Dieses Bild zeigt noch den Ballettsaal der alten Pariser Oper, die 1873 niedergebrannt ist. Links sieht man das angeschnittene Motiv einer Wendeltreppe. Auf dieser Treppe erscheint am oberen Bildrand das barfüßige Beinpaar einer absteigenden Tänzerin. Das Motiv der angeschnittenen Beine wiederholt sich in abgewandelter Form in der Mitte der Treppe. Dort wird eine Tanzschülerin von der Wendeltreppe verdeckt, so dass nur ein Teil ihres Kleides und die Beine sichtbar sind. Am linken oberen Bildrand proben zwei weitere Tänzerinnen. Auch diese sind im Anschnitt gegeben und teilweise von dem Treppengeländer verdeckt.
Am rechten Bildrand befindet sich eine Figurengruppe, die aus zwei Tanzschülerinnen und einer älteren Frau, bei der es sich möglicherweise um die Mutter beider oder eines der beiden Mädchen handelt, besteht. Eines der Mädchen hat einen grünen Pullover übergezogen und sitzt auf einem Stuhl. Mit offensichtlichem Interesse schaut es zu, wie sich das andere vorbeugt, um sich von der Mutter das Kleid schnüren zu lassen. Das Gesicht und die linke Körperpartie dieses Mädchens sind vom rechten Bildrand abgetrennt.
Bei der Mutter oder assistierenden Frau handelt es sich um Degas′ Haushälterin, Sabine Neyt, die bereits für andere Ballettmotive als Assistentin Modell gestanden hatte.
Hinter ihr erscheint in perspektivischer Verkürzung die Figur des Tanzlehrers. Gekleidet mit einem beigen Jackett und einem auffallend rot leuchtenden Pullover hebt er sich prägnant von dem angegrauten Anstrich der Wand ab. In dem Tanzlehrer erkennt man Jules Perrot. Dieser war in der Mitte des 19. Jahrhunderts der berühmteste französische Tänzer und außerdem ein geachteter Choreograph. Um 1874, als Degas an diesem Bild arbeitete, hatte sich Perrot längst aus dem aktiven Bühnenleben zurückgezogen. Zuletzt arbeitete er als Tanzlehrer. Sein Bildnis entstand nach einer Fotovorlage von 1861.
Ebenfalls im Hintergrund probt eine fünfköpfige Figurengruppe vor einer Spiegelwand. Die Schülerinnen sind ihrem Lehrer zugewandt, doch dieser ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt um sie zu beachten.
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Inhaltsverzeichnis
1. Bildbeschreibung
2. Inwieweit ist die dargestellte Situation charakteris-tisch für das Zeitgeschehen des 19. Jahrhunderts ?
3. Erzählte Zeit (Die Zeit der Handlung)
4. Die Darstellungsart
5. Die Zeit in der Zeit
6. Resümee
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gemälde "Die Ballettprobe" von Edgar Degas und analysiert, wie der Künstler durch spezifische kompositorische Mittel die Aspekte von Zeit, Vergänglichkeit und Modernität in einem statischen Bildmedium verarbeitet und konstruiert.
- Die kunsthistorische Einordnung des Werkes im Kontext des 19. Jahrhunderts.
- Die Bedeutung des Einflusses japanischer Farbholzschnitte und der frühen Fotografie auf Degas' Stil.
- Die Analyse der dezentralen Bildkomposition und des "flâneur"-Konzepts.
- Die philosophische Auseinandersetzung mit Zeitlichkeit, Kontingenz und dem "Augenblick" in der Malerei.
Auszug aus dem Buch
3. Erzählte Zeit (Die Zeit der Handlung)
Ob die Ballettprobe noch nicht begonnen hat oder gerade durch eine Pause unterbrochen worden ist, läßt sich nicht definitiv feststellen. Sicher ist auf jeden Fall, dass die dargestellte Situation einen Augenblick der Vorbereitung zeigt, der in naher Zukunft zu einem Ereignis führen wird. Dieses Ereignis ist der gemeinsame Tanz; die Vorbereitung dazu kann man in dem Schnüren des Kleides, vielleicht auch in dem angespannten Sinnieren des Tanzlehres sehen.
Degas hat diesen Augenblick so dargestellt, dass man sicher sein kann, dass jeden Moment eine Veränderung eintreten wird. Wenn das Kleid geschnürt ist, wird sich das Mädchen wieder seinen Mitschülerinnen zuwenden. Das sitzende Mädchen wird sich erheben, und auch der Tanzlehrer wird wieder die Regie übernehmen. Der Wandel steht unmittelbar bevor, und dieser Eindruck wird von Degas noch verstärkt, indem er am linken oberen Bildrand die Beine einer Tänzerin in das Bild hineinlaufen läßt: Der Betrachter ahnt, dass dieses noch unsichtbare Mädchen gleich mitten im Geschehen auftauchen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Bildbeschreibung: Eine detaillierte Analyse der visuellen Elemente und Figurenkonstellationen im Gemälde "Die Ballettprobe" von Edgar Degas.
2. Inwieweit ist die dargestellte Situation charakteris-tisch für das Zeitgeschehen des 19. Jahrhunderts ?: Untersuchung des soziokulturellen Kontextes der Pariser Oper und der Rolle des Balletts als gesellschaftliches Phänomen dieser Ära.
3. Erzählte Zeit (Die Zeit der Handlung): Erörterung der temporalen Implikationen innerhalb des Bildes und der Darstellung eines unmittelbaren Vorbereitungszustandes.
4. Die Darstellungsart: Analyse des Einflusses von Fotografie und japanischen Holzschnitten auf die asymmetrische und moderne Kompositionstechnik von Degas.
5. Die Zeit in der Zeit: Philosophische Betrachtung darüber, wie Degas verschiedene zeitliche Ebenen und disparates Bildmaterial zu einem konstruierten, "unzeitlichen" Gesamteindruck verschmilzt.
6. Resümee: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass das Werk gleichermaßen Aspekte der Zeitlichkeit, Zeitlosigkeit und Zeitbezogenheit in sich vereint.
Schlüsselwörter
Edgar Degas, Die Ballettprobe, 19. Jahrhundert, Impressionismus, Japanische Holzschnitte, Momentfotografie, Zeitlichkeit, Komposition, Realismus, Pariser Oper, Jules Perrot, Flâneur, Bildanalyse, Kunstgeschichte, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Gemälde "Die Ballettprobe" von Edgar Degas hinsichtlich seiner künstlerischen Darstellung von Zeit und der Einflüsse der Moderne auf dessen Werk.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die kunsthistorische Einordnung der Ballett-Szenen, die Einflüsse außereuropäischer Kunst (Japonismus) und Fotografie sowie die philosophische Reflexion über Zeit in der Malerei.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Degas durch die bewusste Montage disparater Zeitebenen und eine spezielle Kompositionstechnik eine "Unzeit" erschafft, die sowohl modern als auch zeitlos wirkt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Bildanalyse, die durch den Vergleich mit zeitgenössischen Strömungen und die Einbeziehung theoretischer Ansätze (z.B. Imdahl, Herbert, Keller) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die visuelle Beschreibung, die historische Kontextualisierung, die Untersuchung der Erzählzeit und die Analyse der Kompositionsmethoden im Vergleich zu anderen modernen Einflüssen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Impressionismus, Japanische Holzschnitte, Momentfotografie, Zeitlichkeit, Kontingenz, Bildkomposition und Degas' spezifischer Realismus.
Warum ist das Treppenmotiv im Bild für den Autor so bedeutsam?
Das Treppenmotiv wird als zentraler "Bewegungsimpuls" interpretiert, der den Wandel vom "Jetzt" zum "Später" verdeutlicht und damit die Dynamik des gesamten Bildes symbolisiert.
Wie bewertet der Autor Degas' Umgang mit historischen Fakten im Bild?
Der Autor stellt fest, dass Degas verschiedene Zeiten (z.B. eine Fotografie von 1861 für eine Szene von 1874) kombiniert und somit ein "willkürliches Konstrukt" schafft, anstatt ein realistisches Ereignis abzubilden.
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- Dr. Sabrina Cercelovic (Author), 2002, Edgar Degas. Zeit und Zeitgeschehen in der Ballettprobe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8056