Deshalb werden in dieser Arbeit die Bildungsdisparitäten zwischen Schüler:innen mit vietnamesischem und türkischem Migrationshintergrund in Deutschland untersucht. Ziel dieser Arbeit ist es einerseits, die Unterschiede im Bildungserfolg der beiden Vergleichsgruppe darzustellen und dazu die Hintergründe dieser Disparitäten im Hinblick auf die Lebenswelten zu erörtern. Andererseits wird die Relevanz dieser Ergebnisse für die Soziale Arbeit diskutiert.
Zahlreiche empirische Studien der Bildungsforschung haben belegt, dass Schüler:innen mit Migrationshintergrund in Deutschland im Vergleich zu ihren Altersgenossen ohne Migrationshintergrund bildungsbenachteiligt sind. Doch weitere Ergebnisse haben gezeigt, dass dies nicht für alle Migrantengruppen in Deutschland gilt und eine Differenzierung notwendig ist: Denn vietnamesische Schüler:innen weisen ein deutlich höheres Bildungsniveau auf als türkische und sogar als deutsche Schüler:innen.
Daher ist es hinsichtlich der überdurchschnittlichen Bildungserfolge vietnamesischer Schüler:innen in Deutschland interessant zu untersuchen, inwiefern sich ihre Lebenswelten von denen türkischer Schüler:innen unterscheiden. Besonders vor dem Hintergrund, dass sie in Familien aufwachsen, auf die eine Reihe von Faktoren zutrifft, die in der Bildungsforschung als Ursachen von Bildungsbenachteiligung gelten.
Hierfür wurden theoretische Erklärungsansätze als Grundlage angeführt, die den Bildungserfolg eines Menschen beeinflussen können. Zum übersichtlichen Vergleich der Lebenswelten wurden daran anschließend alle signifikanten Ergebnisse und Befunde zu migrationsspezifischer Bildungsforschung dargestellt, die für diese Arbeit und die Vergleichsgruppen von Relevanz sind. Diese Ergebnisse und die damit einhergehende Bedeutung für die Soziale Arbeit wurden daraufhin diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Migration und Bildung
2.1 Migrationshintergrund und Zielgruppe
2.2 Das deutsche Bildungssystem
2.3 Mögliche Einflussfaktoren auf Bildung
3 Lebenswelten
3.1 Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit
3.1.1 Migrationsgeschichte türkischer Einwanderer
3.1.2 Migrationsgeschichte vietnamesischer Einwanderer
3.2 Aktueller Stand der migrationsspezifischen Bildungsforschung
4 Diskussion
5 Fazit
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bildungsdisparitäten zwischen Schüler:innen mit türkischem und vietnamesischem Migrationshintergrund in Deutschland. Ziel ist es, die Gründe für die unterschiedlichen Bildungserfolge im Kontext der jeweiligen Lebenswelten zu erläutern und daraus Implikationen sowie Handlungsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit abzuleiten.
- Vergleich der Bildungserfolge von Schüler:innen mit türkischer und vietnamesischer Herkunft.
- Analyse theoretischer Erklärungsmodelle zur Bildungsungleichheit (u. a. Kapitaltheorie nach Bourdieu).
- Untersuchung des Einflusses familiärer Lebenswelten und Erziehungsstile auf den Bildungsweg.
- Diskussion der Bedeutung von Interkulturalität und Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit.
- Ableitung von Unterstützungsbedarfen für die schulische und pädagogische Arbeit.
Auszug aus dem Buch
Kapitaltheorie
Nach Nauck und Schnoor liegt die Erklärung für den Bildungserfolg von einheimischen Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund hauptsächlich in der Verfügbarkeit von wirtschaftlichem, soziokulturellem und sozialem Kapital, in dieser Migrantenfamilien aber beeinträchtigt sind (vgl. Nauck & Schnoor, 2015, S. 633). Die Erklärung dieser Sorten von Kapital ist auf die Kapitaltheorie des Soziologen Pierre Bourdieu (1983) zurückzuführen. Der Soziologe leistete damit einen essenziellen Beitrag, indem er eine deutliche Abhängigkeit zwischen der sozialen Herkunft und dem Erfolg in der Schule von Kindern bewies (vgl. Bourdieu 1983, S. 186). Aufgrund dieses Zusammenhangs erwerben Kinder ihren schulischen Erfolg nicht zufällig, sondern eher durch die Ausstattung der Eltern mit gewissen Kapitalformen und der damit einhergehenden Stellung in der Gesellschaft (vgl. ebd.). Diese Kapitalformen sind das ökonomische, soziale und kulturelle Kapital, das jeder Mensch nach Bourdieu besitzen würde (vgl. Bourdieu 1983, S. 185). Diese Kapitalsorten können auch als „verschiedene Arten von Macht“ (ebd.) bezeichnet werden.
Das ökonomische Kapital ist die Grundlage der anderen Kapitalsorten und „unmittelbar in Geld konvertierbar“ (Bourdieu 1983, S. 196). Neben dem Besitz von Eigentum ist vor allem der Beschäftigungsstatus und die berufliche Stellung der Eltern von entscheidender Bedeutung für den sozialen und sozioökonomischen Status (vgl. Söhn 2011, S. 153). Daraus ergibt sich auch die Menge der vorhandenen materiellen Güter, die wiederum den schulischen Erfolg beeinflussen kann (vgl. Stanat & Edele 2011, S. 186). So ist zum Beispiel eine Investition in die Bildung ihrer Kinder für Eltern erhöht risikohaft, wenn deren familiären (sozio-)ökonomischen Ressourcen als unzureichend angesehen werden (vgl. Esser 1999). Dies kann durch die Tatsache veranschaulicht werden, dass die Kosten für die Ausbildung der Kinder entsprechend den finanziellen Ressourcen der Eltern verteilt werden können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Bildungsungleichheit ein und stellt die überdurchschnittlichen Bildungserfolge vietnamesischer im Vergleich zu den Nachteilen türkischer Schüler:innen als Forschungsgegenstand dar.
2. Migration und Bildung: Das Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Migrationshintergrunds, des deutschen Bildungssystems und der Einflussfaktoren auf Bildung, wobei der Fokus auf Bourdieu und der Humankapitaltheorie liegt.
3. Lebenswelten: Dieser Abschnitt thematisiert die Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit sowie die Migrationsgeschichten der fokussierten Gruppen und analysiert den aktuellen Forschungsstand zu Schulleistungen.
4. Diskussion: Die Ergebnisse aus Theorie und Empirie werden hier reflektiert und im Hinblick auf deren Relevanz für die Soziale Arbeit kritisch hinterfragt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und betont die Notwendigkeit einer differenzierten pädagogischen Betrachtung, um Schüler:innen ihrer spezifischen Lebenswelt entsprechend zu fördern.
Schlüsselwörter
Bildungsdisparitäten, Migrationshintergrund, Bildungsforschung, Türkische Schüler:innen, Vietnamesische Schüler:innen, Soziale Herkunft, Kapitaltheorie, Bourdieu, Lebensweltorientierung, Soziale Arbeit, Interkulturelle Kompetenz, Humankapital, Bildungsabschluss, Bildungserfolg, Zweite Generation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Thesis analysiert die Unterschiede im Bildungserfolg von Jugendlichen der zweiten Migrationsgeneration, konkret am Beispiel von Schülern mit türkischem gegenüber vietnamesischem Hintergrund.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft bildungssoziologische Theorien zur Ungleichheit mit konkreten Migrationsgeschichten und diskutiert die pädagogischen Konsequenzen für die Soziale Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Hintergründe für die Bildungsdisparitäten aufzudecken und Strategien für eine differenzierte sozialarbeiterische Unterstützung zu erarbeiten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine literaturbasierte Analyse, die neben theoretischen Modellen empirische Studien und amtliche Statistiken auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Kapitaltheorie), die Darstellung der historischen und aktuellen Lebenswelten der Gruppen sowie die empirische Bestandsaufnahme ihrer Schulerfolge.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bildungsdisparitäten, Humankapitaltheorie nach Bourdieu, Lebensweltorientierung und interkulturelle Kompetenz.
Warum schneiden vietnamesische Schüler meist besser ab als türkische?
Die Literatur verweist auf eine Kombination aus spezifischer Bildungsmotivation, familiären Erziehungsstilen und dem oft gezielten Einsatz von Ressourcen, wenngleich beide Gruppen oft über ähnliche finanzielle Mittel verfügen.
Welche Rolle spielt die Soziale Arbeit bei diesen Ergebnissen?
Die Sozialarbeit wird als Instanz begriffen, die den Bildungserfolg durch eine an den spezifischen Bedürfnissen ausgerichtete Lebensweltorientierung aktiv fördern und diskriminierende Strukturen abbauen muss.
- Citation du texte
- Orhan Gül (Auteur), 2022, Bildungsdisparitäten von Migranten in Deutschland. Ein Vergleich der Lebenswelten von Schüler:innen mit türkischem und vietnamesischem Migrationshintergrund, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1285479