Das mitunter einer Rivalität ähnelnde Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik ist Gegenstand
der Dialoge Gorgias und Phaidros. Im Gorgias wird das Verhältnis der beiden Schulen nicht von
Beginn an systematisch erörtert, sondern als Streitgespräch zwischen Platons Sokrates und den
Rhetoren Gorgias, Polos und Kallikles regelrecht ausgefochten. Die Besonderheit des Gorgias-
Dialoges ist also, dass das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik auf zwei Ebenen
behandelt wird; zum Einen auf einer theoretischen Ebene, in der Definitionen erarbeitet und
Schlüsse gezogen werden, zum Anderen auf einer praktischen Ebene, in der die Anwälte der
Rhetorik mit einem Philosophen streiten. Als Sieger der Auseinandersetzung geht die Philosophie
hervor: Keiner der Rhetoren kann der dialektischen Einsicht des Sokrates das Wasser reichen. Zum
Ende des Gorgias haben sowohl Polos als auch Gorgias und Kallikles keine andere Wahl, als sich
geschlagen aus dem Gespräch zurückzuziehen.
Im Phaidros wird ebenso wie im Gorgias als zentrales Thema
das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik behandelt, allerdings nicht im Sinne einer
kämpfenden Auseinandersetzung der beiden Richtungen, sondern vielmehr im Sinne einer
grundlegenden Positionsbestimmung.
Die Notwendigkeit dieser Positionsbestimmung besteht in der Tatsache, dass Philosophie sich in
ihrem Selbstverständnis zwar von der Rhetorik abgrenzen will, allerdings auch nicht vollkommen
ohne sie auskommt und deswegen den notwendigen Anteil der Rhetorik an ihr selbst eingrenzen
muss.
Ziel dieser Arbeit ist es, darzustellen, wie das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in den
Dialogen Gorgias und Phaidros aufgebaut und dargestellt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gorgias
2.1 Gorgias und Sokrates
2.2 Polos und Sokrates
2.3 Kallikles und Sokrates
3. Phaidros
3.1 Über Liebe, Seele und Mythos
3.1 Über die Rhetorik
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik, wie es in Platons Dialogen Gorgias und Phaidros dargestellt wird. Der Fokus liegt dabei auf der methodischen Abgrenzung der philosophischen Dialektik von der sophistischen Rhetorik sowie auf der Frage, welche Rolle Wahrheit, Seelenkenntnis und moralische Verantwortung bei der Ausübung der Redekunst spielen.
- Die kritische Auseinandersetzung zwischen Sokrates und den Rhetoren Gorgias, Polos und Kallikles im Gorgias-Dialog.
- Die systematische Entwicklung einer philosophischen Rhetorik im Phaidros-Dialog.
- Der Stellenwert der Dialektik als Werkzeug zur Erkenntnisgewinnung und Wahrheitsfindung.
- Die Rolle der Seelenkenntnis und der ethischen Ausrichtung für die "wahre" Redekunst.
- Der Kontrast zwischen dem bloßen "Scheinwissen" der Sophistik und dem philosophischen Streben nach der Wahrheit.
Auszug aus dem Buch
2.1 Gorgias und Sokrates
Einen Vorgeschmack auf die Niederlage der Rhetoren gegen den von Sokrates geführten philosophischen Logos liefert Polos, der auf die Frage, was denn die Redekunst sei, diese zum Auftakt des Gespräches als die „vortrefflichste[...] unter den Künsten“ bezeichnet, dabei den Sinn der Frage verkennend. Gorgias, der als Meister der Redekunst gilt, übernimmt das Gespräch mit Sokrates und betritt damit vor Polos und Kallikles als erster der Rhetoren den Ring in der Auseinandersetzung zwischen Rhetorik und Philosophie. Das Gespräch verläuft zunächst dihairetisch und die erste Definition der Rhetorik wird, nach einigen Verbesserungen, formuliert: Sie sei eine Kunst, die Glauben statt Wissen bei ihren Zuhörern produziert, aber im Hinblick auf Gerechtes und Ungerechtes keine Lehrfunktion hat.
S: Die Redekunst also, Gorgias, ist, wie es scheint, Meisterin in einer glaubenmachenden, nicht in einer belehrenden Überredung in Bezug auf Gerechtes und Ungerechtes?
G: Ja.
Zu Beginn des Gesprächs hatte Polos der Rhetorik mit einem kühnen Vorstoß eine Vormachtstellung eingeräumt und auch Gorgias gab an, dass sie sich mit den „wichtigsten[...] unter allen menschlichen Dingen, und den herrlichsten“ beschäftige. Der Unterschied zwischen diesen Äußerungen und der ersten Definition der Rhetorik gibt die Richtung vor, in die der Dialog von Sokrates gelenkt werden wird: Was die wichtigsten und herrlichsten unter allen menschlichen Dingen sind, gilt es herauszufinden. Den ersten Schritt zur Beschreibung des rhetorischen Selbstverständnisses unternimmt Gorgias, indem er seine Kunst als mächtig und einflussreich beschreibt, da sie unter dem Volk prinzipiell mehr Gehör findet als die Worte eines Sachverständigen, dessen Meinung dann trotz ihres höheren sachlichen Gewichtes nicht gehört wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert das angespannte Verhältnis zwischen der platonischen Philosophie und der sophistischen Rhetorik als zentrales Thema der Untersuchung.
2. Gorgias: In diesem Kapitel wird das Streitgespräch zwischen Sokrates und den Rhetoren Gorgias, Polos und Kallikles analysiert, das die Unzulänglichkeit der Rhetorik ohne ethische Fundierung aufzeigt.
2.1 Gorgias und Sokrates: Hier wird der Auftakt der Auseinandersetzung beleuchtet, in dem Sokrates die rhetorische Praxis als eine bloße Kunst der Überredung ohne Sachkenntnis entlarvt.
2.2 Polos und Sokrates: Dieser Abschnitt behandelt die Definition der Rhetorik als "Scheinkunst" und die Debatte um die Macht des Redners, die Sokrates durch die notwendige Erkenntnis des Guten relativiert.
2.3 Kallikles und Sokrates: Das Kapitel befasst sich mit der Konfrontation zwischen Naturrecht und Gesetz sowie der Widerlegung des Stärkekultes durch die sokratische Dialektik.
3. Phaidros: Hier wird die philosophische Rhetorik neu bewertet, wobei die Dialektik und die Seelenkenntnis als notwendige Bestandteile einer kunstvollen Rede identifiziert werden.
3.1 Über Liebe, Seele und Mythos: Analyse der Reden über den Eros, in denen die Liebe als Form des göttlichen Wahnsinns und als Medium der Selbsterkenntnis dargestellt wird.
3.1 Über die Rhetorik: Dieser Teil untersucht den Zusammenhang zwischen Redekunst, Wahrheit und der Kritik an der Schriftlichkeit im Kontext der philosophischen Methode.
4. Fazit: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die fundamentale Trennung zwischen der wahrheitsorientierten Philosophie und der scheinorientierten sophistischen Rhetorik.
Schlüsselwörter
Platon, Philosophie, Rhetorik, Sokrates, Dialektik, Gorgias, Phaidros, Wahrheitswissen, Seelenführung, Sophistik, Überredung, Selbsterkenntnis, Eros, Tugend, Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet Platons kritische Auseinandersetzung mit der Rhetorik in den Dialogen Gorgias und Phaidros und zeigt auf, wie Platon die Philosophie methodisch von sophistischen Praktiken abgrenzt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Natur der Rhetorik, der Stellenwert der Dialektik, die Rolle des Wissens im Gegensatz zum bloßen Glauben sowie die ethische Verantwortung des Redners.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in den genannten Dialogen aufgebaut ist und warum die philosophische Dialektik gegenüber der Rhetorik als überlegen dargestellt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologisch-philosophische Textanalyse, um die Argumentationsstrukturen der platonischen Dialoge zu dekonstruieren und die philosophischen Positionen des Sokrates herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Gorgias-Dialog (als Auseinandersetzung mit sophistischer Macht) und der Phaidros-Dialog (als Neubestimmung der Rhetorik durch Seelenkenntnis und Dialektik) detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Dialektik, Wahrheit, Seelenführung, sophistische Rhetorik und Erkenntnistheorie charakterisieren.
Warum hält Sokrates die Rhetorik im Gorgias für gefährlich?
Sokrates sieht in ihr eine Gefahr, weil sie ohne eigenes Wissen über das Gute und Schlechte Menschen zu Meinungen verführt, anstatt ihnen zur wahren Erkenntnis zu verhelfen.
Wie unterscheidet sich die Rhetorik im Phaidros von der im Gorgias?
Im Phaidros wird Rhetorik nicht mehr pauschal als Schmeichelei abgelehnt, sondern als Technik verstanden, die – sofern sie auf Dialektik und Seelenkenntnis basiert – einen legitimen Platz im Dienst der Philosophie einnehmen kann.
Welche Rolle spielt der "göttliche Wahnsinn" im Phaidros?
Der göttliche Wahnsinn dient als positive Kategorie, um die Liebe und andere Begeisterungen als Werkzeuge zu definieren, die den Menschen über das rein Materielle hinaus an die Welt der Ideen erinnern können.
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- Asmus Green (Author), 2008, Gorgias und Phaidros - Platons Stellung zur Rhetorik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92227