Das heutige japanische Bildungssystem basiert auf den Vorgaben der amerikanischen
Besatzungsmacht, die nach dem Zweiten Weltkrieg demokratische Werte garantieren
wollte. Dabei entstand eine Konstellation, die auf der einen Seite Freiheit und Gleichheit
betont und auf der anderenSeite vonTradition, der Betonung von Kleingruppen, und dem
Ideal der Harmonie geprägt ist.
Nach international vergleichenden Studien nimmt das japanische Bildungssystem zumindest
in der Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern eine Spitzenposition
ein. Somit ergibt sich die Frage, inwiefern Japan in diesem Bereich eine Vorbildfunktion
für andere Bildungssysteme haben kann oder nicht. In der folgendenArbeit soll zunächst
die Entwicklung und die heutige Bedeutung der Bildung in Japan beschrieben werden.
Weiterhin sollen die japanischen Ordnungsprinzipien in der Gesellschaft und das Leben
im Kindergarten und in der Schule aufgezeigt werden.
Explizit wird danachauf die berufliche Bildung im Bildungssystem eingegangensowie auf
die Zuständigkeiten des Arbeitsministeriums. Auf eine komplette Darstellung des japanischen
Bildungssystems wird hier verzichtet, da dies bereits im vorangegangenen
Referat behandelt wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Charakterisierung des Landes
2.1 Gesellschaft, Kultur und Religion
2.2 Geschichte
3. Bedeutung und Entwicklung der Bildung in Japan
3.1 Bildungsexpansion im 20. Jahrhundert
3.3 Bedeutung der Eliten
3.4 Reformen und Tendenzen
4. Allgemeine Ordnungsprinzipien in Erziehung und Gesellschaft
5. Bildungsinstitutionen - Orte zur Reproduktion der Gesellschaft
5.1 Kindergarten und Grundschule oder der “heimliche” Lehrplan der japanischen Schule
5.2 Mittel- und Oberschulen
5.3 Bedeutung der juku
6. Berufsbildung im Bildungssystem
7. Berufliche Bildung in der Zuständigkeit des Arbeitsministeriums
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das japanische Bildungssystem unter besonderer Berücksichtigung seines engen Zusammenspiels mit dem Beschäftigungssystem sowie der gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien. Ziel ist es zu analysieren, inwieweit das System als Vorbild dienen kann und welche Rolle die formale Bildung für berufliche Qualifikationen und gesellschaftliche Selektionsprozesse spielt.
- Historische Entwicklung und Bildungsreformen in Japan.
- Einfluss von Konfuzianismus und Gruppenharmonie auf das Lernverhalten.
- Die Rolle privater Nachhilfeschulen (juku) im Selektionsprozess.
- Zuständigkeiten und Struktur der beruflichen Bildung durch das Arbeitsministerium.
- Die funktionale Bedeutung von Schulabschlüssen für den Einstieg in das Erwerbsleben.
Auszug aus dem Buch
3. Bedeutung und Entwicklung der Bildung in Japan
Der eindrucksvolle Aufstieg Japans vom Entwicklungsland zur Industriemacht ging einher mit einer enormen Expansion der Bildung. Historische Berichte über die japanische Kultur und Mentalität weisen auf eine besonders ausgeprägte Wißbegier und eine vergleichsweise hohe Betonung der Erziehung. Die Neugierde der Japaner wird bereits von europäischen Missionaren des 16. Jahrhunderts als besonderes Phänomen beschrieben.
Diese besondere Haltung scheint in der japanischen Kultur fest verankert und hat sich bis in die heutige Zeit hinein gehalten. ,,Sie [die Japaner] brauchen keinen ideellen Überbau, aus dem die Argumente für Bildung abzuleiten wären. Sie sind von jeher davon überzeugt, daß es darauf ankommt und sich lohnt, Neugier auf noch Unbekanntes zu haben beziehungsweise zu wecken"6.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der historischen Wurzeln des Bildungssystems nach 1945 und der forschungsleitenden Fragestellung zur internationalen Vorbildfunktion Japans.
2. Allgemeine Charakterisierung des Landes: Überblick über die geographischen, demographischen und soziokulturellen Rahmenbedingungen Japans.
3. Bedeutung und Entwicklung der Bildung in Japan: Analyse der Bildungsexpansion im 20. Jahrhundert sowie der Rolle elitärer Strukturen und der aktuellen Reformbestrebungen.
4. Allgemeine Ordnungsprinzipien in Erziehung und Gesellschaft: Erörterung des japanischen Gruppenprinzips im Gegensatz zum westlichen Individualismus und dessen Einfluss auf die Erziehung.
5. Bildungsinstitutionen - Orte zur Reproduktion der Gesellschaft: Untersuchung der Lernumgebungen von Kindergarten bis Oberschule sowie der systemstabilisierenden Funktion der juku.
6. Berufsbildung im Bildungssystem: Darstellung der Trennung von formaler schulischer Qualifikation und betrieblicher Personalrekrutierung.
7. Berufliche Bildung in der Zuständigkeit des Arbeitsministeriums: Analyse der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die staatlich geförderte Weiterbildung und Umschulung.
7. Schlussbemerkung: Resümee über die spezifische Ausprägung der japanischen Erziehung und das Fehlen einer dualen Berufsausbildung nach deutschem Vorbild.
Schlüsselwörter
Japanisches Bildungssystem, Bildungsexpansion, Gruppenharmonie, Leistungsgesellschaft, Selektionsdruck, juku, Berufsbildung, Arbeitsministerium, Meiji-Restauration, Konfuzianismus, Schulerfolg, Beschäftigungssystem, Zertifikatswesen, Bildungsreform, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Struktur und Funktion des japanischen Bildungswesens sowie dessen enger Verzahnung mit dem gesellschaftlichen und ökonomischen System.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die historischen Hintergründe, die gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien wie das Gruppenkonzept, die Bedeutung von Selektionsprüfungen und die staatliche Berufsbildungspolitik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu hinterfragen, ob das japanische Bildungssystem als Vorbild für andere Nationen dienen kann und welche Rolle die Schule bei der beruflichen Laufbahnplanung der Japaner spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse und Auswertung bestehender bildungswissenschaftlicher Studien, die durch eine vergleichende Perspektive ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die soziokulturellen Grundlagen, die Analyse der Bildungsinstitutionen, die Kritik an den Reformprozessen sowie die Zuständigkeiten des Arbeitsministeriums für die berufliche Qualifizierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Bildungsexpansion, Selektionsdruck, Gruppenharmonie, juku, Beschäftigungssystem und der Gegensatz zwischen westlichen Werten und japanischer Tradition.
Warum spielen die sogenannten juku eine so große Rolle im System?
Die juku dienen als private Nachhilfeeinrichtungen dazu, den hohen Selektionsdruck durch Aufnahmeprüfungen aufzufangen und die Schüler für prestigeträchtige Schulen und Universitäten zu qualifizieren.
Gibt es in Japan eine duale Berufsausbildung wie in Deutschland?
Nein, die Arbeit stellt ausdrücklich fest, dass das spezifisch deutsche Modell der dualen Berufsausbildung in dieser Form in Japan nicht existiert, da die berufliche Qualifizierung dort eher betriebsintern erfolgt.
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- Eva-Maria Müller (Author), 2000, Bildungssystem Japan, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10218