„(…) Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn am Ball. Er hat den Ball verloren, diesmal gegen Schäfer – Schäfer nach innen geflankt – Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Rahn schießt! – Tooor! Tooor! Tooor! Tooor! …“
… 3:2 für Deutschland im Fußball-Weltmeisterschaftsfinale 1954. Der krasse Außenseiter stand kurz vor der großen Sensation, der Sieg über die für unschlagbar gehaltenen Ungarn war zum Greifen nah. Nur noch sechs Minuten galt es zu überstehen. Radioreporter Herbert Zimmermann bekniete den Minutenzeiger schneller zu wandern, doch der leistete seinen Dienst „streng nach Vorschrift“. Noch einmal mussten die Deutschen eine Schrecksekunde überstehen, als der ungarische Star Ferenc Puskás den vermeintlichen Ausgleich erzielte. Aber Abseits, kein Tor! Wenig später pfiff der englische Schiedsrichter Ling die Partie ab – und Deutschland war Fußballweltmeister 1954.
In der Heimat feierten die Menschen den Erfolg ausgelassen. Das Ausmaß der Begeisterung sollten die Helden auf ihrer Rückreise erleben. Menschenaufläufe und frenetischer Jubel überall da, wo sie auftauchten. Weniger als zwanzig Jahre zuvor gerieten die Deutschen schon einmal angesichts sportlicher Erfolge in Ekstase. Damals verstand die politische Führung um Adolf Hitler, sich diese Triumphe zu Eigen zu machen. Dem Jubel über Max Schmelings Sieg über den für unbezwingbar gehaltenen „braunen Bomber“ Joe Louis (USA) am 19. Juni 1936 und dem guten Abschneiden der deutschen Olympioniken im gleichen Jahr haftete daher ein „… über alles in der Welt “-Beigeschmack an.
Wie aber ist der Jubel von 1954 einzuordnen? Kehrte mit der Freude über den WM-Gewinn der deutsche Chauvinismus zurück - eine Renaissance nationalsozialistischer Ideale? Oder hatten sich bereits neun Jahre nach Kriegsende demokratische Strukturen etabliert?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Fragestellung
2. Die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit bis 1954
2.1. Die Nachkriegsgesellschaft
2.2. Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
2.3. Die Situation im Sport
2.4. Die Neugründung des DFB
3. Der lange Weg zur Weltmeisterschaft 1954
3.1. Sepp Herberger und Fritz Walter: „Der Chef und sein Vasall“
3.2. Der Weg zum „3:2“
3.3. Der Geist von Spiez
3.4. Die Spiele
3.5. Das Finale
4. Begeisterung nach dem Finale
4.1. Triumphale Heimkehr der Weltmeister
4.2. Jubel in der nationalen Presse
4.3. Internationale Anerkennung: Reaktionen der ausländischen Presse
5. Nationale Töne und die Reaktionen
5.1. Misstöne nach dem Finale
5.2. „Gutes Kicken“ und „gute Politik“ - Reaktionen der Politiker
5.3. Reaktionen der Presse
5.4. Reaktionen der Bevölkerung
6. Die DDR und das Wunder von Bern
7. Der Mythos vom „Wunder von Bern“
7.1. Die Entwicklung des Mythos
8. Wir sind wieder wer
9. Rezeption des „Wunders von Bern“
10. Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Hausarbeit untersucht die gesellschaftliche und mediale Bedeutung des Fußball-Weltmeisterschaftssieges von 1954 („Wunder von Bern“) für die Bundesrepublik Deutschland der 1950er Jahre und analysiert, wie dieser Erfolg zur Identitätsbildung und zur Etablierung des „Wir sind wieder wer“-Gefühls beitrug.
- Analyse der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft und der Vergangenheitsbewältigung.
- Untersuchung der medialen Verarbeitung und Mythisierung des WM-Erfolges.
- Bewertung der Rolle des Fußballs in der DDR und der Rezeption im Ausland.
- Diskussion des Einflusses politischer Akteure auf den sportlichen Erfolg.
- Kritische Einordnung des „Wunder von Bern“-Mythos im historischen Kontext.
Auszug aus dem Buch
3.1. Sepp Herberger und Fritz Walter: „Der Chef und sein Vasall“
„Der Ball ist rund“, „der nächste Gegner ist immer der schwerste“ oder „ein Spiel dauert 90 Minuten“ – nur ein kurzer Einblick ins Repertoire Herbergers „Fußballweisheiten“. Für die Redakteure der ARD ist er der Vater des WM-Triumphes von Bern: „Seine taktischen Schachzüge, seine akribische Vorbereitung sowie sein Einfühlungsvermögen haben die ‚Helden von Bern’ erst dazu befähigt, ins Finale vorzustoßen und dort die übermächtigen Ungarn zu besiegen.“
Seit 1936 war Herberger für die Geschicke der deutschen Nationalkicker verantwortlich. Das peinliche Ausscheiden aus dem olympischen Fußballturnier 1936 brachte ihn zu Amt und Würden. Hitler soll nach dem Spiel gegen Norwegen auf der Tribüne gepoltert haben, er hätte doch besser zum Ruderwettbewerb gehen sollen. Wie so oft im Fußball, musste im Anschluss an den sportlichen Misserfolg der Trainer „seinen Hut nehmen“. Für Otto Nerz übernahm dessen Assistent Josef „Sepp“ Herberger die sportliche Leitung des Teams. Doch auch der Neue brachte nicht den erwünschten Erfolg. Nur, es war nicht mehr weiter tragisch: Die Nazis hatten das Interesse am Sport mit dem Lederball verloren. Zu unberechenbar - so das Urteil.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Fragestellung: Diese Einführung legt die Forschungsfrage dar, wie der WM-Sieg von 1954 die deutsche Gesellschaft beeinflusste und ob er als Renaissance nationalsozialistischer Ideale oder als Zeichen demokratischer Etablierung zu werten ist.
2. Die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit bis 1954: Das Kapitel schildert die schwierige soziale Lage in der Nachkriegszeit, die Verdrängung der Vergangenheit sowie die langsame Etablierung der neuen demokratischen Strukturen und den beginnenden sportlichen Wiederaufbau.
3. Der lange Weg zur Weltmeisterschaft 1954: Es werden der Aufbau der Nationalmannschaft, das Verhältnis zwischen Sepp Herberger und Fritz Walter sowie der sportliche Verlauf des Turniers bis zum Finale thematisiert.
4. Begeisterung nach dem Finale: Hier wird die euphorische Reaktion der Bevölkerung und der Medien auf den Weltmeistertitel sowie die Art der medialen Berichterstattung analysiert.
5. Nationale Töne und die Reaktionen: Dieses Kapitel behandelt die kritische Aufnahme nationaler Gesten, wie das Singen der ersten Strophe der Hymne und die Rhetorik von DFB-Präsident Bauwens, sowie die diplomatische Einordnung durch die Bundesregierung.
6. Die DDR und das Wunder von Bern: Der Abschnitt analysiert das ideologische Dilemma der DDR-Führung zwischen der Anerkennung sportlicher Erfolge und der Abgrenzung gegenüber dem „kapitalistischen Westen“.
7. Der Mythos vom „Wunder von Bern“: Die Entwicklung des sportlichen Ereignisses zum nationalen Mythos über die Jahrzehnte hinweg wird hier beleuchtet.
8. Wir sind wieder wer: Dieses Kapitel verknüpft das sportliche Ereignis mit der Identitätsbildung der Bundesbürger und der Suche nach neuem Selbstbewusstsein.
9. Rezeption des „Wunders von Bern“: Hier werden die kontroversen wissenschaftlichen und publizistischen Positionen zur Bewertung des WM-Sieges dargestellt.
10. Resümee: Die Arbeit zieht das Fazit, dass das „Wunder von Bern“ primär ein Symbol für einen Neuanfang und einen Grund zur Freude darstellte, weniger eine Rückkehr zum Nationalismus.
Schlüsselwörter
Wunder von Bern, Fußball-Weltmeisterschaft 1954, Sepp Herberger, Fritz Walter, Nachkriegszeit, Deutsche Gesellschaft, Identitätsbildung, Sport und Politik, Vergangenheitsbewältigung, Wirtschaftswunder, Bundesrepublik Deutschland, DDR, Nationalmythos, Mediale Rezeption, Demokratisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Einfluss des Fußball-Weltmeisterschaftssieges von 1954 auf die deutsche Gesellschaft der 1950er Jahre und untersucht, ob dieser sportliche Erfolg zur Etablierung eines neuen nationalen Selbstbewusstseins beitrug.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit deckt die Situation in der Nachkriegsgesellschaft, die Rolle des DFB, die mediale und politische Verarbeitung des Triumphs, die Haltung der DDR sowie die langfristige Mythisierung des Ereignisses ab.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, wie der Sieg in Bern medial und gesellschaftlich verarbeitet wurde und ob er eine Renaissance nationalsozialistischer Ideale begünstigte oder das Ankommen in der jungen Demokratie widerspiegelte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine tiefgehende Analyse von zeitgenössischen Presseberichten, offiziellen Reden, statistischen Daten des Allensbach-Instituts und der Fachliteratur zur Sportgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der deutschen Nachkriegsgesellschaft, den sportlichen Weg zur WM, die Reaktionen von Politik und Presse auf nationale Töne nach dem Sieg sowie die spezifische Wahrnehmung in der DDR.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „Wunder von Bern“, Vergangenheitsbewältigung, Identitätsbildung, „Wir sind wieder wer“, Mediale Rezeption und Sportgeschichte.
Wie reagierte die Politik auf den WM-Erfolg?
Politiker wie Theodor Heuss und Gerhard Schröder bemühten sich, den Jubel in politisch korrekte Bahnen zu lenken, um diplomatische Beziehungen, etwa zur EVG, nicht zu gefährden, während sie sich gleichzeitig vom anachronistischen Auftreten des DFB-Präsidenten Bauwens distanzierten.
Wie wurde der Sieg von der DDR-Führung bewertet?
Die DDR-Führung befand sich in einem Dilemma: Sie wollte den sportlichen Erfolg der deutschen Spieler anerkennen, wertete das Ereignis jedoch ideologisch um, indem sie den Sieg als politisches Propagandainstrument der Bonner Regierung diskreditierte.
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- Thomas Müller (Author), 2007, Wir sind wieder wer! "Das Wunder von Bern“ und seine Wirkung auf die deutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92179