EINLEITUNG***
„Jahr für Jahr werden in Deutschland rund 5.000 Tarifverträge zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerk-schaften neu verhandelt und unterschrieben. Charakteristisch für die auf Dauer angelegte „antagonistische Kooperation“ der Tarifpartner in Deutschland ist, dass die weit überwiegende Mehrheit ihrer Verhandlungen vergleichsweise „lautlos“, arbeitskampffrei, hinter verschlossenen Türen, fern öffentlichen Interesses und bar jeglicher Massenmedialer Aufmerksamkeit abläuft.“
Was aber geschieht, wenn, wie gerade in den letzten Monaten verstärkt zu beobachten, Tarifverhandlungen nicht mehr „lautlos“ über die Bühne gehen und es eben doch, von heftigem Aufsehen in den Medien begleitet, zu Arbeitskämpfen kommt? Die Streikthematik scheint gerade in den letzten paar Jahren an Aktualität gewonnen zu haben, obwohl Deutschland im europäischen Vergleich nach wie vor als ein sehr streikarmes Land gilt, was nach Analyse vieler Forscher sowohl auf Flächentarife als auf die „sozialpartnerschaftliche Einbindung“ durch die Mitbestimmung zurückzuführen ist.
Streik wird generell als ökonomisches Phänomen betrachtet. Es hat sich allerdings als schwierig erwiesen, gute theoretische wirtschaftliche Erklärungen für dieses Phänomen zu finden, da immer wieder auf die Irrationalität dieses Macht- und Durchsetzungsinstrumentes der Gewerkschaft hingewiesen wird. Eine passende Beschreibung für das Problem der Streikanalyse hat Hicks 1963 mit seinem sog. „Hicks Paradox“, auf den sich die traditionelle ökonomische Streiktheorie zumeist beruft, bereits frühzeitig geliefert:„ If one has a theory which predicts when a strike will occur and what the outcome will be, the parties can agree to this outcome in advance, and so avoid the costs of a strike. If they do this, the theory ceases to hold.”[...]
Inhaltsverzeichnis
- 1 Gliederung nach soziologischem Erklärungsmodell
- 2 Streik: Definition und Hintergründe
- 2.1 Streik
- 2.2 Gewerkschaften
- 3 Soziologische Handlungstheorie: Akteursmodelle
- 3.1 Homo Oeconomicus
- 3.2 Homo Sociologicus
- 3.3 Emotional Man
- 3.4 Identitätsbehaupter
- 3.5 Fazit Akteursmodelle
- 4 Akteurstheoretische Erklärung von Streikverlauf
- 4.1 Handlungsmotive
- 4.2 Schwellenwertmodell
- 4.3 Anwendung des Schwellenwertmodells
- 5 Illustrierende Fallbeispiele
- 5.1 Gate Gourmet - Menschenwürdigere Arbeitsbedingungen & Mehr Lohn
- 5.2 Opel - Standortverteidigung Deutschland
- 5.3 Fazit Fallbeispiele
- 6 Zusammenfassung und Ausblick
- 6.1 Zusammenfassung
- 6.2 Ausblick
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Entstehung von Streiks anhand eines soziologischen Erklärungsmodells, um die Lücken ökonomischer Erklärungsansätze zu schließen. Sie analysiert, wie und warum Streiks entstehen, indem sie verschiedene Akteursmodelle berücksichtigt.
- Anwendung des soziologischen Erklärungsmodells auf das Phänomen Streik
- Analyse verschiedener Akteursmodelle (Homo Oeconomicus, Homo Sociologicus, Emotional Man, Identitätsbehaupter)
- Untersuchung der Handlungsmotive im Kontext von Streiks
- Anwendung des Schwellenwertmodells zur Erklärung von Streikentscheidungen
- Illustrierung der theoretischen Ansätze anhand von Fallbeispielen (Gate Gourmet und Opel)
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 beschreibt die Gliederung der Arbeit nach dem soziologischen Erklärungsmodell von James S. Coleman. Kapitel 2 definiert Streik und beleuchtet die Hintergründe, insbesondere die Rolle von Gewerkschaften. Kapitel 3 präsentiert verschiedene soziologische Akteursmodelle und ihre Relevanz für das Verständnis von Streikverhalten. Kapitel 4 entwickelt eine akteurstheoretische Erklärung für den Verlauf von Streiks, unter Einbezug von Handlungsmotiven und einem Schwellenwertmodell. Kapitel 5 analysiert zwei Fallbeispiele (Gate Gourmet und Opel), um die theoretischen Ansätze zu illustrieren.
Schlüsselwörter
Streik, Gewerkschaften, Soziologische Handlungstheorie, Akteursmodelle (Homo Oeconomicus, Homo Sociologicus, Emotional Man, Identitätsbehaupter), Schwellenwertmodell, Fallbeispiele, Tarifverhandlungen, Arbeitskampf.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das "Hicks Paradox" in der Streiktheorie?
Es besagt, dass rationale Parteien einen Streik vermeiden sollten, wenn sie das Ergebnis vorhersehen könnten. Dass es dennoch zu Streiks kommt, deutet auf Informationsmängel oder Irrationalität hin.
Welche soziologischen Akteursmodelle erklären Streikverhalten?
Die Arbeit nutzt Modelle wie den Homo Oeconomicus (Nutzenmaximierung), Homo Sociologicus (Normen), Emotional Man (Affekte) und den Identitätsbehaupter.
Was ist ein Schwellenwertmodell im Kontext von Streiks?
Es erklärt die Entscheidung eines Einzelnen zum Streik in Abhängigkeit davon, wie viele andere sich bereits beteiligen (Mitläufereffekt oder kollektives Handeln).
Welche Fallbeispiele werden in der Arbeit analysiert?
Die Arbeit illustriert die Theorie an den Streiks bei Gate Gourmet (Arbeitsbedingungen/Lohn) und Opel (Standortverteidigung).
Warum gilt Deutschland als vergleichsweise streikarm?
Forscher führen dies auf das System der Flächentarife und die starke sozialpartnerschaftliche Einbindung durch die Mitbestimmung zurück.
- Quote paper
- Martina Jansen (Author), 2008, Akteurstheoretische Erklärung von Streik - Illustriert an zwei Fallbeispielen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124061