In der Zeit vom 13. bis zum 17. Juli schrieb Arthur Schnitzler während eines Urlaubs im Kurhaus von Reichenau die Novelle „Lieutenant Gustl“. Nach einem Konzert wird Leutnant Gustl von dem Bäcker Habetswallner beleidigt. Da dieser satisfaktionsunfähig ist, bleibt Gustl nach dem Ehrenkodex des Militärs nur die Wahl mit Schimpf und Schande seinen Dienst zu quittieren oder sich umzubringen. Er beschließt sich am nächsten Morgen zu erschießen. Bis dahin wandert er durch die Straßen Wiens und denkt über sein Leben, seine Situation und mögliche Auswege nach. Als er morgens vor dem Selbstmord etwas frühstücken will, erfährt er im Kaffeehaus, dass den Bäcker der Schlag getroffen hat. Da niemand etwas von der Beleidigung mitbekommen hat, wirft Gustl den Ehrenkodex erleichtert über den Haufen und beschließt weiterzuleben, als sei nichts geschehen.
Die Novelle erschien am 25.12.1900 als Beilage in der Weihnachtsausgabe der „Neuen freien Presse“. Sie war zu dieser Zeit hochaktuell und hatte großen Erfolg. Aber ihre Inhalte führten zu starken Kontroversen und kosteten ihren Autor das Offizierspatent. Weshalb war die Empörung über diesen Text so groß, dass noch 1962 ein böser Artikel deswegen über Arthur Schnitzler im „“Nachrichtenblatt Alt-Österreichs“ erschien? Und welches Nachspiel hatte die Veröffentlichung der Novelle für ihren Autor?
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Der Charakter des Leutnant Gustl
B.1. Die Möglichkeiten des Inneren Monologs
B.2. Der Charakter Leutnant Gustls
B.3. Das soziale Umfeld: Gustls Verhältnis zu Familie und Militär
B.4. Leutnant Gustl und die Frauen
C. Der Ehrenkodex und die Duelle
C.1. Der Ehrenkodex
C.2. Das Duell mit dem Doktor
C.3. Die Beleidigung des Bäckers und ihre Auswirkungen
D. Die Auswirkungen der Novelle
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert Arthur Schnitzlers Novelle "Lieutenant Gustl" hinsichtlich der Charakterisierung des Protagonisten durch den Inneren Monolog, dessen soziales Umfeld sowie die kritische Auseinandersetzung mit dem militärischen Ehrenkodex der damaligen Zeit und die daraus resultierenden persönlichen Konsequenzen für den Autor.
- Strukturelle Analyse des Inneren Monologs
- Psychologische Untersuchung der Charakterzüge von Leutnant Gustl
- Beziehungsmuster des Protagonisten zu Militär, Familie und Frauen
- Der Einfluss des Ehrenkodex auf das Handeln des Offiziers
- Rezeptionsgeschichte und gesellschaftliche Auswirkungen der Novelle
Auszug aus dem Buch
B.1. Die Möglichkeiten des Inneren Monologs
Bei „Leutnant Gustl“ handelt es sich um den ersten strukturell durchgehaltenen Monolog in deutscher Sprache. Der Innere Monolog ist eine Ich-Erzählung im Präsens, bei der der Autor den Bewusstseinsstrom der dargestellten Person wiedergibt. So wird die größtmögliche Durchschaubarkeit der Figur erreicht. Das subjektive Augenblicksempfinden ist z.B. an unvollständigen, fragmentierten oder gebrochenen Sätzen erkennbar. Da es für den Akteur keine Distanz zum Geschehen gibt, sind seine Gedanken nicht reflektiert oder rational durchdacht. Leutnant Gustl kann seine Gedanken nicht vorsortieren, bevor sie dem Lesepublikum mitgeteilt werden. Durch Assoziationsketten kommen unkontrollierte Reflexe und Emotionen, Vorurteile und Einstellungen zum Vorschein. So können auch unbewusste Gedanken für den Leser offengelegt werden. Hier kommt A. Schnitzler seine medizinische Laufbahn zu Gute, in der er sich mit der Psychoanalyse beschäftigte und erweiterte Einblicke in die menschliche Psyche erhielt.
Scheinbar ohne Ordnung und System, lediglich von Leutnant Gustls Assoziationen gelenkt, erfährt der Leser verstreute Details aus dessen Leben. Doch das „scheinbare Denkchaos ist von Schnitzler genauestens kalkuliert und organisiert“. Er schafft hiermit eine Charakterisierung des Leutnants, welche die Aufregung, die die Veröffentlichung der Novelle mit sich brachte, erklären könnte.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte der Novelle ein und erläutert die zentrale Thematik des Ehrenkodex sowie den anschließenden Skandal, der für den Autor Konsequenzen hatte.
B. Der Charakter des Leutnant Gustl: Dieses Kapitel untersucht die psychologische Verfassung des Protagonisten, dessen Denken durch den Inneren Monolog offengelegt wird, sowie seine Einstellungen zu Frauen und seinem sozialen Umfeld.
C. Der Ehrenkodex und die Duelle: Hier wird der strenge militärische Ehrenkodex analysiert und gezeigt, wie dieser das Handeln und die existenzielle Notlage von Leutnant Gustl nach der Beleidigung durch einen Zivilisten bestimmt.
D. Die Auswirkungen der Novelle: Der abschließende Teil widmet sich der kritischen Aufnahme der Novelle durch das Militär und den negativen Folgen für Arthur Schnitzler selbst.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Lieutenant Gustl, Innerer Monolog, Ehrenkodex, Militär, Offiziersstand, Antisemitismus, Novelle, Literaturanalyse, Bewusstseinsstrom, Sozialkritik, Österreich, Jahrhundertwende, Charakterstudie, Satisfaktionsfähigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Arthur Schnitzlers Novelle "Lieutenant Gustl" und deren Darstellung des militärischen Milieus im Wien um 1900.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die psychologische Charakterisierung des Protagonisten, die starren Strukturen des militärischen Ehrenkodex und die gesellschaftliche Rezeption des Werkes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch den Inneren Monolog eine kritische Charakterstudie entsteht und welche Konsequenzen diese für den Autor Arthur Schnitzler hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zu Schnitzlers Leben und Werk.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert den Inneren Monolog, Gustls Verhältnis zu Familie, Frauen und Militär sowie die fatalen Auswirkungen des militärischen Ehrenkodex.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Innerer Monolog, Ehrenkodex, Militär, Offiziersstand und Sozialkritik geprägt.
Warum wurde Schnitzler das Offizierspatent entzogen?
Ihm wurde vorgeworfen, mit der Veröffentlichung der Novelle die Ehre der Armee herabgesetzt zu haben und keine Schritte gegen kritische Zeitungsartikel unternommen zu haben.
Inwiefern ist der Innere Monolog für die Novelle entscheidend?
Er ermöglicht es, die ungeschönten, teils widersprüchlichen Gedankengänge des Leutnants direkt zu erfassen und ihn als ambivalente Persönlichkeit zu entlarven.
Welche Bedeutung hat das Ende der Novelle für den Ehrenkodex?
Dass Gustl seinen "Ehrenkodex" sofort über den Haufen wirft, sobald keine Zeugen mehr vorhanden sind, entlarvt den Kodex als heuchlerisches Konstrukt.
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- Katrin Grebing (Author), 2005, Zu: Arthur Schnitzlers "Lieutenant Gustl", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86788