Wer heute ein Flugzeug besteigt, findet auf seinem Ticket das Flugziel als 3-Letter-Code. Ist man zum Beispiel auf dem Weg von Frankfurt nach Hamburg, steht auf dem Ticket FRA-HAM. Soweit so klar, aber weshalb redet in der Flugsicherung niemand davon? Wieso sind Flugkarten mit anderen Flughafenkürzeln versehen? Das eindeutige HAM wird zum undurchsichtigen EDDH, Frankfurt zu EDDF.
Der Grund dafür ist einfach: Der Passagier kommt eigentlich nur mit dem 3-lettrigen Code der IATA, der internationalen Vereinigung der Fluglinien in Kontakt. Im praktischen Flugbetrieb findet man aber hauptsächlich die Verwendung von 4-lettrigen Codes, den so genannten ICAO-Codes. Die ICAO ist die Luftfahrtorganisation der Vereinten Nationen.
Der Organisationsdualismus in der Luftfahrt ist historisch gewachsen und ein interessantes Beispiel für internationale Kooperation und Institutionalisierung auf und zwischen unterschiedlichen Ebenen.
In meiner Arbeit will ich den Weg aufzeigen, der zum heutigen System führte, und untersuchen, ob zwei ausgewählte Theorien internationaler Beziehungen diese erklären können. Zum einen verwende ich den Institutionalismus, der ja bereits in seinem Namen Erklärungskraft für institutionelle Gebilde verspricht, und zum anderen den Konstruktivismus, der als eine der jüngsten und auch umfassendsten Theorien bestehen muss. Institutionalismus und Konstruktivismus zählen in den internationalen Beziehungen zur „idealistischen Schule, die sich in eine normativ-idealistische (nämlich den Institutionalismus, d. A) und sozialkonstruktivistische (Der Konstruktivismus, d. A.) gliedert“ (Schmidt, Manfred G., 2004, S.330).
Nach einer Darstellung der Geschichte beider Organisationen werde ich die Aufgabenbereiche sowohl getrennt, als auch gemeinsam darstellen. Anschließend versuche ich, die Organisationen für sich institutionalistisch, beziehungsweise konstruktivistisch zu erklären, um mich zuletzt dann der Erklärung des Dualismus selbst zu widmen.
Die ICAO ist die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation der Vereinten Nationen. Sie hat den Status einer UN-Sonderorganisation und sitzt in Montreal, Kanada. Die ICAO hatte 2006 188 Mitglieder und besteht aus einer Vollversammlung und einem ständigem Rat (vergl. Zantke, Sigfried, 1976, S.204). Ein Sekretariat kümmert sich um die tägliche Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung
2. Die Institutionen
2.1 Die ICAO als „staatliche“ Institution und IATA als „privater“ Wirtschaftsverband
2.1.1 ICAO
2.1.2 IATA
2.2 Dualismus und Konkurrenz in der Tätigkeit der Organisationen
2.2.1 Aufgabenteilung
2.2.2 Überschneidende Aufgabenfelder
3. Der Organisationsdualismus aus Sicht internationaler Beziehungstheorien
3.1 ICAO und IATA
3.1.1 Institutionalistische Erklärung
3.1.2 Konstruktivistische Erklärung
3.2 Der Dualismus
3.2.1 Institutionalistische Erklärung
3.2.2 Konstruktivistische Erklärung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den historisch gewachsenen Organisationsdualismus in der internationalen zivilen Luftfahrt, repräsentiert durch die staatliche ICAO und den privatwirtschaftlichen Verband IATA, und analysiert diesen mithilfe von Theorien der internationalen Beziehungen.
- Historische Genese und Aufgabenbereiche von ICAO und IATA
- Analyse von Überschneidungen und Konkurrenzverhältnissen
- Institutionalistische Perspektive auf internationale Regime und Organisationen
- Konstruktivistische Erklärungsansätze zu Normen, Ideen und Identitätsbildung
- Bewertung der Eignung beider Theorien für die Erklärung der dualen Struktur
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Institutionalistische Erklärung
Der Institutionalismus schreibt dem Wirken von Internationalen Regimen und Internationalen Organisationen eine dauerhafte Struktur zu (vergl. Münkler, Herfried (Hrsg.), 2003, S.333). Ohne Zweifel sind sowohl IATA als auch ICAO mit über 50jährigem Bestehen Teil einer dauerhaften Struktur. Die ICAO wird in ihrer supranationalen Struktur aber darin geschwächt, dass trotz aller Dauerhaftigkeit in den nach wie vor gültigen Gründungsurkunden die Souveränität der Staaten das Nonplusultra darstellt (vergl. Matte, Nicolas M., 1994, S.547). Die Verregelung und Verrechtlichung von Staatenbeziehungen (vergl. Krell, Gert, 2000, S.142) ist in der ICAO geradezu exemplarisch gegeben, wenn auch hier keine sämtliche Konfliktfelder umfassende Verrechtlichung festzustellen ist. Die IATA ist hier kein gutes Beispiel institutionalistischer Theorie, sie ist juristisch auf die jeweiligen nationalen Rechtsordnungen angewiesen und bietet keine eigene Legislativautorität (vergl. Specht, 1973, S.6f).
Bei manchen Normierungen ist sie jedoch inzwischen so erfolgreich, dass das Recht im Prinzip keine andere Wahl hat, als sich anzupassen (vergl. Gran, 1998, S.245). Die „englische Schule“ des Institutionalismus beschreibt eine Staatengesellschaft mit Sozialisations- und Regulationsmechanismen durch Makroinstitutionen wie das Völkerrecht (vergl. Krell, 2000, S.142). Und das Völkerrecht spielt bei der ICAO in der Tat eine Rolle, sind doch deren Richtlinien völkerrechtliche Verpflichtung für die Mitgliedsstaaten. Eine Tendenz zur „Institutionalisierung des Konfliktaustrags und seiner normativen Verregelung“ (zit. n. Schmidt, 2004, S.320) lässt sich an einigen Stellen finden. Die IATA-Tariffindung ist ein enorm institutionalisierter Konflikt, der über Konferenzen und Abgeordnete mit vorgebildeter Meinung in festem Rahmen agiert (vergl. Hünermann/Rössger, 1968, S.81ff). Die Klage der USA gegen die EU vor der ICAO ist ebenfalls ein klar institutionalisierter Konflikt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Fragestellung: Der Autor führt in die Thematik der ICAO- und IATA-Codes ein und formuliert das Ziel, den dualen Organisationscharakter der Luftfahrt theoretisch zu durchleuchten.
2. Die Institutionen: Dieses Kapitel beschreibt detailliert die Entstehung und Funktionen der ICAO als UN-Sonderorganisation sowie der IATA als privatwirtschaftlicher Interessenverband der Fluglinien.
3. Der Organisationsdualismus aus Sicht internationaler Beziehungstheorien: Hier werden die Institutionen und deren duales Verhältnis aus Perspektive des Institutionalismus und des Konstruktivismus analysiert, um deren Erklärungskraft zu prüfen.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass beide Theorien nur bruchstückhaft in der Lage sind, das komplexe Miteinander von staatlicher und privatwirtschaftlicher Organisation in der Luftfahrt vollständig zu erklären.
Schlüsselwörter
Internationale Beziehungen, ICAO, IATA, Luftfahrt, Institutionalismus, Konstruktivismus, Organisationsdualismus, internationale Organisationen, Reglementierung, Sicherheit, Standardisierung, Weltpolitik, Luftfahrtrecht, Interessenverband, Kooperation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der dualen Struktur der zivilen Luftfahrtregulierung, die durch das Zusammenspiel der ICAO und der IATA geprägt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die institutionelle Aufgabenverteilung, historisch gewachsene Regulierungsstrukturen und die Anwendung politikwissenschaftlicher Theorien auf diese Organisationen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu analysieren, ob und wie die Theorien des Institutionalismus und des Konstruktivismus den Organisationsdualismus in der internationalen Luftfahrt erklären können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, bei der existierende Organisationsstrukturen und Zielformulierungen der Verbände auf ihre Konformität mit institutionalistischen und konstruktivistischen Erklärungsmodellen geprüft werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der Organisationen (Geschichte, Aufgaben) und deren anschließende theoretische Einordnung hinsichtlich ihrer institutionellen und normativen Ausrichtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Internationale Beziehungen, ICAO, IATA, Institutionalismus, Konstruktivismus und Luftfahrtregulierung charakterisiert.
Warum wird IATA im Kontext des Institutionalismus als schwierig bewertet?
Da die IATA als privater Wirtschaftsverband agiert und keine eigene überstaatliche Legislativautorität besitzt, sondern auf nationalen Rechtsordnungen basiert, ist sie schwerer als klassische internationale Institution zu erfassen.
Wie unterscheidet sich die Rolle der ICAO von der IATA bei der Normsetzung?
Die ICAO fungiert als Medium der Regierungszusammenarbeit mit völkerrechtlich bindenden Richtlinien, während die IATA eher als technisches und kommerzielles Bindeglied zwischen Unternehmen agiert.
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- Jannis Frech (Author), 2007, Die Organisation der zivilen Luftfahrt durch ICAO und IATA aus der Sicht internationaler Beziehungstheorien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86683