Einleitung
Die Kultur des ausgehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts wird als "visuelle Kultur" bezeichnet: "Wir leben in einem visuellen Zeitalter, einem Zeitalter der Bilder."1 In einer Spirale wachsen die Bilderflut auf der einen Seite und die Bedürfnisse der Rezipienten nach mehr Visuellem. Diese "Wendung zum Bild […] findet kontinuierlich und mit großem Tempo statt."2 Das Phänomen, das die visuelle Kultur forciert, wird als "pictorial turn"3 bezeichnet, ein Ausdruck, den der Literaturwissenschaftler William John T. Mitchell im Jahr 1997 aufs Tableau brachte.
Bilder in ihrer Eigenschaft, optisch und zweidimensional Inhalte zu (re)präsentieren, haben zu einer "utopistischen Spekulationswut über die erlösende und umwälzende Macht der Bilder"4 im weltweiten wissenschaftlichen und interdisziplinären Diskurs geführt. "Stichworte wie ‚Simulation′, ‚Immaterialität′, ‚Sehen ohne Blick′, ‚Universum der technischen Bilder′, ‚Unsichtbarkeit der Welt′, ‚Hypersichtbarkeit′ agitieren die Debattierenden."5
So ausführlich der Dialog ist, so skurril erscheint er angesichts Mitchells Aussage, dass wir heute
"[…] immer noch nicht genau wissen, was Bilder sind, in welchem Verhältnis sie zur Sprache stehen, wie sie sich auf Beobachter und die Welt auswirken, wie ihre Geschichte zu verstehen ist und was mit ihnen bzw. gegen sie gemacht werden kann."6
Dem Phänomen des "pictorial turn" und einer kritischen Beurteilung will sich diese Hausarbeit widmen. Zunächst wird Mitchells Theorie des "pictorial turn" dargelegt. Daran knüpfend werden Sprache und Bild als Koexistenten, Komplementäre und Rivalen dargelegt. Es folgt eine Diskussion der Frage, ob das Bild die Sprache ersetzen kann, und die kurze Illustration bislang vorgenommener Versuche. Im Anschluss werden ältere und aktuelle Fälle der Machtschöpfung durch Bilder, vornehmlich durch Fotografien, vorgestellt. Das Fazit bündelt Kerngedanken und fasst den Inhalt der vorangegangenen Kapitel zusammen.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Mitchells „pictorial turn“ – Theorie und immanente Probleme
2 Die bislang friedliche Koexistenz von Sprache und Bild
3 Mehr als tausend Worte? Sprache und Bild als Komplemente und Kontrahenten
4 Ist die Substitution der Sprache durch Bilder möglich?
5 Die Triade Bilder, Macht und Manipulation
5.1 Ein Exempel lügender Bilder: Stalins Bilderregime
5.2 Die Kontinuität der Bildmanipulationen in den Medien
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen des „pictorial turn“ und setzt sich kritisch mit der zunehmenden Macht und Manipulierbarkeit von Bildern in der modernen visuellen Kultur auseinander. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwiefern Bilder die Sprache substituieren können und welche Rolle diese bei der Machtausübung durch Manipulation spielen.
- Die theoretische Einordnung von William J. T. Mitchells „pictorial turn“
- Das Verhältnis von Sprache und Bild: Koexistenz, Komplementarität und Konkurrenz
- Die historische und mediale Praxis der Bildmanipulation
- Die kritische Reflexion über die Macht der Bilder in den Massenmedien
Auszug aus dem Buch
3 Mehr als tausend Worte? Sprache und Bild als Komplemente und Kontrahenten
„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ - der Volksmund hat im Sprichwort die scheinbare Dominanz des Bildes über das Wort als allgemeingültig gelten wollende Aussage festgelegt. Die Wissenschaft negiert dies nicht vollständig, denn Bilder leisten „[...] bestimmte, nicht durch Sprache ersetzbare ‚Beschreibungen‘.“ Exemplarisch zeigt dies die moderne Physik und die rechts befindliche Computergrafik.
Im Bilduntertext heißt es: „Die moderne Physik übersteigt die [sprachlich vermittel- und nachvollziehbare – M. P.] Vorstellung. Doch Bilder lassen ahnen, wie Gravitation den Raum krümmt.“ Doch nicht nur für die Visualisierung komplexer wissenschaftlicher Theorien eignen sich Bilder besser als Worte. Passbilder etwa dienen der Verifikation von Personen. Röntgen, Kernspintomographie und Kardio- und Elektroenzephalogramme ermöglichen in der Medizin eine konkrete Beschreibung des menschlichen Körpers und seines Zustands, die wörtlich so nicht realisierbar wäre. Und Piktogramme „[...] dienen einer übersichtlichen und schnellen Orientierung im öffentlichen Raum.“
Die Liste der Bereiche, in denen Bilder dem Wort überlegen sind, ließe sich fortsetzen. Wichtig ist jedoch der Gedanke, dass Bilder schnell sowohl simple als auch komplexe Informationen transferieren. Bildhafte Aussagen automatisch und „[...] in Bruchteilen von Sekunden und meist ohne Bewußtes, als zeitliches Nacheinander strukturiertes Erleben von Verstehensschritten“ zu rezipieren, ist ein ambivalenter Punkt starrer Bilder. So vorteilhaft es für den Betrachter ist, auf einen Blick etwas zu erfassen oder zu verstehen, so sehr bleibt der temporale Aspekt ausgeblendet.
An dieser Stelle zeigt sich der Vorteil der alphabetischen Sprache, die den einzelnen Buchstaben einen in der Sprache vorkommenden Laut eine nonsemantische Notation zuweist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Hinführung zum Thema der visuellen Kultur und Definition der zentralen Fragestellung bezüglich des „pictorial turn“.
1 Mitchells „pictorial turn“ – Theorie und immanente Probleme: Theoretische Auseinandersetzung mit der Wende vom Text hin zum Bild und den damit verbundenen Herausforderungen für die Wissenschaft.
2 Die bislang friedliche Koexistenz von Sprache und Bild: Historische Betrachtung der historischen Entwicklung und Zusammenarbeit von Text- und Bildelementen.
3 Mehr als tausend Worte? Sprache und Bild als Komplemente und Kontrahenten: Analyse der komplementären Stärken von Wort und Bild sowie deren Grenzen in der Informationsübermittlung.
4 Ist die Substitution der Sprache durch Bilder möglich?: Diskussion gescheiterter Versuche, eine universelle Bildsprache als Ersatz für verbale Sprache zu etablieren.
5 Die Triade Bilder, Macht und Manipulation: Eingehende Untersuchung der politischen Instrumentalisierung von Bildern zur Täuschung und Machtkonsolidierung.
5.1 Ein Exempel lügender Bilder: Stalins Bilderregime: Analyse der historischen Bildmanipulation im stalinistischen System.
5.2 Die Kontinuität der Bildmanipulationen in den Medien: Betrachtung heutiger Manipulationsmöglichkeiten durch digitale Bildbearbeitung in Massenmedien.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Macht der Bilder und Appell zu einem kritischen Medienumgang.
Schlüsselwörter
pictorial turn, visuelle Kultur, Bildmanipulation, Sprache und Bild, Medienkritik, Macht der Bilder, Ikonologie, Fotografie, digitale Bildbearbeitung, Semantik, Informationstransfer, Rezeption, Wirklichkeitskonstruktion, politische Instrumentalisierung, visuelle Wahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die zunehmende Bedeutung visueller Medien und deren Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Welt unter dem theoretischen Konzept des „pictorial turn“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören das Verhältnis zwischen Sprache und Bild, die historische Entwicklung von Bildsprachen und die kritische Untersuchung der Bildmanipulation durch politische Akteure und Medien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte untersuchen, ob Bilder die Sprache ersetzen können und wie das Spannungsfeld zwischen der Macht der Bilder und der Gefahr der Manipulation zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse sowie auf die kritische Auswertung historischer und aktueller Fallbeispiele der Bildmanipulation.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Theorie von W. J. T. Mitchell, der Koexistenz von Sprache und Bild, den gescheiterten Versuchen einer vollständigen Bildsubstitution sowie einer detaillierten Analyse von Bildmanipulationen, insbesondere im stalinistischen Kontext und in modernen Medien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind „pictorial turn“, Bildmanipulation, visuelle Kultur, Macht, Medienkritik und das Spannungsverhältnis zwischen Bild und Wort.
Wie wird das stalinistische „Bilderregime“ im Kontext der Arbeit bewertet?
Das stalinistische Regime wird als historisches Paradebeispiel dafür angeführt, wie Fotografien systematisch retuschiert wurden, um unliebsame politische Gegner aus dem Gedächtnis zu tilgen und Machtverhältnisse zu glorifizieren.
Welche Rolle spielen moderne Bildbearbeitungsprogramme wie Adobe Photoshop?
Die Arbeit hebt hervor, dass moderne Software das neue „Handwerkzeug“ für Manipulateure darstellt, da sie im Vergleich zu analogen Methoden wie Skalpell oder Pinsel eine wesentlich einfachere und unauffälligere Veränderung der Realität ermöglicht.
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- Maik Philipp (Author), 2002, Mehr als 1000 Worte - Die Emanzipation der Bilder: Mitchells pictoral turn, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9495