Zum heutigen Selbstverständnis von Frauen in Deutschland gehört zweifelsohne die Fähigkeit zu Schreiben. Kaum vorstellbar mag mittlerweile für viele unter ihnen sein, dass diese nicht immer allen ihres Geschlechtes vorbehalten war. Zu finden sind die uns bekannten Wurzeln, und somit der vermeintliche Beginn, im Mittelalter. Im Rahmen des Proseminars für ältere deutsche Literatur werde ich im folgenden auf die bildungsgeschichtlichen Umstände um 1200 des deutschen Sprachraumes eingehen, um dann bewusst drei, sich voneinander unterscheidende, Lebenswege von Autorinnen herauszuarbeiten, die uns bis heute noch ein Begriff sind. Eingegangen werden soll auf literarisch Schreibende, nicht jedoch auf solche, die beispielsweise in Schreibstuben das Abschreiben praktizierten, ohne zu verstehen. Das Ziel dieser Arbeit ist, zu zeigen, dass trotz der unterschiedlichen Frauenbildung im Mittelalter, beispielsweise aufgrund sozialer Herkunft, es eine Grundtendenz gibt, unter welchen Umständen weibliches Schreiben möglich war. Auf die produzierte Literatur selbst soll nur ansatzweise eingegangen werden, um das Verstehen der Zusammenhänge zu erleichtern.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1.) Hinführung an das Thema
2.) Bildungsgeschichtliche Bedingungen um 1200
3.) Schreibfähigkeit der Frauen
II. Hauptteil
4.) Das Kloster – Wiege der mystischen Literaturproduktion
4.1.) Mechthild von Magdeburg
4.2.) Hildegard von Bingen
5.) Autorinnen im Umkreis der Höfe
5.1) Hrotsvitha von Gandersheim
III. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die bildungsgeschichtlichen Umstände des deutschen Sprachraums um 1200, um aufzuzeigen, unter welchen spezifischen Bedingungen weibliches Schreiben im Mittelalter möglich war. Im Fokus steht dabei die Analyse verschiedener Lebenswege von Autorinnen und deren literarischer Produktion, wobei die soziale Herkunft und das Umfeld als entscheidende Faktoren herausgearbeitet werden.
- Bildungsgeschichtliche Rahmenbedingungen für Frauen im Mittelalter
- Die Rolle des Klosters als Zentrum der mystischen Literaturproduktion
- Vergleichende Analyse der Lebenswege und Werke bedeutender Autorinnen
- Literarische Tätigkeit von Frauen im Umkreis von Fürstenhöfen
- Der Einfluss von sozialer Herkunft und Status auf die Schreibfähigkeit
Auszug aus dem Buch
4.1.) Mechthild von Magdeburg
Um 1207 in Niedersachsen geboren, gilt Mechthild von Magdeburg noch heute als die herausragendste aller Mystikerinnen des Mittelalters.
Begine in Magdeburg wurde sie im Jahre 1230 und begann erst um 1250 mit der Niederschrift ihrer mystisch- religiösen Erlebnisse. Ermutigt wurde sie hierbei durch ihren Beichtvater Heinrich von Halle, nachdem sie ihren fast täglich erscheinenden Offenbarungen als irdische Versuchungen misstraute. Von 1250 bis zum Tod Mechthilds entstanden sieben Bücher, welche das bedeutendste Zeugnis der deutschsprachigen Mystik vor Meister Eckhart darstellen. Der Wissenschaft gilt der Text seit seiner Wiederentdeckung im 19. Jh. als eine der ersten unmittelbaren Erlebnisaussprachen innerhalb der deutschsprachigen Prosa und als eines der zentralen Zeugnisse religiösen Lebens im Mittelalter.
Kritik übte die Mystikerin an den Missständen im Klerus sowie den Klöstern in den ersten fünf Büchern, welche 1260 abgeschlossen waren. Ihr nächstes und zudem bekanntestes Buch „Fließenden Lichts der Gottheit“ verfasste sie in den kommenden zehn Jahren, nach Verlassen des Beginenhauses. Als „fließendes Licht“ betitelt sie die Offenbarungen Gottes, als strömten diese in ihre Seele: „Ich enkan noch mag nit schreiben, ich sehe es mit den ougen miner sele und hoere es mit den oren mines ewigen geistes.“ Im Mittelpunkt der ersten beiden Bücher steht die ekstatisch erlebte Rückschau auf die „unio mystica“ mit Gott, die gleichwohl als geistliche Hochzeit erfahren wird. Dem unmittelbaren Fühlen Gottes gilt all ihr Bestreben, an der Abschaffung des scholastischen „rationellen“ Gottes ist ihr gelegen. Momente des gelungenen Einssein mit Gott feiert sie als „Entwerdung“, als Überwindung der Grenzen, um nächst immer wieder auf diese zu stoßen und wiederum gegen sie zu rebellieren.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die bildungsgeschichtlichen Umstände des Mittelalters und definiert den Fokus auf literarisch schreibende Frauen unter Berücksichtigung ihrer sozialen Bedingungen.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die Rolle des Klosters als Ort der mystischen Literaturproduktion sowie das Wirken von Autorinnen im Umkreis höfischer Gesellschaften.
4.) Das Kloster – Wiege der mystischen Literaturproduktion: Dieses Kapitel untersucht die Entstehung der Frauenmystik und den Rahmen, in dem Nonnen ihre Offenbarungen niederschreiben konnten.
4.1.) Mechthild von Magdeburg: Das Kapitel porträtiert Mechthild von Magdeburg als herausragende Mystikerin und analysiert ihre literarische Arbeit, insbesondere ihr bekanntestes Werk.
4.2.) Hildegard von Bingen: Hier wird der Lebensweg der einflussreichen Äbtissin Hildegard von Bingen sowie ihr theologisches, musikalisches und politisches Wirken detailliert dargestellt.
5.) Autorinnen im Umkreis der Höfe: Dieses Kapitel behandelt den literarischen Einfluss adliger Frauen an deutschen Fürstenhöfen und den Vergleich zur französischen Minnekultur.
5.1) Hrotsvitha von Gandersheim: Das Kapitel würdigt Hrotsvitha von Gandersheim als Deutschlands früheste Dichterin und analysiert ihre dramatischen Werke im Kontext der Ottonischen Renaissance.
III. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst die Bedingungen zusammen, unter denen Frauen im Mittelalter zu Schriftstellerinnen avancieren konnten, und reflektiert den Wandel der Literaturproduktion bis zur Neuzeit.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Frauenbildung, Mystik, Literaturproduktion, Kloster, Mechthild von Magdeburg, Hildegard von Bingen, Hrotsvitha von Gandersheim, Schriftsprache, Minne, Äbtissin, Frauenkloster, Kulturgeschichte, Schrifttum, höfische Dichtung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedingungen und Umstände, unter denen Frauen im Mittelalter literarisch tätig werden und als Schriftstellerinnen in Erscheinung treten konnten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Rolle der Klöster als Bildungsorte, die mystische Literatur, der Einfluss der sozialen Herkunft sowie das Wirken von Autorinnen in höfischen Umfeldern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, trotz unterschiedlicher Voraussetzungen aufzuzeigen, unter welchen gemeinsamen Bedingungen weibliches Schreiben im Mittelalter ermöglicht wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine historisch-literaturwissenschaftliche Analyse, die einschlägige Fachliteratur und historische Quellen auswertet, um Lebenswege und Kontexte zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung mystischer Literatur in Klöstern, exemplarisch dargestellt an Mechthild von Magdeburg und Hildegard von Bingen, sowie die Analyse autoritärer Frauenfiguren in höfischen Kreisen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Mittelalter, Frauenmystik, Klosterschriftlichkeit, Bildungsgeschichte und literarische Emanzipation beschreiben.
Welchen Einfluss hatte das Kloster auf die Autorenschaft von Frauen?
Klöster fungierten als Hochburgen des Wissens mit Bibliotheken, die es den dort lebenden Frauen ermöglichten, Lesen und Schreiben zu erlernen und ihre Werke in einem geschützten Rahmen zu verfassen.
Inwiefern unterscheidet sich das Schreiben von Hildegard von Bingen von anderen Mystikerinnen?
Hildegard von Bingen zeichnete sich durch ein außergewöhnlich breites Wirken aus, das neben mystischen Visionen auch theologische, naturkundliche und musikalische Werke sowie eine bedeutende politische Korrespondenz umfasste.
Warum war es für bürgerliche Frauen schwieriger, zu schreiben als für Adlige?
Bürgerliche Frauen standen vor alltäglichen Hindernissen wie familiären Verpflichtungen, Mutterschaft und einem Mangel an finanziellen Mitteln und Bildungszugängen, die im klösterlichen oder hochadligen Kontext eher vorhanden waren.
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- Marie-Luise Leise (Autor), 2006, Schreibende Frauen im Mittelalter, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130685