesses begriffen.
- Citar trabajo
- Anja Schmidt (Autor), 2007, Fehleranalyse im Englischunterricht, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147394