Diese Arbeit versucht, die Konzeption, die Entwicklung und die Umsetzung der bolschewistischen Nationalitätenpolitik in dem Jahrzehnt nach der russischen Revolution allgemein zu erfassen und ihre wesentlichen Prinzipien und Strukturen herauszuarbeiten. Unter der Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion versteht man grundsätzlich das
Verhältnis zwischen den Russen und den nichtrussischen Völkern an der Peripherie des
Vielvölkerstaates. Nachfolgend wird ein Zeitrahmen behandelt werden, der sich etwa
vom Ausbruch des 1. Weltkrieges bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges erstreckt.
Allerdings würde eine umfassende Behandlung der sowjetischen Nationalitätenpolitik
für den gesamten erwähnten Zeitraum jeden Rahmen sprengen, weshalb der Fokus im
Wesentlichen auf den 1920er Jahren liegen wird. Dabei versucht diese Arbeit einerseits
die Konzeption, die Entwicklung und die Umsetzung der bolschewistischen
Nationalitätenpolitik in dem Jahrzehnt nach der russischen Revolution allgemein zu
erfassen und ihre wesentlichen Prinzipien und Strukturen herauszuarbeiten. Des
Weiteren wird auch versucht, die so gewonnenen Schlussfolgerungen anhand konkreter
Beispiele zu untermauern und zu erläutern.
Auf den Weltkrieg folgte der gewaltsame Übergang vom Zarismus zum Sozialismus,
der sich in einem zermürbenden Bürgerkrieg entlud. Welche Köpfe bestimmten über die
blutige Geburt jener Grossmacht die das 20. Jahrhundert mitprägen sollte? Welche
Ideen und Ziele trieben diese Menschen an? Und vor allem: Hatten sie Erfolg? Würde
ihnen die Geschichte Recht geben?
Nachfolgend wird versucht die Nationalitätenpolitik der 20er Jahre und ihre
Auswirkungen nachzuzeichnen. Von welchen Leitsätzen, Prinzipien und Strukturen sie
bestimmt wurde, welche Absichten sie verfolgte. Die folgende Arbeit wird sich
punktuell zuspitzen – die Darstellung der Nationalitätenpolitik wird zusehends
thematisch, räumlich und zeitlich eingegrenzt werden und anhand ganz konkreter
Fallbeispiele erläutert werden.
Welche Schwerpunkte setzten die damaligen Eliten? Vermochten sie ihre Ziele zu
erreichen? Waren die Politik und ihre Errungenschaften Fluch oder Segen für die
Menschen? Was war von Dauer? Und wie lässt sich aus heutiger Sicht diese Zeit in den
gesamthistorischen Kontext eingliedern und beurteilen?
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Lenins vorrevolutionäre Nationalitätenpolitik
- Nationalitätenpolitik zwischen Revolution und Bürgerkrieg
- Die Revolution
- Nach der Revolution
- Konflikt zwischen Lenin und Stalin
- Die Nationalitätenpolitik der 1920er Jahre: „Einwurzelung“
- Die Ukraine
- Nationales Proletariat
- Nationale Parteistrukturen
- Nationale Sprachen
- Nationales Bildungswesen
- Rayons
- Die Nationalitätenpolitik nach 1930: Repression
- Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit befasst sich mit der Nationalitätenpolitik der Sowjetunion zwischen 1914 und 1939 und untersucht die Entwicklung und Umsetzung der bolschewistischen Nationalitätenpolitik in den 1920er Jahren. Sie analysiert die Konzeption, die wichtigsten Prinzipien und Strukturen sowie konkrete Beispiele für die Umsetzung dieser Politik.
- Die Entwicklung der bolschewistischen Nationalitätenpolitik von den vorrevolutionären Ideen Lenins bis zu den Repressionen nach 1930.
- Die Rolle der „Einwurzelung“ und der Integration nichtrussischer Völker in das Sowjetreich.
- Der Konflikt zwischen den Ideen der Selbstbestimmung und der zentralen Kontrolle.
- Die Bedeutung der nationalen Frage im Kontext der russischen Revolution und des Bürgerkriegs.
- Die Auswirkungen der Nationalitätenpolitik auf die verschiedenen Völkergruppen der Sowjetunion.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt das Thema der Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion vor und setzt den Fokus auf die 1920er Jahre. Kapitel 2 widmet sich Lenins vorrevolutionären Ansichten zur Nationalitätenfrage, die eine internationale proletarische Revolution als primäres Ziel sahen. Kapitel 3 beleuchtet die Entwicklung der Nationalitätenpolitik während der Revolution und des Bürgerkriegs, die von der Notwendigkeit des Zusammenhalts des Vielvölkerstaates geprägt war.
Kapitel 4 thematisiert die "Einwurzelung" der nichtrussischen Völker in der Sowjetunion in den 1920er Jahren. Es untersucht verschiedene Aspekte wie die Rolle der Ukraine, die Förderung eines nationalen Proletariats, die Bildung von nationalen Parteistrukturen, die Entwicklung nationaler Bildungssysteme und die Einführung von Rayons. Kapitel 5 behandelt die Repressionen der Nationalitätenpolitik nach 1930.
Schlüsselwörter
Nationalitätenpolitik, Sowjetunion, Lenin, Stalin, Revolution, Bürgerkrieg, Einwurzelung, Repression, Selbstbestimmung, Nationalismus, Proletariat, Ukraine, Bildungswesen, Rayons.
Häufig gestellte Fragen
Was versteht man unter der Nationalitätenpolitik der Sowjetunion?
Darunter versteht man grundsätzlich das Verhältnis zwischen den Russen und den nichtrussischen Völkern an der Peripherie des sowjetischen Vielvölkerstaates.
Was war das Prinzip der „Einwurzelung“ (Korenisacija) in den 1920er Jahren?
Dies war eine Strategie zur Integration nichtrussischer Völker durch die Förderung ihrer eigenen Sprachen, Kulturen und nationalen Eliten innerhalb der sozialistischen Strukturen.
Wie unterschieden sich die Ansichten von Lenin und Stalin zur Nationalitätenfrage?
Während Lenin stärker auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker setzte, um sie für die Revolution zu gewinnen, tendierte Stalin zu einer stärkeren zentralistischen Kontrolle und Misstrauen gegenüber nationalen Eigenheiten.
Welche Rolle spielte die Ukraine in der sowjetischen Nationalitätenpolitik?
Die Ukraine dient als zentrales Fallbeispiel für die Umsetzung der „Einwurzelung“, insbesondere durch die Förderung der ukrainischen Sprache im Bildungswesen und in den Parteistrukturen der 1920er Jahre.
Was änderte sich in der Nationalitätenpolitik nach 1930?
Ab 1930 schlug die Politik der Förderung in eine Phase der Repression um. Nationale Eliten wurden verfolgt und die Politik der Russifizierung nahm wieder zu.
Was waren die sogenannten „Rayons“?
Rayons waren Verwaltungseinheiten, die oft auf ethnischer Basis geschaffen wurden, um kleineren Nationalitäten eine gewisse administrative und kulturelle Eigenständigkeit zu ermöglichen.
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- David Venetz (Author), 2006, Nationalitätenpolitik der Sowjetunion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90160