Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert etablierte sich in Europa eine neue Erwerbsart: die Heimindustrie, die Güter für überregionale Märkte produzierte. Ihre Produktionszentren befanden sich überwiegend in ländlichen Gegenden, wo sie gemeinsam mit der Landwirtschaft betrieben wurde. Durch den Prozess der Heimindustrialisierung löste sich die Bevölkerung von den agrarischen Ressourcen und wandte sich einer selbständigen und handwerklichen Tätigkeit zu. Als Vorform der im 19. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung - Protoindustrialisierung - kam der Produktionsprozess ohne Anwendung fortgeschrittener Technologien und ohne die Zentralisierung von Arbeitskräften in Fabriken aus. Durch diese umfassende Veränderung auf dem Lande, vollzog sich ein Wandel der Lebensverhältnisse, Verhaltensweisen und Mentalitäten der ländliche Bevölkerung.
In dieser Arbeit wird im Rahmen der Mikrohistorie dieser Wandel beleuchtet. Es soll untersucht werden, wie die besitzlose Bevölkerung auf dem Lande am Ende des 18. Jahrhunderts gelebt hat. Auf diese Weise lassen sich Rückschlüsse auf die "großen Ereignisse" der Geschichte ziehen: "Small facts can speak to large issues." Der Prozess der Protoindustrialisierung in Europa lässt sich auf diese Weise aus der Perspektive "von unten" betrachten. Dadurch können z. B. Fragen zur Funktion des kapitalistischen Wirtschaftssystem und seine Auswirkungen auf die Beteiligten sowie Fragen zur Entwicklung von Stände- zu Klassengesellschaften beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Protoindustrialisierung
- Wirtschaftliche Entwicklung
- Soziale Veränderungen
- Quellen zur Alltagsgeschichte
- Christoph Friedrich Müller
- Johann Moritz Schwager
- Alltagsleben
- Wohnverhältnisse
- Ernährungssituation
- Arbeit
- Religiöses Leben
- Bildungschancen
- Konsum und soziales Verhalten
- Schlussbetrachtung
- Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit widmet sich der Erforschung des Alltagslebens der besitzlosen Bevölkerung im ländlichen Westfalen am Ende des 18. Jahrhunderts. Sie untersucht die Auswirkungen der Protoindustrialisierung auf die Lebensverhältnisse, Verhaltensweisen und Mentalitäten der Menschen in dieser Zeit. Im Fokus steht dabei die Perspektive der „von unten“, um zu verstehen, wie die „großen Ereignisse“ der Geschichte aus der Sicht der einfachen Bevölkerung erlebt und geprägt wurden.
- Protoindustrialisierung in Westfalen am Ende des 18. Jahrhunderts
- Alltagsleben der besitzlosen Bevölkerung
- Wirtschaftliche Entwicklung und soziale Veränderungen im Kontext der Protoindustrialisierung
- Quellenkritik und Analyse von Landschaftsbeschreibungen lutherischer Pfarrer
- Zusammenhänge zwischen Protoindustrialisierung und der Entwicklung von Stände- zu Klassengesellschaften
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung erläutert den Kontext der Protoindustrialisierung und die Bedeutung der Mikrohistorie für das Verständnis von „großen Ereignissen“. Sie stellt die Quellen – Landschaftsbeschreibungen lutherischer Pfarrer – und den methodischen Ansatz der Arbeit vor. Das zweite Kapitel beleuchtet die wirtschaftliche Entwicklung und sozialen Veränderungen im Kontext der Protoindustrialisierung. Es behandelt die Faktoren, die zur Verbreitung dieser neuen Erwerbsart in Westfalen führten, wie zum Beispiel die Bevölkerungsexpansion und die wachsende Nachfrage nach heimgewerblichen Produkten.
Schlüsselwörter
Protoindustrialisierung, Alltagsgeschichte, Westfalen, 18. Jahrhundert, Heimindustrie, Besitzlose Bevölkerung, Landschaftsbeschreibungen, Quellenkritik, Wirtschaftliche Entwicklung, Soziale Veränderungen, Mikrohistorie, Ständegesellschaft, Klassengesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Was versteht man unter Protoindustrialisierung?
Protoindustrialisierung bezeichnet die Vorform der Industrialisierung im 16. bis 19. Jahrhundert, bei der ländliche Haushalte in Heimarbeit Güter für überregionale Märkte produzierten.
Wie lebte die besitzlose Bevölkerung in Westfalen am Ende des 18. Jahrhunderts?
Die Lebensverhältnisse waren oft prekär; die Menschen kombinierten kleingewerbliche Tätigkeiten (wie Weberei) mit saisonaler Landarbeit, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Welche Quellen nutzt die Alltagsgeschichte für diese Zeit?
Wichtige Quellen sind Landschaftsbeschreibungen und Berichte von lutherischen Pfarrern (z.B. Müller und Schwager), die das Leben der einfachen Bevölkerung detailliert dokumentierten.
Wie veränderte die Heimindustrie die Mentalität der ländlichen Bevölkerung?
Der Übergang von rein agrarischer Arbeit zu handwerklicher Tätigkeit führte zu einem Wandel im Konsumverhalten, in den Familienstrukturen und im sozialen Verhalten.
Was bedeutet "Alltagsgeschichte von unten"?
Es ist ein mikrohistorischer Ansatz, der nicht die großen politischen Ereignisse, sondern die Lebensrealität und Perspektive der einfachen Leute ins Zentrum der Untersuchung stellt.
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- Jan Schumann (Author), 2002, Alltagsgeschichte - Unterschichten in Westfalen am Ende des 18. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8289