Das Konzept der Grammatikalisierung eignet sich neben sprachvergleichenden Untersuchungen und der Beschreibung historischer Entwicklungen auch zur Einordnung synchroner Erscheinungen. Somit sollen im synchronen Sprachgebrauch vorkommende Zweifelsfälle anhand dieser Theorie beleuchtet werden.
Nachdem in einem ersten Schritt geklärt wird, was hier mit „Zweifelsfall“ gemeint ist, sollen die Grundzüge des Grammatikalisierungskonzeptes in Kapitel 3 vorgestellt werden, um dann näher auf die Grammatikalisierung deutscher Präpositionen einzugehen. Ausschlaggebend ist dabei nicht zuletzt das im Jahr 2000 erschienene Werk von Claudio Di Meola, der dieses Phänomen erstmalig ganzheitlich betrachtet. Es wird versucht, grammatikalisch zweifelhafte oder mehrdeutige Fälle im präpositionalen Gebrauch zu erklären. Dies kann zwar nicht ganz ohne den Rückgriff auf die diachrone Entwicklung geschehen, doch wird der Schwerpunkt der hier vorliegenden Arbeit deutlich durch die synchrone Betrachtung der präpositionalen Zweifelsfälle bestimmt. Beispielhaft für Varianten im Sprachgebrauch werden besonders der Wechsel zwischen Prä- und Poststellung sowie die Alternation zwischen Dativ- und Genitivrektion betrachtet.
Schließlich soll die Darstellung syntaktischer Zweifelsfälle in einem der wichtigsten deutschsprachigen Nachschlage, dem Duden, untersucht werden hinsichtlich der vorangestellten Beobachtungen zur Grammatikalisierung deutscher Präpositionen.
Unterschiedliche Herangehensweisen an das Phänomen Zweifelsfall sollen kontrastiert, aber auch Gemeinsamkeiten bei der Betrachtung dieser Fälle herausgestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist ein Zweifelsfall?
3. Grammatikalisierung – Theorie und grundsätzliche Begrifflichkeiten
4. Grammatikalisierung deutscher Präpositionen
4.1 Vorbemerkung zum Präpositionsbegriff
4.2 Prototypisierung und Grammatikalisierung
4.3 präpositionale Zweifelsfälle als Folge von Grammatikalisierungsprozessen
5. Der Umgang mit syntaktischen Zweifelsfällen im Duden
5.1 Die Frage der Prä- oder Poststellung am Beispiel gemäß
5.2 Die Frage nach der Kasusrektion ursprünglicher Dativpräpositionen
5.2.1 Das Beispiel gemäß
5.2.2 Statistische Häufigkeit und sprachliche Norm
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen syntaktischer Zweifelsfälle bei deutschen Präpositionen unter Anwendung der Grammatikalisierungstheorie. Dabei soll kontrastiert werden, wie diese sprachlichen Varianten in der wissenschaftlichen Theorie, insbesondere nach Claudio Di Meola, im Vergleich zu normativen Nachschlagewerken wie dem Duden bewertet werden.
- Grundlagen der Grammatikalisierungstheorie und des Sprachwandels
- Analyse der Präpositionen im Hinblick auf Prä- und Poststellung
- Untersuchung der Alternation zwischen Dativ- und Genitivrektion
- Kritische Auseinandersetzung mit der normativen Erfassung von Zweifelsfällen im Duden
Auszug aus dem Buch
4.3 präpositionale Zweifelsfälle als Folge von Grammatikalisierungsprozessen
Schon allein die Feststellung, dass es nur sehr wenige „richtige“, d.h. prototypische, Präpositionen gibt (z.B. ab, bis, durch, für, hinter, mit, seit, vor, zu), während die meisten Präpositionen die Form eines Inhaltswortes (z.B. eines Adverbs: entgegen, entlang, rechts, abseits, außerhalb, binnen, eines Adjektivs: nahe, fern, gemäß, seitlich, voll, anlässlich, eines Verbs/Partizips: betreffend, eingeschlossen, während, inbegriffen oder eines Substantivs: Richtung, Ende, Kraft/kraft, trotz, dank, angesichts, zwecks) oder einer syntaktischen Struktur (z.B. von...wegen, an Hand/anhand, zu Folge/zufolge, im Fall(e), in Richtung, zum Vorteil, zum Trotz) aufweisen, weist für Di Meola darauf hin, dass es sich um die synchrone Betrachtung eines diachronen Vorgangs handelt (vgl. Di Meola 2000, 224 f).
Die Probleme bei der Kategoriezuweisung folgen daraus, dass eine Vielzahl der hier als Präposition klassifizierten Ausdrücke je nach Bedeutungskontext als nicht-präpositionale Inhaltswörter verwendet werden können. Bei derartigen Fällen handelt es sich um Bildungen auf dem Wege der Grammatikalisierung. Für sie ist „[...] die Koexistenz präpositionaler und nicht-präpositionaler Verwendungen eine notwendige Charakteristik“ (Di Meola 2000, 243).
Doch erst durch die aufkommende Frage, um welche Wortart es sich jeweils handle, so erläutert Di Meola, wird der Übergang von einem Inhalts- zum Funktionswort überhaupt möglich. Zu erklären ist dies mit der nun eintretenden Reanalyse des Sprechers: „Bei der Reanalyse werden im Zuge einer Gliederungsverschiebung Grenzen neu gesetzt und existierende hierarchische Bedingungen auf den Kopf gestellt. Eine bestehende Struktur wird zerstört, eine neue aufgebaut. [...] Durch Reanalyse entsteht eine Asymmetrie zwischen Form und Inhalt: Es hat bereits eine semantische Veränderung stattgefunden, die äußere Form bleibt jedoch zunächst unverändert“ (Di Meola 2000, 13).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Konzept der Grammatikalisierung ein und begründet die Zielsetzung, synchrone präpositionale Zweifelsfälle theoretisch und anhand von Nachschlagewerken zu analysieren.
2. Was ist ein Zweifelsfall?: Dieses Kapitel definiert den Begriff des Zweifelsfalls als eine sprachliche Situation, in der kompetente Sprecher über die Wahl zwischen mindestens zwei Varianten unsicher sind.
3. Grammatikalisierung – Theorie und grundsätzliche Begrifflichkeiten: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Grammatikalisierungsforschung vorgestellt, insbesondere die Unterscheidung zwischen Inhalts- und Funktionswörtern sowie deren diachrone Entwicklung.
4. Grammatikalisierung deutscher Präpositionen: Das Kapitel erläutert den Präpositionsbegriff und diskutiert die Prototypisierung sowie Grammatikalisierungsprozesse als Ursachen für syntaktische Schwankungen.
5. Der Umgang mit syntaktischen Zweifelsfällen im Duden: Es wird untersucht, wie die Duden-Grammatik und das Wörterbuch „Richtiges und gutes Deutsch“ mit präpositionalen Zweifelsfällen umgehen und inwieweit dies mit Di Meolas Beobachtungen korreliert.
6. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass der Duden primär normierend agiert, während Di Meola Zweifelsfälle stärker als Resultat natürlicher sprachlicher Dynamik begreift.
Schlüsselwörter
Grammatikalisierung, deutsche Präpositionen, syntaktische Zweifelsfälle, Duden, Kasusrektion, Sprachwandel, Prototypisierung, diachrone Entwicklung, synchrone Sprachbetrachtung, Postposition, Reanalyse, Sprachgefühl, Genitivrektion, Dativrektion, sprachliche Norm.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beleuchtet syntaktische Zweifelsfälle bei deutschen Präpositionen, wie z.B. Schwankungen in der Kasusrektion oder der Stellung, vor dem Hintergrund der Grammatikalisierungstheorie.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Grammatikalisierung und Prototypisierung sowie deren Anwendung auf Präpositionen und der Vergleich mit der normativen Darstellung im Duden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die wissenschaftliche Sichtweise auf Sprachwandelphänomene bei Präpositionen der normativen Einschätzung in Standard-Nachschlagewerken gegenüberzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch fundierte Analyse, die die linguistischen Beobachtungen Claudio Di Meolas mit den expliziten Empfehlungen der Dudenredaktion kontrastiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der theoretischen Basis, der Analyse von Präpositionen hinsichtlich ihrer Grammatikalisierungsgrade und einer detaillierten Untersuchung des Duden-Umgangs mit diesen Varianten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Grammatikalisierung, Kasusrektion, Präpositionen, Duden, Sprachwandel und synchrone Variation.
Wie unterscheidet sich die Duden-Darstellung von Di Meolas Theorie?
Der Duden fungiert meist normierend und bevorzugt eindeutige Regeln zur Orientierung, während Di Meola Zweifelsfälle als notwendige Folge von Grammatikalisierungsprozessen und Sprachendynamik interpretiert.
Welche Rolle spielt die Reanalyse im Grammatikalisierungsprozess?
Die Reanalyse bezeichnet den Prozess, bei dem Sprecher die interne Struktur einer sprachlichen Einheit neu bewerten, was den Übergang von einem Inhalts- zu einem Funktionswort einleiten kann.
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- Sandra Küpeli (Author), 2005, Syntaktische Zweifelsfälle aus der Perspektive der Grammatikalisierungsdebatte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113904