Nach der Wende zum 20. Jh. ist das wirklich Neue der
veränderte Anspruch von Musikproduzenten, sich nicht mehr nur als Stilfrage in der Gattungsgeschichte zu formieren, sondern die Frage nach der Möglichkeit überhaupt noch ´sinnvoller´, tonaler Komposition zu stellen.
Neue Musik, dass kann auch nicht nur Zwölftonmusik beinhalten. Vielmehr muss dieses Kompositionsverfahren als der entscheidende Schritt betrachtet werden, auf die harmonische
Modulation zu verzichten, und statt dessen, auch in selbstbereiteten Zwängen, auf den gesamten
Tonvorrat zugreifen zu können (so paradox sich das auch anhören mag). Ich sehe in der
Schönbergschen Entwicklung ausschließlich den radikalen Bruch, einen entschiedenen
Neubeginn – dabei stellt Musik sich nicht mehr als Gattung und damit an die Geschichte
gebunden dar, sondern stellt jetzt das Material an seinen besonderen Zweck gebunden zur
Verfügung.
Die eher kultur- als musikwissenschaftliche Frage dieser Hausarbeit ist, warum es überhaupt Neue Musik gibt, und warum sie nicht den Sprung, außerhalb der kleinen Expertenkultur, in den allgemeinen Kunstdistributionsapparat schaffte (wie etwa moderne
Malerei), und wenn sie doch Spuren und Einschnitte hinterließ, wo sie dies tat und mit welchen Ansätzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Revolte der Musik ?
3. Wege Neuer Musik – im Film
4. Wege Neuer Musik – nach dem Krieg
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die gesellschaftliche Rezeption der sogenannten „Neuen Musik“ seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es zu analysieren, warum diese Musikrichtung trotz ihres innovativen Charakters den Sprung in den breiten gesellschaftlichen Kunstdistributionsapparat nur schwer vollziehen konnte und welche Rolle sie in spezifischen Feldern wie dem Film oder der Nachkriegsavantgarde einnahm.
- Die Entwicklung der Zwölftontechnik und der Bruch mit der Tradition.
- Die funktionale Rolle Neuer Musik im Medium Film.
- Die Auswirkungen von NS-Kulturpolitik und Exil auf die musikalische Moderne.
- Die ästhetische und soziologische Distanz zwischen avantgardistischer Komposition und Hörgewohnheiten.
Auszug aus dem Buch
3. Wege Neuer Musik – im Film
Den auffälligsten, weil in seiner Allgegenwart am ehesten verinnerlichten Weg, beschritt Neue Musik innerhalb der Komposition für den Film. Also dort, wo man sie vielleicht am wenigsten vermuten würde. Fälschlicherweise denkt man dabei zunächst an die wirkungsvoll zur Schau gestellten Dissonanzen in Horrorfilmen oder Psychothrillern. Diese Wirkung beruht aber einzig auf dem schnellen Effekt, auf der Herabsetzung der Musik zu einem handlungstreibenden Moment, der eine Spannung vorantreibt und unterstreicht. Nichts aber ist besser geeignet als die freie Atonalität (im freiesten Sinne), und später auch das gänzlich stufenlose Komponieren mittels neuer Kompositionsverfahren und auch Techniken wie z.B. dem Theremin oder dem Syntheziser, der Filmmusik eine autonome Rolle zukommen zu lassen. In diesem Sinne kann sie kraft ihres Ausdruckspotentials etwas sehr eigenes in dem Film erzählen. Die Sprache der Musik ist geeignet, eine Assoziation oder Spannung, die vorher noch unkenntlich war, zu artikulieren; etwa einen psychischen Moment, der der im Kino ökonomisierten Bildsprache auf immerdar verborgen bleiben wird, hervorzubringen,. Sie kann eine Wende implizieren, oder der Bedeutungsschwere klassischer Bildmuster eine Interpretation entgegenstellen, die einzig aus den Möglichkeiten der ´Klanggestaltung´ erzählbar wird.
„Die dramaturgische Funktion der Begleitmusik kann unter Umständen gerade darin bestehen, die Oberfläche der nüchternen Bildsachlichkeit zu durchbrechen und latente Spannungen freizusetzen. Sachliche Filmmusik komponieren, heißt [...] bewußt aus der Sache heraus die musikalische Haltung einnehmen, die notwendig ist, anstatt von musikalischen Klischees oder Affekten sich treiben zu lassen. Das musikalische Material muß für die jeweils gesetzten dramaturgischen Aufgaben exakt beherrschbar werden.“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Terminus „Neue Musik“ als logische Fortentwicklung des Materials und verortet sie im Kontext der historischen Avantgarde und des Expressionismus.
2. Revolte der Musik ?: Dieses Kapitel untersucht die Einführung der Zwölftontechnik und deren radikalen Bruch mit traditionellen Hörkonventionen sowie die provokante Wirkung avantgardistischer Kunst.
3. Wege Neuer Musik – im Film: Hier wird analysiert, wie Neue Musik als autonomes Ausdrucksmittel in der Filmmusik genutzt wird, um psychologische Momente und Spannungen jenseits klassischer Klischees zu artikulieren.
4. Wege Neuer Musik – nach dem Krieg: Das Kapitel beleuchtet den ästhetischen Neuanfang nach 1945, die Verarbeitung der NS-Vergangenheit und den Einfluss von Institutionen wie den Darmstädter Ferienkursen auf die serielle Musik.
5. Resümee: Das Resümee zieht eine Bilanz über die Entwicklung von der Zwölftonmusik zur elektronischen Musik und reflektiert deren anhaltende Bedeutung für unser heutiges Materialverständnis.
Schlüsselwörter
Neue Musik, Zwölftontechnik, Arnold Schönberg, Filmmusik, Avantgarde, Atonalität, Materialentwicklung, Darmstädter Ferienkurse, Musikkritik, Theodor W. Adorno, Moderne, Kunstsoziologie, Expressionismus, Experimentelle Musik, Kompositionstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung, der ästhetischen Beschaffenheit und der gesellschaftlichen Rezeption der Neuen Musik seit dem frühen 20. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind der radikale Bruch mit der Tonalität durch die Wiener Schule, die Funktion von Musik im Medium Film sowie die Entwicklung der Musik im Spannungsfeld von Politik und Avantgarde nach 1945.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Die Untersuchung zielt darauf ab zu ergründen, warum Neue Musik den Sprung in den allgemeinen öffentlichen Kulturbetrieb nur schwer schaffte und welche Rolle sie als Erkenntnisinstrument moderner Kunst spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kultur- und musikwissenschaftliche Analyse, die primär auf musiktheoretischen Ansätzen und philosophischen Diskursen (u.a. Adorno) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der musikalischen Revolte, die spezifische Rolle der Musik in der Filmmusik und die Entwicklung der Musik nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Zwölftontechnik, Atonalität, materiale Eigenreflexion, Avantgarde und das Spannungsverhältnis zwischen Komponist und Publikum.
Warum wird die Filmmusik als ein „Weg“ der Neuen Musik hervorgehoben?
Der Autor argumentiert, dass Filmmusik durch den Zwang zur Bildverkürzung und die Notwendigkeit, psychische Zustände darzustellen, musikalische Mittel der Moderne besonders erfolgreich integriert hat.
In welchem Zusammenhang steht die „Stunde Null“ mit der Neuen Musik nach 1945?
Die Arbeit hinterfragt, ob nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich eine „Stunde Null“ eintrat und zeigt auf, dass junge Komponisten durch neue Strukturen wie die Darmstädter Ferienkurse einen radikalen Neuanfang fernab der verpönten Romantik suchten.
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- Bachelor of Arts Ron Scheer (Author), 2005, Wege 'neuer Musik' - Zur Verbreitung neuer musikalischer Formen und Stile, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89256