Die vorliegende Magisterarbeit befasst sich mit einem Thema, das bis heute nichts von seiner Brisanz eingebüßt hat. Gelingt es einem Regisseur oder einer Regisseurin, der oder die einen Roman verfilmt hat, die Essenz der literarischen Vorlage zu erfassen? Eine Frage, die sich jeder Kinobesucher stellt, nachdem er seinen Lieblingsroman auf der Leinwand gesehen hat. Entspricht die Figur der lasziven Lola aus Heinrich Manns "Professor Unrat" der schillernden Lola in Josef von Sternbergs "Blauem Engel"? Lässt sich die Sehnsucht des alternden Schriftstellers Gustav von Aschenbach nachvollziehen, wenn man den jungen polnischen Aristokraten Tadzio am Lido entlang flanieren sieht? Mit welchen literarischen bzw. filmischen Mitteln werden das Kunstwerk Buch und das Kunstwerk Film dem Lesenden oder eben dem Betrachtenden nähergebracht? Um die Beantwortung dieser Fragen geht es in dieser Magisterarbeit ebenso wie um die Frage, wie sich Filmschaffende von literarischen Werken inspirieren oder eben auch verführen lassen. Über die Grundprobleme der Literaturverfilmung hinaus geht es aber auch um den Vergleich der beiden Brüder Thomas und Heinrich Mann und der Frage, wie diese beiden Schriftsteller mit dem universellen Topos der "Verführung" auf ganz unterschiedliche - oder eben auch auf ähnlicher Weise, umgehen - und wie die beiden Regisseure Josef von Sternberg und Luchino Visconti selbst von den Figuren Lola und Tadzio dazu verführt werden, kongeniale Filmkunstwerke zu erschaffen.
In diese Magisterarbeit wird kein "besser" oder "schlechter" zu finden sein, sondern mein Anspruch war es stets, die künstlerische Kraft beider Kunstformen zu betonen und als Bereicherung für den Lesenden ebenso wie für den Kinobesucher anzuerkennen. Oder wie es Thomas Mann schon 1955 ausdrückte "Ich glaube nicht, dass ein guter Roman durch eine Verfilmung (...) verdorben werden muss. Dazu ist das Wesen des Films demjenigen der Erzählung zu verwandt. (...) Er ist geschaute Erzählung - ein Genre, (...) in dessen Zukunft man schöne Hoffnungen setzen kann." Die Sehnsucht der Menschen nach Geschichten ist ungebrochen, Netflix und Co. leben von dieser unstillbaren Neugier auf Geschichten, und Romane werden auch auf digitalen Medien weiter gelesen. Film und Buch erzählen Geschichten, die uns lebendig fühlen lassen. Das sollte auch der Anspruch eines jeden Roman und einer jeden Verfilmung sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aspekte zur Literaturverfilmung
2.1 Lessings „Laokoon“ - Über die Transformation vom Wort zum Bild
3. „Der Tod in Venedig“ und „Professor Unrat“ - Gemeinsamkeiten
3.1 Repräsentanz und Isolation - Parallelen in der Figurenkonzeption Professor Unrats und Gustav von Aschenbachs
3.2 Parallelen in der Liebeskonzeption
3.3 Die Rolle Rosas als Verführerin - Funktion und Bedeutung
3.4 Tadzio als Figur des indirekten Verführers - Funktion und Bedeutung
3.5 Funktion und Bedeutung der Handlungsräume in „Professor Unrat“
3.6 Funktion und Bedeutung der Handlungsräume in „Tod in Venedig“
4. „Tod in Venedig“ und „Der blaue Engel“ - Die filmischen Transformationen
4.1 Die filmischen Transformation von Professor Unrat und Gustav von Aschenbach
4.2 Die filmische Transformation der Liebeskonzeption
4.3 Die Filmfigur Lola - Merkmale und Besonderheiten
4.4 Die Filmfigur Tadzio - Merkmale und Besonderheiten
4.5 Funktion und Bedeutung der Handlungsräume in „Tod in Venedig“
4.6 Funktion und Bedeutung der Handlungsräume in „Der blaue Engel“
5. Schlußwort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die medienkomparativen Aspekte der Transformation literarischer Stoffe in den Film, indem sie die Werke „Der Tod in Venedig“ (Thomas Mann) und „Professor Unrat“ (Heinrich Mann) sowie deren filmische Adaptionen durch Luchino Visconti und Josef von Sternberg unter den Aspekten der Figurenkonzeption, der Liebesdarstellung und der Handlungsraumgestaltung vergleicht.
- Medienvergleich: Literatur und Film im 20. Jahrhundert
- Figurenanalyse: Gustav von Aschenbach und Professor Unrat
- Rollenbildanalyse: Femme fatale (Rosa/Lola) und Verführer (Tadzio)
- Raumgestaltung: Funktion und Symbolik im literarischen und filmischen Kontext
- Transformation: Filmische Umsetzung literarischer Erzählstrukturen
Auszug aus dem Buch
3. „Der Tod in Venedig“ und „Professor Unrat“ - Gemeinsamkeiten
Im folgenden werden die wichtigsten literarischen Parallelen zwischen „Professor Unrat“ und dem „Tod in Venedig“, auch im Hinblick auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Aufsatz Walter H. Sokels, hervorgehoben und analysiert.
Der 1905 erschienene Roman „Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen“ von Heinrich Mann und die acht Jahre später publizierte Novelle „Der Tod in Venedig“ des Bruders entstanden beide in der Ära des wilhelminischen Kaiserreiches. Beide Werke zeigen in der Entwicklung ihrer Protagonisten Aschenbach und Unrat „die Konsequenzen einer Einstellung, die auf Erhaltung und Verherrlichung des Bestehenden ausgerichtet, infolge der dadurch nötigen Repression zum Gegenteil von Erhaltung, zu Selbstwiderlegung und Auflösung führt.“ Kurz, der Verfall und Niedergang einer ganzen Gesellschaftsform spiegelt sich in den Helden der beiden Erzählwerke, wobei sich ihr besonderer Reiz durch die Darstellung äußerst ambivalenter Figurenkonzeptionen ergibt.
Ein wesentliches Charakteristikum der beiden Helden liegt in der sich anscheinend widersprechenden Koexistenz von Repräsentanz und Isolation, also von der gesellschaftlichen Anerkennung wie es bei Aschenbach der Fall ist, bzw. von dem Glauben, die Werte des herrschenden Staates zu repräsentieren wie im Fall Professor Unrats, und einer Art Außenseiterdasein, welches sie von einem normalen Gesellschaftsleben ausschließt und sie in äußere und innere Einsamkeit verharren läßt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der filmischen Transformation von literarischen Werken ein und benennt die Schwerpunkte der Figuren- und Raumanalyse.
2. Aspekte zur Literaturverfilmung: Es wird die historische und gesellschaftliche Debatte um die Adaption von Literatur in das Medium Film sowie Leppings ästhetische Grundannahmen erörtert.
3. „Der Tod in Venedig“ und „Professor Unrat“ - Gemeinsamkeiten: Dieses Kapitel vergleicht die psychologischen Dispositionen und die soziale Isolation der Protagonisten Aschenbach und Unrat in den literarischen Vorlagen.
4. „Tod in Venedig“ und „Der blaue Engel“ - Die filmischen Transformationen: Die Analyse konzentriert sich auf die spezifischen filmischen Mittel und strukturellen Veränderungen bei der Adaption der Figuren und Räume für das Medium Film.
5. Schlußwort: Die Ergebnisse der medienkomparativen Analyse werden zusammengefasst und die theoretischen Erkenntnisse zum Medienwechsel reflektiert.
Schlüsselwörter
Literaturverfilmung, Thomas Mann, Heinrich Mann, Luchino Visconti, Josef von Sternberg, Der Tod in Venedig, Professor Unrat, Der blaue Engel, Figurenkonzeption, Liebeskonzeption, Handlungsraum, Medienvergleich, Transformation, Medienadaption, Filmgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Transformation von zwei bedeutenden literarischen Werken, Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ und Heinrich Manns „Professor Unrat“, in ihre jeweiligen filmischen Adaptionen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Figurenkonzeptionen (Aschenbach/Unrat), die Darstellung der Liebe (Tadzio/Rosa/Lola) und die spezifische Bedeutung der Handlungsräume in Literatur und Film.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die medienkomparativen Eigenheiten aufzuzeigen, wie literarische Erzählstrukturen in das Medium Film übertragen werden und welche inhaltlichen Konsequenzen diese Transformation für das Verständnis der Werke hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine medienkomparative und werkimmanente Analyse durchgeführt, die gesellschaftshistorische und biographische Hintergründe einbezieht, um Transformationen zwischen den Medien Text und Bild herauszuarbeiten.
Was wird primär im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Gemeinsamkeiten der literarischen Vorlagen und eine detaillierte Analyse der filmischen Transformationen unter besonderer Berücksichtigung der Rollen von Tadzio, Rosa und Lola sowie der architektonischen und symbolischen Räume.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Literaturverfilmung, mediale Transformation, Figurenkonzeption, Handlungsraum und Medienvergleich definieren.
Wie bewerten die Autoren die Rolle der „Femme fatale“ in den Filmen?
Die Arbeit beleuchtet die ambivalente Funktion von Rosa und Lola als sowohl verführende als auch zerstörerische Mächte, die den moralischen Verfall der männlichen Protagonisten begünstigen.
Welche Bedeutung kommt der musikalischen Untermalung in den Filmen zu?
Besonders bei Visconti (Adagietto aus der 5. Sinfonie von Mahler) fungiert die Musik nicht nur als emotionale Verstärkung, sondern als leitmotivisches Element, das den inneren Zustand der Figuren filmisch artikuliert.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin zur filmischen Raumgestaltung?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass der Handlungsraum im Film nicht bloße Kulisse ist, sondern als visuelles Instrument zur Spiegelung der inneren Verfassung der Protagonisten und zur Verdeutlichung gesellschaftlicher Diskurse dient.
- Arbeit zitieren
- Beate Schreiner (Autor:in), 1995, Grundprobleme der Literaturverfilmung. Dargestellt anhand von "Professor Unrat" / "Der blaue Engel" und "Der Tod in Venedig", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1264746