Seit der Zeit der Kirchenväter wird der Zusammenhang zwischen Altem und Neuem
Testament als Verhältnis von Verheißung und Erfüllung ausgelegt. Das Geschehen von
Ereignissen und das Auftreten von Personen des NT sollen demnach bereits im AT
angekündigt worden sein. Die Verheißung wird in der christlichen Terminologie mit Typus bezeichnet, die Erfüllung des Angekündigten mit Antitypus. So ist z. B. Adam der Typus Christi: Adam hatte Teil am Sündenfall und am Ausgestoßenwerden aus dem Paradies; Christus ist dann insofern der Antitypus des Adam dessen Leben die Geburt Christi verheißen soll und mit ihm die Erlösung von der menschlichen Erbsünde. Diese Form der Bibelexegese wird als typologische Interpretation oder auch als Figuraldeutung bezeichnet.
Die figura als Auslegungsverfahren nimmt zwar ihren Ursprung in der Bibelausdeutung, ist aber nicht auf sie beschränkt. Gerade im Mittelalter prägte sie die Denkweise der Menschen. Und so ist sie auch in der profanen mittelalterlichen Literatur anzutreffen. Diese Arbeit untersucht die halbbiblische Verwendung der figura am Beispiel eines Philippspruches Walthers von der Vogelweide.
In Kapitel 2 soll zunächst die figura exakt bestimmt und ein anschließender Umriss ihrer
Verwendungsweise gegeben werden (2.2). Dazu findet sich in 2.1 eine kurze etymologische Geschichte des Wortes figura sowie seines Bedeutungswandels hin zum Gegenstand christlich-mittelalterlicher Weltdeutung.
Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Textmaterial und gibt eine geschichtliche Einführung, die die das ausgewählte Gedicht umrankenden historischen Hintergründe darstellt (3.1). Im zweiten Teil des dritten Kapitels schließlich wird das Gedicht interpretiert und aufgezeigt wie es sich durch den typologischen Zusammenhang mit immenser Wirkungskraft speist.
Im Anhang finden sich das Originalgedicht und eine Übersetzung. Auerbach zeichnet den etymologischen Werdegang des Begriffes figura in seinem gleichnamigen Aufsatz von 1967 nach. Erstmals zu finden ist figura (vom gleichen Stamm wie fingere, figulus, fictor, effigies) bei Terenz. Dieser wie andere Schreiber der Antike nutzte den Begriff ursprünglich zur Bezeichnung von geometrischen Formen verschiedenster Art, später dehnte er sich auch auf akustische und grammatische Formen aus. Jedoch verengte sich die Bedeutung von figura schon bald auf die komplementärantonymische Bezeichnung zu forma´Gussform` als dem plastischen Gebilde, das aus der Form hervorgeht.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Figura
- Figura als heidnischer und als christlicher Begriff
- Die Gestalt der figura
- Die Philippsprüche Walthers von der Vogelweide
- Geschichtliche Hintergründe
- Der Investiturstreit
- Die doppelte Königswahl
- Ez gienc, eins tages als unser herre wart geborn
- Geschichtliche Hintergründe
- Schluss
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der halbbiblischen Verwendung der figura im Kontext eines Philippspruches Walthers von der Vogelweide. Sie analysiert die figura als Auslegungsverfahren, das ihren Ursprung in der Bibelausdeutung hat und im Mittelalter die Denkweise der Menschen prägte.
- Etymologie und Bedeutungswandel des Begriffs "figura"
- Typologische Interpretation als Auslegungsverfahren
- Geschichtliche Hintergründe des ausgewählten Gedichts
- Interpretation des Gedichts im Hinblick auf den typologischen Zusammenhang
- Die Wirkungskraft der figura in der profanen Literatur
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung
Die Einleitung stellt die typologische Interpretation als Verhältnis von Verheißung und Erfüllung zwischen Altem und Neuem Testament vor. Sie erklärt das Konzept von Typus und Antitypus und führt die figura als Auslegungsverfahren ein. Die Arbeit untersucht die Verwendung der figura in einem Philippspruch Walthers von der Vogelweide.
Figura
Kapitel 2 widmet sich der Definition und Verwendung der figura. Der etymologische Werdegang des Begriffs "figura" wird nachgezeichnet, von seinen ursprünglichen Bedeutungen in der Antike bis hin zu seiner Bedeutung in der christlichen Weltdeutung. Der Abschnitt 2.1 beleuchtet die figura im heidnischen und christlichen Kontext, während Abschnitt 2.2 die Gestalt der figura als Abbildungsverhältnis in der Bibelausdeutung beschreibt und sie mit anderen abbildenden Verfahren wie Metapher, Vergleich und Allegorie vergleicht.
Die Philippsprüche Walthers von der Vogelweide
Kapitel 3 analysiert das ausgewählte Gedicht im Kontext seiner historischen Hintergründe. Der Abschnitt 3.1 beleuchtet den Investiturstreit und die doppelte Königswahl, die den historischen Rahmen des Gedichts bilden. Der Abschnitt 3.2 interpretiert das Gedicht "Ez gienc, eins tages als unser herre wart geborn" und zeigt auf, wie es sich durch den typologischen Zusammenhang mit immenser Wirkungskraft speist.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit den Themen: Typologische Interpretation, Figuraldeutung, Bibelauslegung, Mittelalter, Philippspruch, Walther von der Vogelweide, Geschichte, Literatur, Versteckte Anspielung, Heilsgeschichte, Christus, Adam, Antitypus, Typus, Verheißung, Erfüllung.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet „Figuraldeutung“ (figura)?
Es ist ein Auslegungsverfahren, bei dem Ereignisse des Alten Testaments als „Verheißung“ (Typus) und solche des Neuen Testaments als „Erfüllung“ (Antitypus) gesehen werden.
Wie findet die figura Anwendung in der profanen Literatur?
Mittelalterliche Dichter wie Walther von der Vogelweide nutzten dieses geistliche Prinzip, um weltlichen Herrschern oder Ereignissen eine heilsgeschichtliche Bedeutung zu verleihen.
Worum geht es in Walthers Philippspruch „Ez gienc, eins tages...“?
Das Gedicht thematisiert die politische Situation während der doppelten Königswahl und nutzt biblische Analogien, um die Legitimität eines Herrschers zu stützen.
Was ist der Unterschied zwischen figura und Allegorie?
Während die Allegorie oft abstrakte Begriffe personifiziert, bewahrt die figura die historische Realität beider Ereignisse, die durch eine göttliche Vorsehung verknüpft sind.
Welchen historischen Hintergrund hat das untersuchte Gedicht?
Der Kontext ist der Investiturstreit und die Machtkämpfe im Heiligen Römischen Reich um das Jahr 1200.
Warum ist Adam ein „Typus Christi“?
Adam steht für den Sündenfall der Menschheit, während Christus als „neuer Adam“ die Erlösung bringt – das Leben des einen verheißt die Bedeutung des anderen.
- Quote paper
- Michael Bradley (Author), 2006, Zur figuralen Verwendung biblischer Motive in der profanen Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88620