Václav Havel, ehemals tschechischer Staatspräsident, sagte einmal: „If one can say of any war that it is ethical, or that it is being waged for ethical reasons, then it is true of this war”. Havel meinte den Krieg um den Kosovo, den die NATO am 24. März 1999 gegen die Bundesrepublik Jugoslawien initiierte. Die internationale Gemeinschaft brachte bei der öffentlichen Begründung für ihre Intervention hauptsächlich ethische und moralische Argumente hervor. Die USA, die sowohl bei der Planung als auch bei der Durchführung der Intervention führend waren, erklärten stets, dass durch das militärische Eingreifen den gewaltsamen Repressionen der Serben gegenüber den Kosovo-Albanern ein Ende bereitet werden sollte. Jedoch stellt sich die Frage, welche nationalen beziehungsweise strategischen Sicherheits- und Machtinteressen hinter der Intervention gestanden haben könnten. Diese Arbeit will eine Antwort auf diese Frage liefern. Mithilfe der populären Theorie des Neorealismus soll untersucht werden, inwieweit die strukturelle Beschaffenheit des internationalen Systems und die daraus resultierenden Implikationen für das Verhalten der Staaten den Ausbruch des Krieges zwischen NATO und Jugoslawien erklären können.
Diese Arbeit ist klar strukturiert: Zunächst wird der Konflikt zwischen der internationalen Gemeinschaft und der Bundesrepublik Jugoslawien bis zum Kriegsausbruch ausführlich beschrieben, indem der Konfliktgegenstand, die Konfliktparteien und ihre Positionsdifferenzen, der Konfliktverlauf (angefangen bei den Studentendemonstrationen im Kosovo 1981 bis hin zum Start der NATO-Luftschläge gegen Serbien am 24. März 1999) sowie der Konfliktaustrag näher analysiert werden. Anschließend wird die Theorie des Neorealismus vorgestellt, wie sie von Kenneth N. Waltz entwickelt worden ist: Aus dessen Grundannahmen über das internationale System und seine Akteure werden drei Hypothesen abgeleitet, mit denen die Wahrscheinlichkeit eines Kriegsausbruchs erklärt werden kann. Diese Hypothesen werden schließlich fallspezifisch auf den Kosovo-Krieg angewendet. Hierbei soll nicht nur untersucht werden, welche strategischen Macht- und Sicherheitsinteressen die USA in ihrer Kriegsentscheidung geleitet haben, sondern auch der Widerstand Jugoslawiens gegen die ultimativen Forderungen der internationalen Gemeinschaft sowie der Verstoß der USA gegen die Charta der Vereinten Nationen werden Gegenstand der Analyse sein.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Konfliktbeschreibung
2.1. Konfliktgegenstand
2.1.1. Bestimmung des Sachbereichs
2.1.2. Konkretisierung
2.2. Konfliktparteien und ihre Positionen
2.2.1. Akteure und ihr Verhältnis zueinander
2.2.2. Positionsdifferenzen
2.3. Konfliktverlauf
2.3.1. Vorgeschichte des Konflikts zwischen Kosovo-Albanern und Serben
2.3.2. Verlauf des Konflikts zwischen internationaler Gemeinschaft und den beiden Konfliktparteien im Streit um den Kosovo
2.3.2.2. Manifestierung des Konflikts: März 1998 bis September 1998
2.4. Konfliktaustragung
2.4.1. Versuch und Scheitern eines bilateralen Dialogs: bis zum Herbst 1998
2.4.2. Forcierte Kooperation und Verhandlungen: Herbst 1998 bis Ende 1999
2.4.3. Vorbereitung und Durchführung der Rambouillet-Konferenz: Januar bis März 1999
2.4.4. Fazit
III. Theorie des Neorealismus nach Waltz
3.1. Entstehung
3.2. Grundannahmen über das internationale System
3.2.1. Akteure
3.2.2. Struktur des internationalen Systems
3.3. Kausalmechanismen
3.3.1. Explanans (unabhängige Variable)
3.3.2. Explanandum (abhängige Variable)
3.4. Hypothesen zum Kriegsrisiko
3.5. Kritik
3.5.1. theorieintern
3.5.2. theorieextern
IV. Hypothesengeleitete neorealistische Erklärung des Ausbruchs des Kosovo-Krieges unter besonderer Berücksichtigung der USA
4.1. Einleitung
4. 2. Hypothesen
V. Zusammenfassende Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die Ursachen des Kosovo-Krieges unter Rückgriff auf den systemischen Ansatz des Neorealismus nach Kenneth N. Waltz. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, inwieweit die strukturelle Beschaffenheit des internationalen Systems und die daraus resultierenden Implikationen für das staatliche Handeln den Ausbruch des Krieges zwischen der NATO und der Bundesrepublik Jugoslawien erklären können, wobei insbesondere die strategischen Interessen der USA im Fokus stehen.
- Neorealistische Theoriebildung nach Kenneth N. Waltz
- Strukturelle Dynamiken im internationalen System (Anarchie und Unipolarität)
- Analyse des Konflikts zwischen der internationalen Gemeinschaft und Jugoslawien
- Untersuchung strategischer Macht- und Sicherheitsinteressen der USA
- Kritische Reflexion der Völkerrechtsrelevanz in neorealistischer Perspektive
Auszug aus dem Buch
3.2. Grundannahmen über das internationale System
Nach Waltz besteht das internationale System aus einer Struktur und aus miteinander interagierenden Einheiten (vgl. Krell 2004: 162). Waltz schreibt: „Structure is defined by the arrangement of its parts, it is not something we can see, it is an abstraction“ (Waltz 1959: 88). Folgende Prämissen konstatiert er für die Akteure und die Struktur im internationalen System:
Die Staaten gelten als die zentralen Akteure in der internationalen Politik. Waltz bezeichnet sie als „like units“, also einheitliche und uniforme Akteure, deren interne Beschaffenheit (z. Bsp. Art des politischen Systems) für die neorealistische Theorie nicht relevant ist (vgl. Waltz 1979: 93). Alle Staaten zeichnen sich durch drei Hauptmerkmale aus, nämlich erstens durch ihren Selbsterhaltungstrieb, d.h. sie sind stets um den Erhalt ihrer Integrität gegenüber inneren und äußeren Einflüssen bemüht, zweitens durch Rationalität, d.h. die Staaten handeln stets zweckorientiert, sind lernfähig und wägen bei ihren Handlungsstrategien die Kosten gegen den zu erwartenden Nutzen ab, und drittens durch Unitarismus, d.h. die Staaten sind gegenüber ihren gesellschaftlichen Gruppen im Innern autonom und richten ihre Außenpolitik nach dem internationalen System aus (vgl. Schörnig 2003: 67 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung formuliert die Forschungsfrage, ob der Kosovo-Krieg durch die neorealistische Theorie erklärbar ist, und stellt die methodische Vorgehensweise vor.
II. Konfliktbeschreibung: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte Darstellung des Konfliktgegenstands, der Akteure und des Verlaufs von den Anfängen bis zur militärischen Intervention.
III. Theorie des Neorealismus nach Waltz: Hier werden die theoretischen Grundlagen des Neorealismus, insbesondere die Systemstruktur und die Kausalmechanismen staatlichen Verhaltens, erläutert.
IV. Hypothesengeleitete neorealistische Erklärung des Ausbruchs des Kosovo-Krieges unter besonderer Berücksichtigung der USA: Dieses Kernkapitel wendet die zuvor entwickelten Hypothesen auf den Kosovo-Konflikt an und diskutiert die Rolle der USA im unipolaren System.
V. Zusammenfassende Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Eignung der neorealistischen Theorie zur Erklärung des Handlungsdrucks, wobei die Hegemoniethese differenziert betrachtet wird.
Schlüsselwörter
Neorealismus, Kosovo-Krieg, NATO, USA, internationale Systemstruktur, Anarchie, Unipolarität, Sicherheitsinteressen, Machtgleichgewicht, Rambouillet-Konferenz, Völkerrecht, Selbsthilfe, strategische Interessen, Außenpolitik, Machtpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Ausbruch des Kosovo-Krieges im Jahr 1999 mithilfe der wissenschaftlichen Theorie des Neorealismus nach Kenneth N. Waltz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Struktur des internationalen Systems, die Rolle der USA als unipolare Supermacht sowie die strategischen Interessen und das rationale Handeln von Staaten in einem anarchischen Umfeld.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, inwieweit die strukturellen Gegebenheiten des internationalen Systems und die daraus resultierenden Handlungszwänge den Ausbruch des Krieges zwischen der NATO und Jugoslawien erklären können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer hypothesengeleiteten theoretischen Analyse, bei der neorealistische Grundannahmen auf den spezifischen Fall des Kosovo-Krieges angewendet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Konfliktbeschreibung, die Darlegung der neorealistischen Theorie sowie die fallspezifische Anwendung dieser Theorie auf das Verhalten der USA und Jugoslawiens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Neorealismus, Anarchie, Unipolarität, Sicherheitsinteressen, Machtgleichgewicht und das rationale Handeln der Akteure.
Warum konnte die neorealistische Hegemoniethese den Widerstand Jugoslawiens in Rambouillet zunächst nicht erklären?
Die Hegemoniethese geht davon aus, dass ein militärisch schwächerer Staat bei drohender Unterlegenheit rationalerweise nachgibt; da Jugoslawien jedoch trotz massiver Überlegenheit der NATO Widerstand leistete, schien dies zunächst der Theorie zu widersprechen.
Wie löst der Autor diesen Widerspruch auf?
Durch die Berücksichtigung des Selbsterhaltungstriebs: Der Friedensvertrag von Rambouillet stellte durch seine Bedingungen (Annex B) eine existenzielle Bedrohung für Jugoslawien dar, wodurch der Widerstand aus neorealistischer Sicht als rationale Entscheidung zur Sicherung der staatlichen Existenz interpretierbar wird.
- Arbeit zitieren
- Christian Kreß (Autor:in), 2006, Die USA, die NATO und der Krieg um den Kosovo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80463