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Funktion und Bedeutung der Verweisungen auf transzendente Mächte in "Das Erdbeben in Chili"

Title: Funktion und Bedeutung der Verweisungen auf transzendente Mächte in "Das Erdbeben in Chili"

Term Paper (Advanced seminar) , 2008 , 36 Pages , Grade: 2,7

Autor:in: Iris Lilian Funk (Author)

German Studies - Modern German Literature
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1. Einleitung
Als transzendent bezeichnet man etwas, dass die Grenzen der Erfahrung der sinnlich wahrnehmbaren und physikalisch erklärbaren Welt überschreitet, nicht mehr zum Diesseits zu rechnen ist. Kleists wahrscheinlich 1806 in Königsberg entstandene Novelle „Das Erdbeben in Chili“ fand ihre historische Vorlage für einen Schauplatz in dem Erdbeben, das 1647 in der Nacht vom 13. zum 14. Mai die chilenische Hauptstadt Santiago de Chile fast vollständig zerstörte. Den Zeitgenossen des im preußischen Frankfurt an der Oder geborenen und aufgewachsenen Kleists kam beim Begriff „Erdbeben“ sicherlich eher das große Erdbeben von Lissabon aus dem Jahr 1755 in den Sinn, das die Menschen in ganz Europa in Schrecken versetzte und eine Theodizeediskussion unter den bedeutendsten Intellektuellen dieser Epoche entfachte. Die philosophische Richtung des Optimismus, die in der Aufklärung den Ton angab, begründete zu Beginn des 18. Jahrhunderts vor allem der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, der (bei einem entpersonalisierten Gottesbegriff) die Theorie vertrat, die bestehende Welt sei die beste aller möglichen Welten. Das Erdbeben von 1755, das in seinen Ausläufern noch in fast ganz Europa wahrnehmbar war, forderte viele Menschenleben und zerstörte die Hauptstadt des Königreichs Portugal fast vollständig. Die Ereignisse veranlassten den französischen Philosophen Voltaire an der von Leibniz begründeten Theorie zu zweifeln. Voltaire wurde mit seinem 1756 erschienenen Gedicht „Poème sur la désastre de Lisbonne“ und dem 1759 veröffentlichten satirischen Roman „Candide“ zum Hauptvertreter der philosophischen Richtung der Optimismuskritik, die zwar am Gottesglauben festhielt, jedoch einen göttlichen Plan hinter dem Übel in der Welt bezweifelte. Kleist scheint in der „Erdbeben“-Novelle eine eigene Antwort auf die „Theodizee-Fragestellung“ zu gewinnen zu suchen, vielleicht zumal Kant allgemein dazu angeregt hatte, das Ereignis belletristisch zu verarbeiten. Heinrich von Kleist durchwebte die Novelle mit vielen metaphysischen Anspielungen, die in dieser Arbeit näher untersucht werden sollen. [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Transzendente Anspielungen im Erzählverlauf der Novelle

2.1. Exposition des Zusammenbruchs der Welt

2.2. Die schöne Utopie des Paradieses

2.3. Die menschliche Katastrophe im Schlussteil

3. Sprachliche Stilmittel zur Hervorrufung transzendenter Vorstellungen

3.1. Sprechende Namen

3.2. Satzbau

3.3. Alliterationen

3.4. Paradoxe Symbolik

4. Spiegelungen

5. Der Zufall

6. Verbindungen zu anderen Werken Kleists

7. Schlussbetrachtung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion und Bedeutung transzendenter Verweise in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“. Dabei wird analysiert, inwiefern die Figuren das Naturereignis religiös deuten und wie diese Interpretation in den gesellschaftlichen Kontext der iberischen Ständegesellschaft sowie in eine alttestamentarische „Auge um Auge“-Mentalität eingebettet ist.

  • Analyse metaphysischer Anspielungen und ihrer Wirkung auf den Erzählverlauf.
  • Untersuchung der religiösen Umdeutung von Zufall und Katastrophe durch die Protagonisten.
  • Kontrastierung von christlicher Nächstenliebe und realer gesellschaftlicher Ausgrenzung.
  • Vergleichende Betrachtung von Motiven aus der antiken Mythologie und der Bibel.
  • Darstellung der Novelle als Auseinandersetzung mit der Theodizee-Problematik.

Auszug aus dem Buch

2.2. Die schöne Utopie des Paradieses

An einer Quelle, die die Talschlucht bewässert, entdeckt Jeronimo Josephe, die ihr Kind in den Fluten reinigt. Überglücklich erkennt er die Geliebte und ruft dabei in heftigster Seeleneuphorie „O Mutter Gottes, du Heilige!“ aus (Erz., S. 197). Auch diese Äußerung Jeronimos beinhaltet eine doppeldeutige Anspielung: Bedankt er sich bei der Muttergottes für die Errettung Josephes und des Kindes oder spricht er die junge Mutter, die ihren Sohn in dieser idyllischen Umgebung badet, als Muttergottes an? Oder kommt irgendwie beides zusammen? Auf jeden Fall reagiert Josephe auch auf diesen Ausruf hin! Ist es ein Zufall, hat sie etwa „nur“ die Stimme des Geliebten erkannt oder fühlt sie sich etwa angesprochen? Wie durch ein Wunder des Himmels gerettet, umarmt sich die Kleinfamilie, die wie die Heilige Familie auf der Flucht aus Ägypten pausierend in idyllischer Landschaft wirkt, ein Thema, dessen sich die Malerei, insbesondere des Barock, die Kleist aus Dresden her kannte, oft annahm (z.B. Ferdinand Bols „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ von 1644).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet den historischen Hintergrund des Erdbebens von 1647 und die philosophische Theodizeedebatte, auf die Kleist in seiner Novelle reagiert.

2. Transzendente Anspielungen im Erzählverlauf der Novelle: Dieses Kapitel analysiert den Zusammenbruch der Ständegesellschaft, die kurze Utopie im Tal und die letztlich verheerende menschliche Reaktion im Schlussteil.

2.1. Exposition des Zusammenbruchs der Welt: Hier wird die prekäre Lage der Liebenden in einer streng katholischen Gesellschaft und der Ausbruch der Katastrophe als göttliches Strafgericht dargestellt.

2.2. Die schöne Utopie des Paradieses: Das Kapitel widmet sich der kurzen Phase der Harmonie im Tal, die als religiöse Utopie und Anspielung auf die Heilige Familie interpretiert wird.

2.3. Die menschliche Katastrophe im Schlussteil: Untersuchung der Radikalisierung des Mobs im kirchlichen Raum, die zum Martyrium der Protagonisten führt.

3. Sprachliche Stilmittel zur Hervorrufung transzendenter Vorstellungen: Analyse der ästhetischen Mittel, mit denen Kleist eine metaphysische Ebene in den Text einführt.

3.1. Sprechende Namen: Erläuterung der symbolischen Namensgebung und ihrer Bezüge zu Heiligen oder mythologischen Figuren.

3.2. Satzbau: Untersuchung, wie Satzstrukturen das Erzähltempo steuern und die Wahrnehmung der Ereignisse beeinflussen.

3.3. Alliterationen: Analyse der lautlichen Mittel, die als „G-Alliterationen“ eine atmosphärische Bedrohung oder göttliche Vorzeichen markieren.

3.4. Paradoxe Symbolik: Darstellung der widersprüchlichen Zeichen, die in der Novelle als Mittel zur gesellschaftskritischen Ironisierung dienen.

4. Spiegelungen: Untersuchung der strukturellen Entsprechungen und Motive, die biblische und apokalyptische Szenarien widerspiegeln.

5. Der Zufall: Reflexion über die Rolle des Zufalls als zentrales, ambivalentes Motiv, das von den Figuren als Transzendenz missdeutet wird.

6. Verbindungen zu anderen Werken Kleists: Aufzeigen intertextueller Bezüge zu anderen Schriften Kleists, insbesondere zur Thematik des Adoptivkindes.

7. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der Thesen: Kleists Novelle zeigt, dass wahre Transzendenz nicht in Institutionen, sondern im menschlichen Handeln selbst begründet liegt.

Schlüsselwörter

Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, Transzendenz, Theodizee, Ständegesellschaft, Katholizismus, Gott, Zufall, Martyrium, Antichrist, Paradies, Naturkatastrophe, Gewalt, Literarische Analyse, Schuld.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht, wie in Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ religiöse Deutungen und der Glaube an transzendente Mächte dazu benutzt werden, die grausame gesellschaftliche Realität und die menschliche Gewaltbereitschaft zu reflektieren.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Zentrum stehen die Theodizee-Problematik, die Rolle der Religion in einer erstarrten Ständegesellschaft, die Symbolik der Namen und Ereignisse sowie die Ambivalenz des Zufalls.

Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die „transzendenten Mächte“ in der Novelle letztlich menschengemachte Projektionen sind, die der Rechtfertigung von Gewalt dienen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die philologische Untersuchungen (Namensdeutung, Satzbau) mit motivgeschichtlichen und intertextuellen Vergleichen verbindet.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert die erzählerische Entwicklung, den Einsatz sprachlicher Stilmittel sowie die Bedeutung von Spiegelungen und Zufallsmotiven innerhalb der Novelle.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die wichtigsten Begriffe sind Kleist, Transzendenz, Theodizee, Ständegesellschaft, Zufall, Martyrium und christliche Symbolik.

Warum wird das Kind Philipp mit dem Antichrist assoziiert?

Die Arbeit legt dar, dass verschiedene Motive, wie die Verkündigung durch einen „widdergehörnten Teufel“ in der Ikonographie und die Vernichtung der Unschuldigen um das Kind herum, eine Deutung als Antichrist innerhalb eines biblisch aufgeladenen Kontextes nahelegen.

Inwiefern spielt der Dom eine besondere Rolle?

Der Dom ist ein Ort der Paradoxie: Er soll Schutz und Heil bieten, wird jedoch durch die blinde Mordlust der Gläubigen zur „Mörderhöhle“ und zum Schauplatz einer „schwarzen Messe“.

Welche Funktion hat die Figur des Pedrillo?

Pedrillo agiert als Inkarnation des Bösen und Pöbelführer, der die unterdrückte Aggression der Menge kanalisiert und religiös legitimiert.

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Details

Title
Funktion und Bedeutung der Verweisungen auf transzendente Mächte in "Das Erdbeben in Chili"
College
University of Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Course
"Kleist: Erzählungen" vom 17. - 18. Februar 2006 in Berlin
Grade
2,7
Author
Iris Lilian Funk (Author)
Publication Year
2008
Pages
36
Catalog Number
V88181
ISBN (eBook)
9783638019156
Language
German
Tags
Funktion Bedeutung Verweisungen Mächte Erdbeben Chili Kleist Erzählungen Februar Berlin
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Iris Lilian Funk (Author), 2008, Funktion und Bedeutung der Verweisungen auf transzendente Mächte in "Das Erdbeben in Chili", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88181
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