Diese Arbeit ist der Versuch einer Bestimmung des Begriffes ‚Fragment’ als ein allgegenwärtiger Faktor unseres Lebens, der – immer schon präsent – seinen Eingang in die Kunst als eigenständige ästhetische Kategorie erst Ende des 19. Jahrhunderts fand. Gleichzeitig soll analysiert werden, wie sich die Bedeutung des Begriffes Fragment unter bestimmten Bedingungen verändert und in welcher Form und Absicht, fragmentarische Strukturen Eingang in die Kunst als Präsentationsfläche kultureller und individueller Weltkonzepte fanden. Die Wahl einer zeitgenössischen Künstlerin zur beispielhaften Untersuchung der Form und Intention verwendeter fragmentarischer Strukturen, soll dabei der Auseinandersetzung mit dem Fragment als ästhetischem Mittel in der Gegenwart einen vorläufigen Endpunkt setzen. Das Werk der nordamerikanischen Künstlerin Nan Hoover trat dabei als interessanter Forschungsgegenstand hervor, da sie trotz der internationalen Tendenzen der Abstraktion, gegenständlichen Bildinhalten verhaftet blieb. Nicht nur ihre figurative Arbeitsweise, sondern ebenso ihr grenzüberschreitender Einsatz künstlerischer Medien, geben ihrem Werk eine Sonderstellung in der Nachkriegsmoderne.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Fragment
2.1 Der Begriff des Fragments
2.1.1 Textfragmente aus germanistischer Perspektive
2.1.2 Körperfragmente aus medizinischer Perspektive
2.1.3 Die Reliquie
2.2 Fragmentarische Wahrnehmungen
2.3 Das Fragment als ästhetische Kategorie nach einer Arbeit von Eberhard Ostermann
2.3.1 Die Idee der vollkommenen Ganzheit
2.3.2 Status einer verhinderten Ganzheit
2.3.3 Distanzierung von der idealistischen Ganzheitsidee
3 Perspektiven des Fragmentarischen in der Kunstgeschichte
3.1 Fragment als Ergebnis einer Zerstörung
3.1.1 Natürliche Vergänglichkeit der Dinge
3.1.2 Kriegerische Zerstörung und ihre Spuren
3.2 Die Schönheit des Fragmentes
3.3 Die Utopie der Totalität und ihre Auflösungstendenzen
3.4 Fragmentarische Strukturen der zeitgenössischen Medien Fotografie, Film und Video
3.4.1 Mediale Differenzen
3.4.2 Formen der Fragmentierung beim Aufnahmeprozess
3.4.3 Formen der Fragmentierung durch Nachbearbeitung
3.5 Zusammenfassung: Formen fragmentarischer Strukturen in der Kunst
4 Das künstlerische Werk Nan Hoovers
4.1 Biografie Nan Hoovers
4.2 Fragmentarische Strukturen im Werk Nan Hoovers
4.2.1 grafisches und malerisches Werk
4.2.2 Installation und Performance
4.2.3 fotografisches Werk und Video
4.3 Werkanalyse der Videoarbeit ‚Half Sleep’ (1984)
4.3.1 Erster Eindruck
4.3.2 Werkbeschreibung mit Blick auf fragmentarische Strukturen
4.3.3 Das Phänomen der Synästhesie in Bezug zum Werk
4.3.4 Das Motiv der Zeit im Werk
4.3.5 Das Motiv des Lichtes im Werk
4.4 Interpretation der Videoarbeit ‚Half Sleep’ in Bezug zur Grundannahme fragmentarischer Strukturen und ihrer Funktion im Werk Nan Hoovers
5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen des „Fragments“ als ästhetische Kategorie und analysiert dessen Manifestation im künstlerischen Werk von Nan Hoover, insbesondere anhand ihrer Videoarbeit „Half Sleep“. Die zentrale Forschungsfrage ist, ob fragmentarische Strukturen in Hoovers Werk präsent sind, welche spezifischen Formen diese annehmen und welche funktionale Bedeutung sie für die sinnlich-taktile Erfahrung der Kunstwerke haben.
- Begriffliche und kunsthistorische Herleitung des Fragments
- Fragmentarische Wahrnehmungsaspekte in modernen Medien
- Biografische Einflüsse auf Nan Hoovers künstlerisches Schaffen
- Analyse von Licht, Zeit und Bewegung als fragmentarische Gestaltungsmittel
- Die Videoarbeit „Half Sleep“ als Fallstudie für synästhetische Rezeption
Auszug aus dem Buch
4.3.2 WERKBESCHREIBUNG MIT BLICK AUF FRAGMENTARISCHE STRUKTUREN
Die Videoarbeit Half Sleep (siehe DVD) aus dem Jahr 1984 entsteht während der Zeit als Hoover in Amsterdam lebt. Die Künstlerin kann zu diesem Zeitpunkt bereits auf zehn Jahre Erfahrung mit dem Medium zurückschauen. Das insgesamt 16,5 Minuten lange Werk, wobei die Zeitangaben variieren, ist mit einem Makroobjektiv aufgenommen und wird in Zeitlupe abgespielt.
Zu sehen ist ein Ausschnitt des Gesichts der Künstlerin selbst. Das in orange rötlichem Ton gehaltene Bild weist einen starken Hell-Dunkelkontrast auf, der durch die Lichtinszenierung hervorgerufen wird. Auf dem Gesicht ist eine klare Trennlinie zwischen Licht und Schatten erkennbar, was darauf hin deutet, dass die Lichtquelle zur Hälfte abgedeckt wurde. Die so entstehende Linie, bricht sich an den Konturen des Gesichtes. Mit der langsamen Bewegung des Kopfes beginnt die Künstlerin die Form jener Linie zu variieren, so wie das Verhältnis der Schatten- und Lichtfläche zueinander. Durch die Makroaufnahme nimmt der Bildgegenstand fast die gesamte Bildfläche ein. Aufgrund der Intensität der Lichtquelle ist der Übergang von Bildhintergrund zu Bildvordergrund fließend. Eine räumliche Differenzierung in Vordergrund und Mittelgrund des Bildes ist nur im Bereich des Gesichtes durch die Modulierung der Schatten vorhanden. Der geringe Schärfebereich der Makrolinse lässt den vorderen und hinteren Teil des Bildes unscharf, diffus werden. Rückt die Künstlerin ihren Kopf näher an die Kamera, löst sich das Bild in reine Farbflächen auf und wird zu einem abstrakt malerischen Bild. Befindet sich das Gesicht hingegen genau im Fokus, werden durch die stark vergrößernde Wirkung des Objektivs einzelne Härchen und Poren der Haut sichtbar. Im Rahmen dieses minimalen Ausschnitts, entwickeln sich diese zu grafischen Elementen wie Linien und Punkten, die wiederum unter dem Einfluss der Bewegung ihre Erscheinung verändern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Fragment als allgegenwärtigen Faktor des Lebens und der Kunst und formuliert die zentrale Forschungsfrage zur Rolle fragmentarischer Strukturen im Werk von Nan Hoover.
2 Das Fragment: Dieses Kapitel klärt den Begriff des Fragments aus germanistischer, medizinischer und religiöser Perspektive und beleuchtet die ästhetischen Kategorien nach Eberhard Ostermann.
3 Perspektiven des Fragmentarischen in der Kunstgeschichte: Das Kapitel untersucht das Fragment in der Kunstgeschichte als Ergebnis von Zerstörung, als ästhetische Schönheit und in Bezug auf zeitgenössische Medien wie Fotografie, Film und Video.
4 Das künstlerische Werk Nan Hoovers: Dieser Hauptteil analysiert die Biografie und das Werk Nan Hoovers, mit einem Schwerpunkt auf der detaillierten Werkanalyse der Videoarbeit ‚Half Sleep’ hinsichtlich ihrer fragmentarischen Gestaltung.
5 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Ergebnisse der Arbeit und bestätigt die These, dass fragmentarische Strukturen als werkverbindende Ästhetik in Nan Hoovers Schaffen fungieren.
Schlüsselwörter
Fragment, Fragmentierung, Nan Hoover, Half Sleep, Ästhetik, Videokunst, Wahrnehmung, Taktilität, Synästhesie, Zeit, Licht, Bildausschnitt, Kunstgeschichte, Moderne, Ganzheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung und Verwendung des Begriffs „Fragment“ als ästhetisches Gestaltungsmittel in der Kunst, mit besonderem Fokus auf die Werke der nordamerikanischen Künstlerin Nan Hoover.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die kunsthistorische Herleitung des Fragments, die mediale Fragmentierung durch Fotografie und Film sowie die spezifische Anwendung dieser Strukturen in Nan Hoovers grafischen, installativen und videobasierten Arbeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Hypothese zu prüfen, dass fragmentarische Strukturen eine werkverbindende Ästhetik in Hoovers Schaffen bilden und als visuelles Mittel zur Erzeugung einer sinnlich-taktilen Erfahrung dienen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine kunsthistorische und philosophische Analyse, die theoretische Grundlagen des Fragmentbegriffs mit einer detaillierten Werkanalyse, insbesondere der Videoarbeit „Half Sleep“, verknüpft.
Welche Schwerpunkte liegen im Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende Begriffsklärung des Fragments, eine kunsthistorische Einordnung fragmentarischer Ansätze und eine tiefgehende Analyse der Arbeitsweise und spezifischer Werke von Nan Hoover.
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Fragmentarizität, die „Taktilität“ des Sehens, die Rolle des Lichts und der Zeit als Naturmotive sowie die mediale Auflösung von Identität und Ganzheit.
Wie beeinflusste Nan Hoovers Kindheit ihr künstlerisches Werk?
Die Arbeit verweist auf ihre isolierte Kindheit und ihre Legasthenie, die eine voyeuristische Beobachtungshaltung sowie den frühen Wunsch nach einer autonomen visuellen Ausdrucksweise förderten.
Warum spielt die Videoarbeit „Half Sleep“ eine zentrale Rolle?
„Half Sleep“ dient als Fallbeispiel, um zu demonstrieren, wie Hoover durch extreme Verlangsamung und gezielte Ausschnittwahl die Sehgewohnheiten des Betrachters bricht und eine synästhetische, taktile Wahrnehmungsebene provoziert.
Welche Bedeutung hat das Licht für Nan Hoovers Arbeiten?
Das Licht fungiert nicht nur als Medium zur Sichtbarmachung, sondern als eigenständiges Gestaltungsmittel, das durch Schattenbildung und Kontraste Gegenstände fragmentiert und den Betrachter zur Imagination anregt.
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- Susan Keßler (Author), 2008, Fragmentarische Strukturen im Werk Nan Hoovers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93716