Die vorliegende Arbeit knüpft an diesen Punkt an und versucht Merkmale der Androgynität an den Figuren Mariane und Mignon herauszufinden. Den Schwerpunkt dieser Analyse habe ich auf die männliche Kleidung der Frauenfiguren gelegt. Im 18. Jahrhundert waren besonders Uniformen nur den Männern vorbehalten. Anhand dieser Tatsache zeigt sich deutlich, dass die beiden Figuren sich selbst, aus unterschiedlichen Intentionen in eine männliche Rolle drängen. Ziel dieser Arbeit ist Antworten auf Ursache, Erscheinungsform und Bedeutung der androgynen Rolle zu finden. Zudem soll dargestellt werden, in wie weit die Androgynie ein wesentliches Charaktermerkmal der Figuren ist.
Der Grund, warum ich mich für diese Figuren entschieden habe liegt darin, dass sich viele Parallelen zwischen Mariane und Mignon aufzeigen. Dem Leser sticht bereits beim ersten Rezipieren die Verkleidungsmanie der beiden Figuren ins Auge. Hinzu kommt, dass beide zu der Randgruppe der wandernden Theaterspielerinnen gehören. Wichtig ist es auch, dass Mignon Wilhelm unablässig an Mariane erinnert. Schließlich verweist Martina Schwanke darauf, dass es einen Zusammenhang zwischen den Namen Mignon und Mariane gibt. Als Engel verkleidet und aufgrund ihrer italienischen Herkunft, weist Mignon Ähnlichkeit mit Marienfiguren auf. Mignon als kleine Maria deute direkt auf den Namen Maria-ne hin, so Schwanke.
Die Gliederung dieser Arbeit richtet sich nach dem chronologischen Auftreten der beiden Figuren in dem Werk. Demnach beginne ich mit der Analyse der androgynen Merkmale am Beispiel von Mariane. Abschließend untersuche ich Mignons androgyne Züge.
Bei Mignon soll nicht nur ihre knabenhafte Uniform, sondern auch der Name untersucht werden. In V.1) soll herausgefunden werden, was der Name über die Figur und deren Androgynität verrät. Da der Taufname im Roman nicht erwähnt wird, muss ich mich bei der Ausarbeitung auf Mignon beschränken. Dieser Name wurde der Figur von der Seiltänzergruppe gegeben.
Anzumerken ist noch, dass die Figur Mignon aus stilistischen Gründen mit dem femininen grammatischen Geschlecht belegt ist. Im Vorfeld, bevor die Figuren auf ihre Androgynität untersucht werden, wird der Begriff Androgynie genau definiert. Dadurch sollen Kriterien und Vergleichsmöglichkeiten für die Analyse der Androgynität der Figuren aufgestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Begriffsklärung: Was bedeutet Androgynie?
III. Psychologische Androgynität nach Jacques Lacan
1) Die imaginäre Phase
2) Die Phase der symbolischen Ordnung
IV. Das Motiv der Androgynie am Beispiel von Mariane
1) Marianes Offizierskleidung
2) Mariane das androgyne Wesen?
3) Mariane als Repräsentantin der imaginären Phase?
V. Das Motiv der Androgynie am Beispiel von Mignon
1) „Sie heißen mich Mignon“(98)
2) Mignons Knabenhafte Uniform
3) Mignon das androgynes Wesen?
4) Mignon als Repräsentantin der imaginären Phase?
VI. Abschließende Betrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv der Androgynie in Johann Wolfgang von Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ anhand der Frauenfiguren Mariane und Mignon, wobei der Schwerpunkt auf der Bedeutung ihrer männlichen Kleidung und der psychologischen Verortung im Kontext von Jacques Lacans Theorie liegt.
- Analyse der androgynen Merkmale von Mariane und Mignon
- Untersuchung der Bedeutung männlicher Kleidung als Ausdruck der Auflehnung gegen Geschlechterrollen
- Psychologische Einordnung der Figuren in Lacans "imaginäre Phase" versus "symbolische Ordnung"
- Interpretation der Namensgebung und ihrer Verbindung zum androgynen Charakter
- Reflektion der Entwicklungswege der Figuren im Kontext des Romans
Auszug aus dem Buch
Marianes Offizierskleidung
Im ersten Kapitel des ersten Buches kehrt Mariane nach ihrer Theatervorstellung in der Verkleidung eines „weibliche[n] Offizierchen[s]“(5) mit „Federhut und Degen“(6) nach Hause zurück. Dort ist sie mit Wilhelm verabredet. Zuhause angekommen wird sie von der alten Kupplerin Barbara mit Norbergs Geschenken konfrontiert. Doch Mariane würdigt sie keines Blickes. Als „die Alte“(5) Hand an sie legt, um ihr die „unbequeme Tracht“(6) auszuziehen, da sie „gefährlich“(ebd.) sei, reißt sich Mariane leidenschaftlich los. Heftig wehrt sie sich dagegen in „lange Kleider“(ebd.) gesteckt zu werden und sich wieder in ihre gesellschaftliche Rolle als Frau einzufügen. Dies zeigt sich auch darin, dass sie Norbergs Geschenke missachtet.
Heike Bartel sieht in den Geschenken Norbergs zweifach die gesellschaftliche Bestimmung der Frau. Zum einen zeige es sich darin, dass „das Stück Musselin zum Nachtkleide“(ebd.) gemacht werden soll, „welches ihr unweigerlich eine feminine Rolle aufzwängt“12. Des anderen erkenne man darin „Marianes ökonomische Abhängigkeit von einem Mann“13. Indem sich Mariane den Geschenken verschließt und sich weigert „lange Kleider“(ebd.) anzuziehen, sagt sie sich also von ihrer gesellschaftlichen Stellung los.14
Eine ganz andere Bedeutung bekommt Marianes (Ver-)Kleidung aber in Bezug auf Wilhelm. „mit welchem Entzücken umschlang er [Wilhelm] die rote Uniform! Drückte er das weiße Atlaswestchen an seine Brust!“ (7). Fragwürdig ist, ob Wilhelm hier Mariane oder ihr Kostüm umarmt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach den Merkmalen und der Bedeutung der Androgynität bei den Figuren Mariane und Mignon im Kontext des 18. Jahrhunderts vor.
II. Begriffsklärung: Was bedeutet Androgynie?: Dieses Kapitel definiert Androgynie sowohl physisch als auch als psychologische Doppelgeschlechtlichkeit und führt das Konzept des Geschlechterrollenselbstbildes ein.
III. Psychologische Androgynität nach Jacques Lacan: Hier werden die Begriffe der imaginären Phase und der symbolischen Ordnung zur psychoanalytischen Einordnung der Subjektentwicklung erläutert.
IV. Das Motiv der Androgynie am Beispiel von Mariane: Das Kapitel analysiert Marianes Verwendung von Männerkleidung als Mittel der Rebellion und ihre symbolische Bedeutung für Wilhelms Theaterleidenschaft.
V. Das Motiv der Androgynie am Beispiel von Mignon: Diese Untersuchung beleuchtet Mignons Beharren auf Knabenkleidung, ihre Namensherkunft und ihren Status als Repräsentantin der imaginären Phase.
VI. Abschließende Betrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Marianes Androgynie eine temporäre Auflehnung darstellt, während Mignon bis zu ihrem Tod in einer androgynen, imaginären Sphäre verharrt.
Schlüsselwörter
Androgynie, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Johann Wolfgang von Goethe, Mariane, Mignon, Jacques Lacan, imaginäre Phase, symbolische Ordnung, Geschlechterrolle, Knabenkleidung, Identität, Theaterleidenschaft, Pubertät, Literaturwissenschaft, Frauenbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse des Motivs der Androgynie in Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Figuren Mariane und Mignon, ihre jeweilige geschlechtsübergreifende Kleidung, ihre Identitätsfindung und ihr gesellschaftlicher Status als Theaterspielerinnen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu ergründen, welche Ursachen, Erscheinungsformen und Bedeutungen die androgynen Rollen dieser Figuren haben und inwiefern Androgynie ein wesentliches Charaktermerkmal darstellt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt literaturanalytische Verfahren und verknüpft diese mit psychoanalytischen Ansätzen, insbesondere der Theorie von Jacques Lacan zur Subjektentwicklung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsklärung der Androgynie, eine theoretische psychologische Fundierung und die detaillierte Textanalyse der beiden Frauenfiguren.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Androgynie, Identität, Geschlechterrollenselbstbild, imaginäre Phase und symbolische Ordnung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Androgynie von Mariane von derjenigen Mignons?
Mariane ordnet sich im Laufe der Handlung der symbolischen Ordnung (und somit ihrem weiblichen Rollenbild) unter, während Mignon bis zu ihrem Tod in der imaginären Phase und somit in einem geschlechtsneutralen bzw. androgynen Zustand verharrt.
Warum trägt Mignon fast durchgehend Knabenkleidung?
Neben dem Schutz ihrer Identität und Herkunft dient die Knabenuniform Mignon dazu, sich frei zu bewegen und ihren Bewegungsdrang auszuleben, sowie ihre bewusste Ablehnung des weiblichen Geschlechts zu signalisieren.
Welche Rolle spielt die Sprache bei Mignons psychoanalytischer Einordnung?
Mignons mangelnde Sprachbeherrschung wird als Indikator dafür gewertet, dass sie das Gesetz der symbolischen Ordnung nicht internalisiert hat, was sie fest in der imaginären Phase verortet.
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- Florina Jurca (Author), 2008, „Ich bin ein Knabe: ich will kein Mädchen sein!“ , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123437