Viel hat sich in den Sozialwissenschaften in den letzten Jahren verändert, insbesonders in der Forschung. Um dem Anspruch “ethnographies of intimacy, not distance; of stories, not models; of possibilities, not stabilities; and of contigent understandings, not detachable conclusions” zu entwickeln, gerecht zu werden, wird im ersten Kapitel, neben einer allgemeinen Einbettung der Problematik dieser Arbeit, eine Einführung in die dieser Problematik zugrundeliegender unterschiedlichen Perspektiven von Suchtkarrieren, dargestellt. Es wird ebenfalls die unterschiedlichen Verständnisse der verschiedenen Identitätsniveaus vorgestellt und in die wissenschaftliche, hauptsächlich soziologische, Diskussion eingebettet. Ebenfalls wird in diesem ersten Abschnitt eine historische Perspektive der Suchtproblematik vorgestellt, die den Wandel der Konzepte und des Verständnis der Drogensucht über die letzten hundert Jahre erkennen lassen soll. Um der möglichen Kritik, dass diese Arbeit lediglich eine individuell biographische Arbeit, die individuelle Suchtausstiegskarrieren analysiert, vorwegzugreifen, wird dieser Arbeit ebenfalls eine mesoskopische Ebene eingeführt, die eine institutionelle Ebene der Drogenproblematik darstellt. Diese Ebene wird durch eine Analyse von Annamnesefragebögen einer staatlichen Institution, welche seit 25 Jahren im Lissabonner Raum Suchtkranke behandelt, dargelegt. Ziel ist es, eine institutionelle und eine öffentliche Repäsentation der Drogenabhängigkeit als Ergänzung zur individuell-biographischen Perspektive, vorzulegen.
Im dritten Kapitel geht es darum, eine erste analytische Einbettung dieser Arbeit zu gewährleisten und die ersten subjektiven Erfahrungen des Suchtausstiegs und der Neuorganisation der Identität bei einigen ausgestiegenen Suchtakteuren zu rekonstruieren. Dabei stehen die Fragen der Motivation zu Veränderungen und eine erste analytische Perspektive der neuen Rollenbesetzungen und der neuen Rollenverhalten beim Ausstieg im Mittelpunkt dieses Kapitels.
Im vierten Kapitel werden grundlegende identitäre Mechanismen die zum Ausstieg geführt haben, aus dem vorliegenden Interviewmaterial rekonstruiert. Die grundlegende Dynamik der direkten Interaktion in alltäglichen Zusammenhängen, die aus den einzelnen Ausstiegserfahrungen herausgearbeitet wird, wird mit grundlegenden sozialpsychologischen Verarbeitungsmechanismen verbunden und als neuangeeignete Ausstiegsidentität, die in der neuangeeigneten Suchtausstiegskarriere bündelt, veranschaulicht.
Diese einzelnen rekonstruierten Erfahrungen werden anschliessend im letzten Kapitel in der Form unterschiedlicher identitärer Beziehungen zum Drogenmilieu und dem Produkt Droge zu typischen Drogenkarrieren erschlossen.
Inhaltsverzeichnis
- EINLEITUNG
- AKTUALITÄT DES THEMAS
- ANLIEGEN DIESER ARBEIT
- AUSBLICK AUF DIE KAPITEL
- DAS KONZEPT “SUCHT” UND “SUCHTKARRIERE”
- UNTERSCHIEDLICHE PERSPEKTIVEN VON SUCHTKARRIERE(N)
- Die Perspektive der Medizin: Sucht als Krankheit
- Entwicklungspsychologische Perspektiven: Sucht als zeitlich begrenzter und altersabhängiger Reifungsprozess
- Die Perspektive der soziologischen Forschung: Suchtkarriere als Sozialisation und Labelingprozess
- Das Verständnis von sozialer Identität
- Das Verständnis von persönlicher Identität
- Das Verständnis von Ich- Identität
- GESELLSCHAFT UND DROGENPROBLEMATIK - WANDEL DER KONZEPTE UND DES VERSTÄNDNIS DER DROGENSUCHT
- Zum Beginn des Prohibitionismus und eines öffentlich-moralischen Problems
- Der Drogenabhängige als kranker, jedoch selbstverantwortlicher psychosozialer Akteur
- Der portugiesische Kontext
- DIE REPRÄSENTATION DER DROGENABHÄNGIGKEIT – EINE INSTITUTIONELLE PERSPEKTIVE
- Die Repräsentation des biopsychosozialen Paradigmas
- DIE QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG UND DAS INTERPRETIVE PARADIGMA
- FORSCHUNGSDESIGN
- DAS "AUSGESTIEGEN-SEIN" ERLEBEN: NEUORGANISATION DER IDENTITÄT, VERÄNDERUNG DES SELBST, BIOGRAFISCHE RUPTUR, REKONZEPTUALISIERUNG DER SOZIALEN KOMPETENZEN
- INTERVIEW SITUATIONEN ALS REFLEKTIVER MOMENT DES SUCHTIDENTITÄTWANDELS
- MOTIVATIONEN ZUR VERÄNDERUNG
- "Positive reinforcement” Interaktion
- Leidensdruck
- Interaktion mit dem Selbst
- Erschwerte Zugang zu Konsumgelegenheiten
- Ausstieg und “turning-point” Erfahrung
- NEUE ROLLENBESETZUNG UND IDEALISIERTES ROLLENVERHALTEN
- Suchtausstieg, Rollenbesetzung und Eindrucksmanipulation
- Die Rolle der Sprache beim Verkauf von Kredibilität
- Beispiele der Aneignung sozial kredibler Sprachen
- Idealisierte Rollen, virtuelle soziale Identität und Prestigesymbole
- Die positive und die negative Visibilität
- Suchtausstieg und Identitäts-Ambivalenz
- PROZESS DER MODULATION UND REDEFINITION VON NORMEN UND WERTEN
- WEGE ZUR KONSTRUKTION EINER SUCHTAUSSTIEGS - IDENTITÄT
- SUCHTAUSSTIEG ALS AKTIVER PROZESS DER GUTEN IMAGEPFLEGE
- DIE SOZIALE DARSTELLUNG DES IDENTITÄREN NEUANFANGS
- Sozialer Rückzug als Darstellung des identitären Neuanfangs
- Der "freiwillige" Rückzug in eine Institution
- Der nichtinstitutionelle identitäre Rückzug
- ZUM ALLGEMEINEN IDENTITÄREN BEDÜRFNIS “PLUSPUNKTE” ZU SAMMELN
- Beschreibung einiger Verhaltensmerkmale die eine Ausstiegskarriere symbolisieren
- Die Symbolisierung der Unterwürfigkeit
- Die Fähigkeit der konstruktiven Ausdruckskontrolle
- Exkurs: Zur Fähigkeit des Selbst zur Selbstkontrolle
- DIE ZEREMONIE DER EHRERBIETUNG
- Die Vermeidungsrituale
- Die Zuvorkommenheitsrituale
- IMAGEPFLEGE, EHRERBIETUNG UND BENEHMEN
- ÜBER DIE ROLLE DER THERAPEUTISCHEN INSTITUTIONEN ZUR BEIBEHALTUNG DER EHRERBIETUNGSRITUALE
- SUCHTAUSSTIEG UND BEDEUTENDE IDENTITÄRE (VERÄNDERUNGS)MECHANISMEN
- Die Reduktion von Dissonanzen
- Scham und Suchtausstieg
- Schamgefühle und die nicht erfüllte Erwartung des beruflichen Erfolges durch die Suchtkarriere
- Schamgefühle und die nicht erfüllte Erwartung innerhalb der Familie
- Schamgefühle und traumatische Erlebnisse
- Die Strategie des sozialen Rückzugs
- Schamgefühle und der Niedergang des "Babykönigs"
- Suchtausstieg und der Neid
- Der Neid und die Identifikation
- Der Neid innerhalb der Beziehung zwischen Geschwistern
- Definition von Suchteinstiegsatributionen
- "WIE DEFINIERE ICH MEINE NEUE BEZIEHUNG ZUM PRODUKT UND ZUM MILIEU?” – TYPOLOGIE IDENTITÄRER BEZIEHUNGEN ZUM DROGENMILIEU UND ZUM PRODUKT DROGE
- AUSSTIEGSKARRIERE DES TYPS 1: VOM JUNKIE ZUM TOTALEN ABSTINENZLER - DIE FUNDAMENTALISTEN
- Die Dimension des Suchtausstiegs als erlebter Neuanfang
- "…..als ich ein klein war, hatte ich einenTraum...” – die Symbolisation der Traumerfüllung durch den Neuanfang
- Die Suchtkarriere als zweite, aber diesmal "richtige" Jugend
- Die Dimension des Suchtausstiegs als Konversionskarriere
- Die Dimension des Suchtausstiegs als Rehabilitation verlorengegangener identitärer Referenzen
- Die Dimension des Suchtausstiegs als eine altruistische Suchtausstiegskarriere
- AUSSTIEGSKARRIERE DES TYPS 2: VOM FREUDIGEN JUNKIE ZU EINEM SELEKTIVEN KONSUM – DIE RISIKOFREUDEN
- Die Suche nach dem idealen Produkt: “Was konsumieren, dass mir nicht schadet?”
- Die Dimension der kontrollierten Wochenendkonsumenten: „Wie nur ab und zu mal stoned sein”
- EXKURS: AUSSTIEGSVERSUCHE ODER DIE IDENTITÄRE PROBLEMATIK DES SUCHTSELBSTES IN WANDLUNG
- Die identitäre Problematik der Bewältigung des Alltags: „Ich bin ein normaler Typ der morgens arbeiten gehen muss”
- Das Aufarbeiten von erfolglosen Suchtbehandlungen: „,...es ist während der Behandlung nichts geblieben was hätte bleiben sollen...“
- Der spontane Ausstieg im Gegensatz zu programmierten Ausstiegsversuchen: „Der Klick der mir später passiert ist hätte früher passieren sollen”
- Psychosoziale Probleme die einen Ausstieg lange Zeit nicht ermöglichen: „Ich habe endlich angefangen mich zu öffnen”
- Fehlgeleitete Ausstiegsversuche und der Versuch den Konsum kognitiv zu kontrollieren: „Ich habe nichts kontrolliert und bin wieder zurückgefallen”
- Rückfälle und die Reduktion der Sucht auf eine exklusiv körperliche Abhängigkeit
- SCHLUSSBETRACHTUNG
- ZUSAMMENFASSUNG
- Typische Ausstiegskarrieren und ihre speziefischen Dimensionen
- Anregungen zur gängigen sozialpolitischen Diskussion
- Erweiterter Ausblick
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Dissertation untersucht die Strategien, die Menschen im Prozess des Drogenentzugs zur Veränderung ihrer Identität einsetzen. Die Arbeit konzentriert sich dabei auf die Theorie von Erving Goffman und analysiert, wie Drogenabhängige ihre soziale Rolle neu definieren, um ein positives Selbstbild und eine neue Identität zu schaffen.
- Identitätskonstruktion im Kontext des Drogenentzugs
- Soziale Darstellung und Eindrucksmanipulation
- Rolle der Sprache und des Verhaltens im Prozess des Suchtausstiegs
- Typologisierung von Suchtausstiegskarrieren
- Einfluss sozialer und institutioneller Rahmenbedingungen
Zusammenfassung der Kapitel
- Kapitel 1: Dieses Kapitel definiert den Begriff "Sucht" und stellt verschiedene Perspektiven auf die Suchtkarriere vor, einschließlich medizinischer, entwicklungspsychologischer und soziologischer Ansätze. Es diskutiert den Wandel des gesellschaftlichen Verständnisses von Drogenabhängigkeit und beleuchtet die Rolle von Institutionen in der Repräsentation des Drogenproblems.
- Kapitel 2: Dieses Kapitel behandelt die qualitative Sozialforschung und das interpretative Paradigma, die Grundlage für die Forschungsmethode der Dissertation. Es beleuchtet die Bedeutung der Interpretation und der individuellen Erfahrungen in der Analyse von sozialen Phänomenen.
- Kapitel 3: Dieses Kapitel analysiert die Erfahrungen von ehemaligen Drogenabhängigen, die einen Entzugsprozess durchlaufen haben. Es beschreibt die Herausforderungen der Neuorganisation der Identität, die Veränderung des Selbst und die Rekonzeptualisierung sozialer Kompetenzen. Das Kapitel untersucht insbesondere Interviewsituationen als reflektierende Momente des Identitätswandels und die verschiedenen Motivationen für die Veränderung.
- Kapitel 4: Dieses Kapitel untersucht die Strategien, die ehemalige Drogenabhängige im Prozess des Suchtausstiegs einsetzen, um ein positives Selbstbild und eine neue Identität zu konstruieren. Es analysiert die Bedeutung von sozialer Darstellung, Eindrucksmanipulation und Rollenbesetzung sowie die Rolle von Scham und Neid im identitären Wandel.
- Kapitel 5: Dieses Kapitel entwickelt eine Typologie von Suchtausstiegskarrieren, die auf der Art der Beziehung zum Drogenmilieu und zum Produkt Droge basiert. Es beschreibt verschiedene Strategien, die Menschen im Prozess des Entzugs anwenden, um ihre Identität neu zu definieren, und beleuchtet die Besonderheiten von "Fundamentalisten" und "Risikofreunden".
Schlüsselwörter
Die Dissertation befasst sich mit den zentralen Themen Drogenentzug, Identitätskonstruktion, soziale Darstellung, Suchtausstiegskarrieren, Goffmans Theorie der "dramaturgischen Soziologie", qualitative Sozialforschung, biopsychosoziales Paradigma, Interpretatives Paradigma, "turning-point" Erfahrung, Scham, Neid, Typisierung. Die Arbeit beleuchtet die individuellen Erfahrungen von ehemaligen Drogenabhängigen im Prozess des Entzugs und analysiert die Strategien, die sie im Umgang mit ihrem neuen Lebensentwurf anwenden.
- Quote paper
- Dr Manuel Sommer (Author), 2002, Drogensuchtausstiegskarrieren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115424